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64. Viennale: Weltflucht und Mitläufertum

Autorenbild: Walter Gasperi
Walter Gasperi
vor 38 Minuten
3 Min. Lesezeit

64. Viennale: "Tristan Forever" von Tobias Nölle und Loran Bonnardos und "Notre Salut - A Man of His Time" von Emmanuel Marre
64. Viennale: "Tristan Forever" von Tobias Nölle und Loran Bonnardos und "Notre Salut - A Man of His Time" von Emmanuel Marre

Der Schweizer Tobias Nölle begleitet in "Tristan Forever" einen Pariser Arzt bei seinem Aufenthalt auf der im Südatlantik gelegenen Insel Tristan da Cunha. Emmanuel Marre zeichnet dagegen in "Notre Salut – A Man of His Time" unaufgeregt die Geschichte seines Urgroßvaters Henri Marre als Beamten des Vichy-Regimes nach.


Wie Tobias Nölle auf einer Internetkarte von der nur 180 km² großen, im Südatlantik gelegenen Insel Tristan da Cunha lange herauszoomt, vermittelt eindrücklich deren Isolation im Meer. Weitgehend autark leben die – Stand: August 2026 – 222 Einwohner:innen dieser Insel, die als eines der entlegensten bewohnten Gebiete der Erde gilt. Eine Landepiste für Flugzeuge gibt es nicht, rund acht Tage dauert die Fahrt per Schiff von Kapstadt, sodass nur etwa sechs- bis achtmal pro Jahr Güter geliefert werden.


Der Pariser Arzt Loran Bonnardot hat Tristan da Cunha in den letzten drei Jahrzehnten oft besucht, nun möchte der von den Erfahrungen in verschiedenen Kriegsgebieten der Welt traumatisierte Mitarbeiter von "Ärzte ohne Grenzen" dauerhaft dort bleiben. Gemeinsam mit dem Schweizer Filmemacher Tobias Nölle dokumentiert er die Reise und den Aufenthalt. Dass es sich um einen Grenzgang zwischen Dokumentarfilm und inszenierten Szenen handelt, machen auch die Inserts deutlich, wenn Loran und die Inselbewohner:innen quasi als Schauspieler:innen mit ihren Rollen genannt werden.


Eindrücklich vermittelt Nölle, der auch für die Kameraarbeit verantwortlich zeichnet, den hohen Seegang bei der Überfahrt, nach dem Loran einige Zeit braucht, um sich auf der Insel wieder an den festen Boden unter den Füßen zu gewöhnen. Als Arzt will er hier aber keinesfalls arbeiten, zu groß sei ihm dafür die Verantwortung auf der abgeschiedenen Insel. Lieber nimmt er einen Job im Supermarkt an, wo er sich mit einer Mitarbeiterin anfreundet.


Fiktion fließt in dieser Beziehung wohl ebenso in den Film ein, wie mit einem Pinguin als ständigem Gast in seinem Haus oder in den Streifzügen Lorans durch die ursprüngliche Natur, bei der er auch auf eine ganze Kolonie brütender Albatrosse trifft.


Eintauchen lässt Nölle in großartigen Landschaftsaufnahmen und dem ruhigen Erzählrhythmus in das ereignislose Inselleben, erinnert in schwarzweißen Archivaufnahmen aber auch an die Evakuierung der gesamten Inselbevölkerung 1961 nach England und ihrer Rückkehr zwei Jahre später. Dazu kommen aber auch alte Aufnahmen des jungen Loran, die an sein Leben in Paris erinnern und die Frage verdichten, ob er wirklich auf Dauer auf dieser Insel bleiben will.


Mit einer Flucht beginnt Emmanuel Marres "Notre Salut – A Man of His Time", zu dem sich der Regisseur von einem Briefwechsel zwischen seinen Urgroßeltern inspirieren ließ. Von dem von den Nazis besetzten Teil Frankreichs begibt sich der von Swann Arlaud großartig gespielte Henri Marre im Juli 1940 ins im Süden Frankreichs gelegene Vichy-Regime.


In diesem von den Nazis tolerierten Regime bietet er der Regierung nicht nur sein Manuskript "Notre Salut" an, in dem er seine Vision von einem Frankreich nach Ende der deutschen Okkupation vorstellt, sondern bemüht sich auch um eine Anstellung. Bald erhält er so eine Stelle im Arbeitsministerium, in dem er nicht nur die Arbeitslosigkeit bekämpfen muss, sondern auf Druck der Nazis auch zunehmend Deportationen von Zwangsarbeitern und Juden organisieren muss.


Das Grauen spart Marre, der auch Auszüge aus dem Briefwechsel seiner Urgroßeltern einfließen lässt und an drei Stellen mit anachronistischen Popsongs wie dem Opus-Hit "Life is Life" die realistische Erzählweise aufbricht, konsequent aus. Keine Deportation und keine Gewalttat sieht man hier, sondern der Fokus liegt ganz auf der bürokratischen Arbeit. Aber gerade durch die Verbannung der Folgen der Handlungen dieses Schreibtischtäters verdichtet sich das unaufgeregte Porträt eines Opportunisten und Kollaborateurs zu einem eindringlichen und zeitlosen Bild der Banalität des Bösen.

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