Filmbuch: Robert Siodmak und Edgar G. Ulmer – Menschen am Sonntag


Im zehnten Band der Reihe "Film I Lektüren", die im Münchner Verlag edition text + kritik erscheint, analysiert Heike Klapdor auf 100 Seiten mit Edgar G. Ulmers und Robert Siodmaks 1929 entstandenem "Menschen am Sonntag" einen Schlüsselfilm des Kinos der Weimarer Republik.
Ausgehend von der Frage des Filmkritikers Hans Ihering "Was ist das Besondere?" anlässlich der Premiere von "Menschen am Sonntag" im Februar 1930 analysiert Heike Klapdor detailreich dieses Meisterwerk der Neuen Sachlichkeit und stellt es in zwölf Kapiteln in den Kontext des Kinos der Weimarer Zeit und der gesellschaftlichen Entwicklungen. Dem Kino einer Krisensituation stellt sie die Leichtigkeit und den Optimismus von Ulmers und Siodmaks Klassiker gegenüber, der Alltagsleben ohne Ideologie und Kalkül zeige und es dem Publikum erlaube eine Pause zu nehmen.
Der "Kairos", die genutzte Gunst des Augenblicks, ist dabei für die Autorin ein zentraler Moment für das Gelingen des Films, denn einerseits nutzten die Filmemacher den Augenblick, andererseits erzählen sie mit einem Sonntagsausflug junger Menschen von einem genutzten Augenblick, der auch für die Kinozuschauer:innen für die Dauer der Projektion zu einem Glücksmoment wird.
Auf diesen allgemeinen Einstieg folgt die detailreiche Analyse, bei der der Film immer in den Kontext der Realität der ausgehenden Weimarer Republik gestellt wird. So wird gezeigt, dass es sich bei den fünf Protagonist:innen um typische Vertreter:innen der nach dem Ersten Weltkrieg aufblühenden Schicht der Angestellten handelt, doch während andere Filme dieser Zeit vom drohenden Abstieg ins Prekariat oder Aufstiegsträumen erzählten, finde "Menschen am Sonntag" das Glück im Alltäglichen eines Sonntagsausflug.
Von den Protagonist:innen geht Klapdor weiter zur modernen Metropole Berlin als Schauplatz, die die Kamera von Eugen Schüfftan ideologiefrei mit lustvoll-entdeckendem Blick wie ein Flaneur einfange und so großstädtisches Lebensgefühl vermittle. Anschaulich arbeitet die Autorin dabei heraus, wie sich auch durch die Wahl von Laiendarsteller:innen, die keine Rolle, sondern sich selbst spielten, die dokumentarische Wahrheit in fiktionaler Wahrhaftigkeit auflöse.
Die Rolle des Kinos in der Weimarer Republik und das Spiel mit dem Starkult in "Menschen am Sonntag" untersucht Klapdor ebenso wie die aufblühende Wochenendkultur, die vor den Toren Berlins mit Begriffen wie "Lido" oder "Dorado" ferne Welten versprach. Wichtige Rolle spielt dabei auch der Strandfotograf, der Augenblicke festhält und dessen Einbindung in den Film eine Reflexion über Fotografie und bewegtes Bild ermögliche.
Aber auch das Geschlechterverhältnis in diesem Film wird analysiert und einer Liebesszene im Wald, die eine große Leerstelle bildet, eine kalte Todesszene in Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" gegenübergestellt. Im Gegensatz zur Herrschaft der Männer über die Frauen sind die Frauen für die Autorin in Ulmers / Siodmaks Film weder passiv noch Opfer, doch auch die Diskrepanz zwischen der durchwegs positiven Bewertung dieses Aspekts in zeitgenössischen Kritiken und einem kritischeren Blick in #meToo-Zeiten wird vermittelt.
Ausgehend von der zeitgenössischen Beurteilung von "Menschen am Sonntag" als Avantgardefilm spürt Klapdor dem Begriff der Avantgarde im Allgemeinen nach, um dann auf die politisch engagierte Film-Avantgarde dieser Zeit ebenso wie auf den formalistischen Avantgarde- oder Experimentalfilm zu blicken. Anschaulich stellt sie diesen Filmen Ulmers / Siodmaks Verzicht auf formale Experimente und die Einfachheit ihrer Geschichte als Novum gegenüber, mit dem dieser Klassiker aber wieder Filme wie Godards "Außer Atem", Linklaters "Before Sunrise" oder Sebastian Schippers "Victoria" beeinflusste.
Abgerundet wird das nicht allzu üppig, aber überlegt bebilderte Buch mit einem Epilog, in dem Klapdor dem Optimismus und der Heiterkeit von "Menschen am Sonntag" Lotte Lasersteins pessimistisches Gemälde "Abend über Potsdam", das schon den Weg in die NS-Diktatur ahnen lässt, gegenüberstellt und Einblick in die weiteren Biographien der Filmcrew bietet, die von Flucht und Exil, Rückzug aus dem Filmgeschäft oder Ermordung durch das NS-Regime gekennzeichnet waren.
Heike Klapdor, Film | Lektüren 10: Robert Siodmak, Edgar G. Ulmer: MENSCHEN AM SONNTAG, Edition text + kritik, München 2025. 103 S., € 20, ISBN 978-3-689-30043-2




Kommentare