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64. Viennale: Vielversprechende Debüts und zwei Routiniers

Autorenbild: Walter Gasperi
Walter Gasperi
vor 2 Stunden
5 Min. Lesezeit
64. Viennale: Entdeckungen abseits der großen Festivalhits
64. Viennale: Entdeckungen abseits der großen Festivalhits

Die Stärke der Viennale ist ihre Vielfalt: Neben großen Festivalhits kann man auch kleinere Filme und Debüts entdecken, die leicht übersehen werden. Der Bogen spannt sich von Koji Fukadas "Nagi Notes" über Albert Serras Konzertfilm "Seize moments de ma vie" bis zu starken Filmen junger Filmemacher:innen wie Katharina Rabl, Jannis Lenz, Jacqueline Lentzou und Zhang Xinyang.


Während die Viennale im 736 Zuschauer:innen fassenden Gartenbaukino Österreichpremieren von vielfach demnächst in den Kinos anlaufenden Festivalhits wie Cristian Mungius "Fjord", James Grays "Paper Tiger", Lance Hammers "Queen at Sea" oder Sandra Wollners "Everytime" präsentiert, kann man in den anderen Kinos Filme entdecken, deren Karriere vielfach auf Festivals beschränkt bleiben wird.


So hat Albert Serra nach seinem Stierkämpferfilm "Tardes de Soledad" im Februar 2025 ein Konzert der 85-jährigen Schauspielerin und Sängerin Ingrid Caven, mit der Serra seit ihrer Mitarbeit an seinem Film "Liberté" (2019) befreundet ist, im Pariser Théâtre des Bouffes du Nord mit der Kamera festgehalten. Nur in der ersten Szene sieht man Caven hinter dem Vorhang, danach liegt der Fokus ganz auf ihrem Auftritt und der sie begleitenden katalanischen Elektroband Molfort.


Einzig der Applaus zwischen den Liedern erinnert daran, dass es auch ein Publikum gibt. Auch die Bühne ist weitgehend in rotbraunes Halbdunkel getaucht. Nur die Musiker:innen stechen daraus hervor. Ein klassischer Konzertfilm könnte das sein, doch durch die Auswahl der Lieder weitet sich "Seize moments de ma vie" zu einem biographischen Film.


Ganz im Sinn des Titels spannt Caven nämlich in den 16 Liedern, die sie großteils auf Französisch singt, in 90 Minuten den Bogen von ihrem ersten Auftritt als etwa Fünfjährige mit "Stille Nacht" vor deutschen Wehrmachtssoldaten über die Zerstörung ihrer Heimatstadt Saarbrücken und ihr erstes Kinoerlebnis mit Disneys "Schneewittchen" bis zu ihrer Beziehung zu Rainer Werner Fassbinder, mit dem sie von 1970 bis 1972 verheiratet war.


So minimalistisch dieser Film ist, so beeindruckend ist doch, wie sich hier nicht nur dank der Bühnenpräsenz von Caven und dem brummenden Elektrosound, sondern auch gerade durch die sehr reduzierte Inszenierung vom ersten Lied an ein Sog entwickelt, dem man sich nicht entziehen kann.


Ein Meister der zurückhaltenden Inszenierung ist auch der Japaner Koji Fukada. Nach dem Familien- und Beziehungsdrama "Family Life" und dem K-Pop-Drama "Love on Trial" fokussiert er in "Nagi Notes" auf zwei Frauen. Wenn eine geschiedene Frau ihre Ex-Schwägerin in der titelgebenden japanischen Kleinstadt besucht, wird nicht nur über die unterschiedliche öffentliche Wahrnehmung ihrer Arbeit als Architektin bzw. als Bildhauerin gesprochen, sondern speziell bei der Ex-Schwägerin wird auch die Erinnerung an eine unerfüllte Liebe wach.


Kongenial korrespondiert die Inszenierung in langen ruhigen Halbtotalen, die den Charakteren viel Raum und Zeit lässt, mit der Zurückhaltung der Protagonist:innen. Nichts wird hier den Zuschauer:innen aufgedrängt, nicht auf emotionale Überwältigung zielt dieses leise Drama, in dem im Hintergrund mit Nachrichten vom Ukraine-Krieg und den Explosionen auf einem nahen Truppenübungsplatz auch die weltpolitische Situation präsent ist, sondern langsam schleicht sich "Nagi Notes" ins Herz und setzt sich dort fest.


Die Viennale bietet aber nicht nur renommierten Regisseuren eine große Plattform, sondern auch weitgehend noch unbekannten Filmemacher:innen und Debütant:innen. Alles andere als neu ist zwar die Geschichte, die die Österreicherin Katharina Rabl in "Erinnerungen eines Waldes" erzählt, wenn sie eine etwa 30-jährige Doktorandin anlässlich des Begräbnisses ihrer Großmutter von Wien in ihr Heimatdorf in der niederösterreichischen Provinz zurückkehren lässt.


Dennoch gelingt es Rabl einerseits diesem Stoff neue Facetten abzugewinnen, andererseits ihn auch treffend im ländlichen Milieu zu verankern. Mit starken Schauspieler:innen und präziser Bildsprache fängt sie eindringlich die Verschlossenheit innerhalb der Familie ein, bis langsam – auch das freilich ein altbekanntes Motiv – ein Familiengeheimnis gelüftet wird.


Indirekt wird dabei auch ebenso unaufdringlich wie eindringlich dem gesellschaftlichen Druck und der Verdrängung in früheren Jahrzehnten die Offenheit der heutigen Gesellschaft gegenübergestellt. Überzeugend ist aber auch, wie die Debütantin im Wald, der eine zentrale Rolle spielt, sowohl ein Bild für die Zeit findet, die der gesellschaftliche Wandel benötigt, als auch für die Traumata und Geheimnisse, die wie die unter der Rinde der Bäume lebenden Borkenkäfer erst freigelegt werden müssen.


Während Rabl ganz aus der Perspektive der von Julia Windischbauer gespielten Protagonistin erzählt, wählt Jannis Lenz bei seinem Spielfilmdebüt "Oase" einen stärker multiperspektivischen Ansatz. Auslöser der Handlung ist hier ein Video, in dem ein Schüler seine Mitschüler:innen massiv bedroht. Sofort wird selbstverständlich die Schulleitung aktiv, beruft eine Elternversammlung ein, organisiert einen Kurs zum Aggressionsabbau, doch erst langsam wird Einblick in den Hintergrund dieser Drohung geboten.


Der betroffene Schüler aber sucht mit seinem introvertierten Freund und einer gemeinsamen Freundin immer wieder Zuflucht im nahen Wald, wo sie mit verstörenden Mutproben ihren eigenen Körper erfahren wollen. Steht am Beginn noch ein klassisches Paintball-Spiel mit Schutzanzügen, so schießen sie bald auf die nackten Oberkörper oder beißen sich gegenseitig, bis der jeweils andere stopp sagt.


Dissonant-aggressive Musik steigert dabei noch die beunruhigende Atmosphäre, während andererseits lange statische Einstellungen immer wieder die Erstarrung der Figuren und ihre Unfähigkeit mit den Problemen wirklich umgehen zu können, erfahrbar machen. Hier verschwimmen nicht nur die Grenzen von Täter und Opfer, sondern Lenz entlässt die Zuschauer:innen auch ohne Lösung, sodass sein Film über das Ende hinaus nachwirkt.


Die Griechin Jacqueline Lentzou konzentriert sich in ihrem bei den Filmfestspielen von Venedig in der Reihe "Orizzonti" mit dem Regiepreis ausgezeichneten, zweiten Spielfilm "A Day in the Life of Jo: Chapter Phaedra" dagegen auf einen Tag im Leben einer 15-Jährigen. Dem Realismus enthebt aber schon der Auftakt diesen Film, wenn zu einem Drohnenflug über Einfamilienhäuser aus dem Off zwei Stimmen von Engeln oder Geistern der Protagonistin im Schlaf Symbole wie eine Eistüte und ein Musikinstrument eingeben, die sie durch den folgenden Tag begleiten werden.


Dieser poetisch-traumartigen Ebene steht der Realismus gegenüber, mit der Jos Verpassen des Schulbusses und ihr öder Schulalltag geschildert wird, bis in der Musikstunde mit dem Gesang einer Mitschülerin wieder ein poetischer Moment ins Spiel kommt, der Jo förmlich verzaubert und in der Bibliothek den Kontakt zu dieser Phaedra suchen lässt.


Wie Lentzou mit dynamischer Kamera Jo in bruchstückhaften Szenen durch den Tag folgt und den Realismus immer wieder mit poetisch-verspielten Bildern und einer sphärenhaften Musik aufbricht, macht "A Day in the Life of Jo" zu einem ziemlich singulären Coming-of-Age-Film.


Einen ziemlichen Brocken von einem Film mutet der Chinese Zhang Xinyang dem Publikum mit seinem Langfilmdebüt "Shang han za bing lun" ("Panda") dem Publikum zu. Schon die erste Einstellung, die endlos lange das Anlegen einer Fähre und das Aussteigen der Passagiere einfängt, stimmt auf den langsamen Erzählrhythmus der kommenden 146 Minuten ein. Gleichzeitig kommt in diesem im winterlichen Nanjing spielenden Film mit der Fähre und dem Jangtse auch schon ein zentrales visuelles Motiv ins Spiel.


Wenn "Panda" nämlich weitgehend am tristen diesseitigen Ufer des Flusses spielt und auf der anderen Flussseite fast nur schemenhaft im Dunst in den mehr grauen als schwarzweißen Bildern moderne Hochhauskomplexe zu sehen sind, dann wird damit auch das boomende China mit den gesellschaftlich Abgehängten kontrastiert.


In den halbverfallenen Siedlungen zwischen Recycling-Hof für Plastikflaschen und schon von der Natur halb überwuchertem Autofriedhof leben hier ein Dichter, der Kranke mit seinen Versen heilen will, ein Vagabund, der nach einem Drachen sucht, ein verwitweter Koch, dessen abgehackter Finger zusammen mit seinem Ehering von einem Hund gefressen wurde, und eine traumatisierte Frau.


Abwechselnd folgt Zhang Xinyang diesen Figuren und ermüdend kann die ausufernde und teilweise unübersichtliche Handlung sein, doch immer wieder vermag dieses teils realistische, teils traumartige Debüt mit seinen erzählerischen und formalen Einfällen wie den eingeblendeten Versen des Dichters oder einem farbigen Traum des Kochs zu überraschen. Gespannt darf man so auf folgende Arbeiten nicht nur dieses Regisseurs, sondern auch von Rabl, Lenz und Lentzou sein.



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