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  • AutorenbildWalter Gasperi

Verstörend und provokativ: Ulrich Seidl


Ulrich Seidl (c) Filmarchiv Austria

Eine Zumutung sind die Filme Ulrich Seidls. Mit ihrem unerbittlichen Blick auf Hässliches und menschliche Abgründe lösen sie immer wieder Unbehagen aus, regen aber gleichzeitig gerade durch ihre Kompromisslosigkeit auch zum Nachdenken an. Das Filmarchiv Austria widmet dem 70-jährigen Wiener bis 4. März eine Retrospektive.

Unverwechselbar ist der Stil Ulrich Seidls: Statische Totalen und Zentralperspektive bestimmen die sorgfältig kadrierten, vielfach symmetrisch aufgebauten Einstellungen. Bewegungslos sind vielfach die Menschen in diesen Bildern, der sorgfältig gestaltete Hintergrund erweckt teilweise mehr Aufmerksamkeit als die Figuren.


Wie unter einer Lupe oder einem Mikroskop halten Seidl und seine Kameramänner (seit "Hundstage" Wolfgang Thaler und Ed Lachman) in Tableaux Vivants das Geschehen – oder vielmehr den Stillstand - fest und kehren durch die Statik der Erzählweise die Monotonie des Alltags dieser Menschen, die alles andere als heutigen Schönheitsidealen entsprechen, und ihre Einsamkeit nach außen. Dokumentarischen Charakter verleiht dieser ruhige Blick, aber auch der Verzicht auf extradiegetische Musik diesen Filmen, gleichzeitig verbreitet aber die Dauer und das Insistierende der Einstellungen den Eindruck des Voyeurismus.


Wie Seidls Spielfilme teils dokumentarisch wirken, so finden sich in seinen Dokumentarfilmen andererseits fiktionale Momente. Seit seinen filmischen Anfängen mit dem an der Wiener Filmakademie entstandenen 16-minütigen Kurzfilm "Einsvierzig" (1980), in dem er einen Kleinwüchsigen porträtierte, sind seine Filme so dokumentarisch-fiktionale Grenzgänge. Gleichzeitig zieht sich seit diesem Debüt das Interesse für Außenseiter und fürs Hässliche durch seine Filme.


Immer wieder provozierte er damit und schon sein zweiter Film "Der Ball" (1982), in dem er in den für ihn typischen Tableaubildern einen Schulabschlussball in seiner Heimatstadt Horn in Niederösterreich dokumentierte, führte zu Protesten seiner Professoren. Als unethisch wurde nämlich die Abbildung und Vorführung der Protagonist:innen empfunden, sodass dieser Film zu Seidls Abgang von der Filmakademie führte.


Prägend war für Seidl, der 1952 im ländlichen Niederösterreich in eine streng katholische Ärztefamilie geboren wurde, die Religion. Immer wieder setzt er, der eigentlich selbst Priester werden sollte, sich in seinen Filmen mit dem Glauben und dem Katholizismus auseinander. Vorwürfe der Blasphemie rief so nicht nur sein Dokumentarfilm "Jesus, du weißt" (2003) hervor, in dem sechs gläubige Christen porträtiert werden, sondern auch der Spielfilm "Paradies: Glaube" (2012), in dessen Zentrum eine ultrakonservative Katholikin steht. Auch die Bezugnahme auf die drei theologischen oder göttlichen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung in der "Paradies"-Trilogie verweisen auf die Bedeutung der Religion im Leben und Werk des 70-Jährigen.


Acht Jahre nach seinem Abgang von der Wiener Filmakademie legte Seidl mit "Good News" (1990) seinen ersten langen Dokumentarfilm vor. Wie er hier das triste Leben von - zumeist migrantischen - Wiener Zeitungsverkäufern porträtierte und die Teilnahmslosigkeit der Zeitungskunden ebenso wie aggressive Ausländerfeindlichkeit aufdeckte, so wird der Blick auf die Tierliebe von Menschen in "Tierische Liebe" (1995) auch zu einer Studie über Einsamkeit.


Lässt der Titel "Models" (1998) einen Film über Glamour und eine Hochglanzwelt erwarten, so fokussiert Seidl auch hier auf den Schattenseiten und macht innere Leere und soziale Kälte sichtbar. Den einzelnen Branchen in diesem Film und "Good News" steht die Fokussierung auf die Wiener Vorstadt in seinem ersten Spielfilm "Hundstage" (2001) gegenüber. Doch auch hier entdeckt Seidl vor allem Trostlosigkeit, Gemeinheiten und Aggressivität.


Nicht nur der kühl-distanzierte Blick und der Dreh an Originalschauplätzen, sondern auch das Ensemble aus Laien und Profis verleihen "Hundstage" einen stark dokumentarischen Anstrich. Wie Seidl in "Import / Export" (2007) den Handlungsraum weitete, indem er seine Protagonist:innen zwischen Osteuropa und Wien pendeln ließ, so weitete sich damit auch das Bild bedrückender Lebensbedingungen und der Ausbeutung. Wenig Hoffnung auf eine bessere Zukunft verbreiten hier Arbeitslosigkeit und Jobs als Sexarbeiterin oder in der Geriatrie.


Als erster Film wurde "Import / Export" auch von Seidls eigener Produktionsgesellschaft produziert, die er 2003 zusammen mit seiner langjährigen Mitarbeiterin und Partnerin Veronika Franz gegründet hatte. Seither wurden von der Ulrich Seidl Film Produktion nicht nur alle seine eigenen Filmen, sondern beispielsweise auch "Ich seh, ich seh" (2014) von Veronika Franz und Severin Fiala, die ungewöhnliche Elfriede Jelinek-Verfilmung "Die Kinder der Toten" (2019), Peter Brunners "Luzifer" (2021) oder Kurdwin Ayubs "Sonne" (2022) produziert.

Während Seidl in "Hundstage" sechs Episoden lose verknüpfte und in "Import / Export" zwei Erzählstränge in einem Film bündelte, entwickelt sich das "Paradies Projekt", das ursprünglich ein Spielfilm werden sollte, zu einem Triptychon aus drei einzelnen, nur lose verknüpften Spielfilmen.


Glück gibt es auch in dieser Trilogie, in deren Zentrum drei miteinander verwandte Frauen stehen, nicht, doch zunehmend zärtlicher blickt Seidl auf seine Protagonistinnen, die im Sextourismus nach Ostafrika ("Paradies: Liebe", 2012), im Glauben ("Paradies: Glaube", 2012) oder in einem Diätcamp für Teenager ("Paradies: Hoffnung", 2013) die Erfüllung ihrer Sehnsüchte suchen.


Hinter die Türen und in die Keller kleinbürgerlicher Österreicher:innen blickte der Provokateur, inspiriert von den der Natascha Kampusch-Entführung und dem Kriminalfall Fritzl, im Dokumentarfilm "Im Keller" (2014). In dieser vor der Öffentlichkeit verschlossenen Welt spürte er nicht nur Fitness-Kammern, Modelleisenbahnen und Waschküchen, sondern unter anderem auch Nazi-Umtriebe, die zum Rücktritt von zwei burgenländischen Gemeindevertretern führten, und Sadomasochisten auf.


Um Voyeurismus handelt es sich bei diesen intimen Einblicken aber kaum, denn dieser ist doch meist mit einem versteckten Blick verbunden, hier aber präsentieren sich die Menschen ganz offen, sodass vielmehr der Eindruck von Exhibitionismus entsteht.


Vom ganz Nahen und Nachbarschaftlichen ging es mit "Safari" (2016) nach Namibia, wo wohlhabende Österreicher:innen mit der Kamera bei der Großwildjagd begleitet werden. Wie bei der "Paradies: Trilogie" uferte auch das folgende Projekt, das ursprünglich den Titel "Böse Spiele" trug, aus und statt einem Spielfilm entstand mit "Rimini" (2022) und "Sparta" (2022) ein Diptychon.


In dem für ihn typischen Stil und vor trister winterlicher Adria-Kulisse zeichnet Seidl in "Rimini" zwar das Porträt eines heruntergekommenen Schlagersängers, doch im Gegensatz zu seinen früheren Filmen blickt der Österreicher mit deutlich mehr Wärme und Mitgefühl auf seinen Protagonisten. Härtere Kost dürfte da schon "Sparta" sein, in dessen Zentrum der Bruder des Schlagersängers steht.


Schon vor den geplanten Festivalpremieren im letzten Herbst sorgten Vorwürfe von Mitwirkenden, dass sie nicht adäquat über den Inhalt des Films und die darin vorkommende Thematik Pädophilie informiert worden seien, für heftige Kontroversen. Nach positiver Resonanz bei den Festivalpremieren des Films in San Sebastian und bei der Viennale darf man nun doppelt gespannt auf diesen Film sein, der in diesem Frühjahr in die Kinos kommen soll.


Weitere Infos und Spielzeiten finden Sie hier.


Literaturtipp: Corina Erk, Brad Prager (Hg.), Film-Konzepte 59: Ulrich Seidl, Edition text + kritik, München 2020. 108 S., € 20, ISBN 978-3-96707-425-3


Trailer zu "Paradies: Glaube"


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