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64. Viennale: Neue Filme von Gabor Reisz und Bruno Dumont

Autorenbild: Walter Gasperi
Walter Gasperi
vor 7 Minuten
3 Min. Lesezeit
64. Viennale: "Földszint - Ground Floor" von Gabor Reisz und "Les roches rouges - Red Rocks" von Bruno Dumont
64. Viennale: "Földszint - Ground Floor" von Gabor Reisz und "Les roches rouges - Red Rocks" von Bruno Dumont

Der Ungar Gabor Reisz legt mit "Földszint – Ground Floor" eine bissige Satire auf das Ungarn Viktor Orbáns vor. Bruno Dumont spürt dagegen in "Les roches rouges – Red Rocks" dem Wesen der Kindheit nach.


Mit der Abwahl Victor Orbáns im April dieses Jahres mag die Zeit Gabor Reisz´ "Földszint – Ground Floor" überholt haben, sehr unterhaltsam bleibt diese Satire dennoch. Im Mittelpunkt steht der Bankangestellte Kristóf, der bei der Heimkehr von seinem monotonen Job in seiner Wohnung hinter einem Kasten einen Schimmelfleck entdeckt. Interessierte ihn und seine Frau das Geschehen im Wohnblock bislang nicht, löst diese Entdeckung aufgrund der persönlichen Betroffenheit seine Initiative aus.


Führt ihn die Suche nach der Ursache des Schimmels zunächst zu seiner Nachbarin, kontaktiert er bald den Hausmeister, ruft auch einen Handwerker zu Hilfe, der sich als schwer angetrunken entpuppt, und wendet sich schließlich an den Hausverwalter, der – wie sich herausstellt – das Penthouse bewohnt.


Drei Jahre nach seinem internationalen Durchbruch mit "Eine Erklärung für Alles" setzt Gabor Reisz seine Kritik am Ungarn Viktor Orbáns fort, denn das Haus steht unübersehbar für Missstände und Korruption während der Regierungszeit des Langzeit-Ministerpräsidenten. Kleiner gehalten als im Vorgängerfilm ist freilich die Handlung, die sich auf einen Abend beschränkt und weitgehend im Wohnblock spielt.


Konzentriert auf seinen Protagonisten dreht Reisz aber souverän an der Eskalationsschraube, hält die Handlung mit immer wieder neuen Wendungen und Figuren am Laufen, bis die Recherchen Kristofs in eine Hausversammlung münden, die in slapstickhaftem Chaos endet. Mit diesem Finale mag es Reisz etwas übertreiben, doch bis dahin bietet "Földszint – Ground Floor" dank starker Schauspieler:innen, straffen Aufbaus und pointierten Dialogen herrlich bissige Unterhaltung.


Bruno Dumont spürt dagegen in "Les roches rouges – Red Rocks" dem Wesen der Kindheit nach. Nachdem der Franzose schon beim grotesken Krimi "P´tit Quinquin" (2014) mit einem Zehnjährigen und beim Jeanne d´Arc-Musical "Jeannette, l’enfance de Jeanne d’Arc" (2017) mit Achtjährigen gearbeitet hat, vertraut er in seinem neuesten Film ganz auf Fünf- bis Siebenjährige. Schauspielanweisungen und genau geschriebene Dialoge kann es für diese Protagonist:innen kaum geben, vielmehr musste Dumont die Kinder weitgehend ihrem eigenen Spiel überlassen.


In mehreren Totalen erfasst die Kamera von Carlos Alfonso Corral das markante Viadukt von Antheor der an der Côte d´Azur liegenden Gemeinde Saint-Raphael. Während über das Viadukt Züge rasen, treffen sich an dessen Fuß drei Kinder, die mit ihren Mini-Quads durch die Gegend brausen, von den rotbraunen Felsen ins Meer springen und auch den Kofferraum unverschlossener Autos ausrauben.


Den Totalen, die mit dem intensiven Rot der Felsen, dem Blau des Himmels und dem türkisfarbenen Meer Sommerstimmung evozieren, stehen immer wieder extreme Großaufnahmen der Kinder gegenüber, in denen die Angst vor dem Sprung vom Felsen, aber auch die Freude beim Auftauchen aus dem Meer sichtbar werden.


Eher bruchstückhaft bleibt die Handlung, die sich durch einen Konflikt mit einer anderen Gruppe von Kindern ergibt, als sich der kleine Géo (Kaylon Lancel) in Eve (Kelsie Verdeilles) verguckt, auf die aber auch ein anderer Junge ein Auge geworfen hat. Man kann im Gehabe der Kinder und in der Rivalität der Gruppen auch eine Persiflage des Gangsterfilms sehen, vor allem evoziert Dumont aber ein Gefühl für die Kindheit. Er macht die Ängste und die Freude über deren Überwindung ebenso erfahrbar, wie wachsende Freundschaft und Anflüge erster Liebe, aber auch Eifersucht und Aggression.


Ganz auf Augenhöhe mit den Kindern ist Dumont dabei, spart die Erwachsenen fast völlig aus, dennoch ist "Les roches rouges – Red Rocks" kein Film für Kinder, sondern ein Film für Erwachsene über Kindheit.

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