• Walter Gasperi

Crossing Europe 2022: Gewalt und Zärtlichkeit

Aktualisiert: 1. Mai


Dysfunktionale Familien, Gewalt, aber auch die Sehnsucht nach Zärtlichkeit und Versöhnung stehen im Zentrum von Ursula Meiers Familiendrama "La Ligne" und von Gudmundur Arnar Gudmundssons Coming-of-Age-Drama "Beautiful Beings".


Schon 2009 hat das Crossing Europe filmfestival linz Ursula Meier einen Tribute gewidmet. Heuer präsentierte die Schweizerin in der Programmschiene "European Panorama Fiction" ihren neuen Spielfilm "La Ligne", der im Wettbewerb der Berlinale uraufgeführt wurde. Nach dem meisterhaften Sozialdrama "Winterdieb - L´enfant d´en haut" legt Meier damit ein Familiendrama vor, das einige Parallelen zu ihrem Spielfilmdebüt "Home" aufweist.


Wieder liegt der Fokus ganz auf einer Familie und den gruppendynamischen Prozessen und wieder wählt Meier wie dort mit einem Haus am Rand einer nie fertig gestellten Autobahn mit einem Kontaktverbot und einer im Abstand von 100 Meter um das Haus gezogenen Grenzlinie eine ungewöhnliche Ausgangssituation.


Grund für das Kontaktverbot der 35jährigen Margaret ist ein heftiger Streit mit ihrer Mutter. Schon während des Vorspanns fliegen Bücher, Musiknoten, Vasen und Schallplatten zu sakraler Musik gegen eine Zimmerwand. Erst mit Ende des Vorspanns werden die Kontrahenten sichtbar. Auch zwei Männer können Margaret und ihre 55-jährige Mutter Christina nicht bändigen. Zeitlupe akzentuiert noch ihren Furor. Nur kurz scheinen sie sich zärtlich anzublicken, dann klatscht eine Ohrfeige und Christina geht zu Boden, wobei zuvor ihr Kopf noch gegen das Klavier kracht. Aber auch Margaret kommt nicht ohne Schrammen davon.


Ein heftiger Einstieg ist dies und allem Anschein nach nicht der erste Gewaltausbruch Margarets. Ihre Emotionen kann sie nicht bändigen, auch ihre Beziehung zu einem Mann, der ihr jetzt vorübergehend wieder Unterkunft gewährt, ist daran zerbrochen. Aber auch das vom Gericht ausgesprochene Kontaktverbot will sie nicht einhalten, sondern bereut ihren Ausraster und will wieder gut machen, was sie angerichtet hat.


Immer wieder taucht sie so an der blauen Linie auf, die ihre erst 12-jährige jüngere Schwester Marion um das Haus gezogen hat. Auf Distanz gibt sie ihr Musikunterricht und versucht auch wieder Kontakt zur Mutter zu knüpfen.


Differenziert leuchtet Meier nicht nur die schwierige Mutter-Tochter-Beziehung aus, sondern auch die Beziehung der beiden Geschwister. Großartig spielt Valeria Bruni-Tedeschi die Mutter als eine divenhafte Frau, die nie Mutter sein wollte und Margaret immer vorwarf am Ende ihrer Pianistenkarriere Schuld zu sein. Mit Verve verkörpert aber auch Stéphanie Blanchoud Margaret als gleichermaßen impulsiv wie zerbrechlich und vergessen darf man Elli Spagnola als Marion, die unter dem Konflikt von Mutter und Schwester leidet und zu vermitteln versucht.


Meier gelingt es dabei auch nach dem heftigen Einstieg zunehmend humorvolle und sanftere Töne einzustreuen, sicher die Balance zwischen Ernst und Leichtigkeit zu bewahren, sodass "La ligne", den die Kamerafrau Agnès Godard atmosphärisch dicht im winterlichen Westschweizer Ambiente verankert, nicht niedergeschlagen, sondern hoffnungsvoll und gelöst aus dem Kino entlässt.


Vom Auftauchen aus einem Klima der Aggression und Gewalt träumt der 14-jährige Addi schon am Beginn von Gudmundur Arnar Gudmundssons zweitem Spielfilm ""Berdreymi – Beautiful Beings", der in der Schiene "Competition Fiction" läuft. Immer wieder werden die Träume oder Visionen von Addi die Handlung unterbrechen und für poetisch-magische Momente in einem Coming-of-Age-Drama sorgen, das ansonsten von drastischem Realismus bestimmt ist.


Sich selbst überlassen sind hier Addi und seine Freunde Konni und Siggi. Bis kurz vor Ende des Films sind Erwachsene nahezu abwesend, ganz auf die Jugendlichen fokussiert Gudmundsson. Gewalt prägt ihren Alltag, im neu an die Schule kommenden Baldur finden sie sogleich ein Opfer, das sie wieder quälen und demütigen können.


Doch spätestens als Baldur nach einer Attacke ins Krankenhaus eingeliefert wird und im Fernsehen über die Zunahme jugendlicher Gewalt berichtet wird, beginnt sich bei Addi das Gewissen zu Wort zu melden. Er regt seine Kumpels an, Baldur in die Gruppe aufzunehmen und langsam entwickelt sich zwischen Baldur und Addi eine echte Freundschaft.


Sichtbar wird, wenn Baldurs Stiefvater aus der Haft zurückkehrt, auch wo die Wurzeln dieser Gewaltbereitschaft liegen. Harmlos sind nämlich diese Teenager im Vergleich zu diesem hünenhaften Mann, der einst dem dreijährigen Baldur aus Versehen ein Auge ausgeschossen hat, weil er glaubte, dass die Waffe nicht geladen sei.


Gestützt auf herausragende Jugenddarsteller und die Kameraarbeit von Sturla Brandth Grøvlen, der sowohl atmosphärisch dicht die Tristesse beschwört als auch die Träume Addis in poetische Bilder übersetzt, entwickelt Gudmundsson so ein schonungsloses Coming-of-Age-Drama, das die Teenager nicht verurteilt, sondern als "Beautiful Beings" und Opfer der Verhältnisse zeigt, aus denen sie kaum entkommen können. Doch wie Meier "La Ligne" lässt auch Gudmundsson diesen Albtraum – so die Übersetzung des Originaltitels "Berdremy" - in ein hoffnungsvolles Ende münden.


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