• Walter Gasperi

The Innocents


Leise schleichen sich Spannung und Beunruhigung in Eskil Vogts Horrorfilm um vier Kinder mit telepathischen und telekinetischen Fähigkeiten. Durch herausragende Darsteller*innen und den Verzicht auf Erklärungen verstört der konzentriert inszenierte zweite Spielfilm des Norwegers aber nachhaltig.


Eine Teenagergeschichte um Übersinnliches erzählte Eskil Vogt, der an allen Drehbüchern der Filme von Joachim Trier ("Der schlimmste Mensch der Welt") mitarbeitete, schon im Drehbuch zu Triers ziemlich verstörendem Mystery-Thriller "Thelma". Noch ein Stück jünger sind nun die im Schnitt etwa Zehnjährigen Protagonist*innen von "The Innocents".

Pure Ironie ist dabei der Titel, in dem man auch einen Verweis auf Jack Claytons Klassiker "The Innocents – Das Schloss des Schreckens" sehen kann. Wie dort stehen auch hier Kinder mit vermeintlich oder tatsächlich übersinnlichen Kräften im Zentrum. Unschuldig ist in Eskil Vogts zweitem Spielfilm aber niemand.


Süß mag die neunjährige blonde Ida (Rakel Lenora Fløttum) wirken, deren Gesicht Sturla Brandt Grøvlens Kamera in den ersten Einstellungen in Detailaufnahme erfasst. Doch die Nähe der Kamera zur Schlafenden erzeugt schon ein Gefühl der Beunruhigung. Wenn das Mädchen im Auto erwacht, ist die Familie bei einer gesichtslosen Plattenbausiedlung als neuem Wohnort angekommen. Diese Hochhäuser am Rand eines Waldes werden der einzige Schauplatz bleiben, keine Welt darüber hinaus scheint es zu geben.


Ida belastet nicht nur der Umzug in eine neue Gegend, sondern auch dass sie immer wieder auf ihre etwas ältere autistische Schwester Anna (Alva Brymsmo Randstad) aufpassen muss. Aversionen und Aggressionen werden spürbar, wenn sie Anna, die seit dem dritten Lebensjahr nicht mehr sprechen kann, heimlich zwickt oder gezielt mehrfach auf einen Regenwurm tritt. Doch in den Freiflächen zwischen den Hochhäusern lernt Ida bald den etwa gleich alten arabischstämmigen Ben (Sam Ashraf) kennen.


Dieser beeindruckt das Mädchen, indem er telekinetische Fähigkeiten demonstriert, mit denen er Gegenstände verschieben kann. Gemeinsam steigert sich aber auch ihr Aggressionstrieb: Zerstören sie zunächst einen Ameisenhaufen, werfen sie bald eine Katze das Stiegenhaus hinunter. Nur eine Frage der Zeit ist, bis aus der Gewalt gegen Tiere Gewalt gegen Menschen wird, doch dabei trennen sich die Wege von Ida und Ben. Denn während sie zunehmend ein Gewissen entwickelt, setzt er seine wachsenden übersinnlichen Fähigkeiten bald auch ein, um Menschen seinen Willen aufzuzwingen und zu steuern.


Gleichzeitig kann die autistische Anna über Telepathie auch mit der kleinen afrikanischstämmigen Aisha (Mina Yasmin Bremseth Asheim) kommunizieren, blüht auf und lernt wieder zu sprechen. Auch deren telepathischen Fähigkeiten wachsen sukzessive.


Große Spannung entwickelt "The Innocents" durch die unaufgeregte und langsame Inszenierung. Ganz im Alltäglichen bleibt Vogt, braucht auch keine finsteren Nachtszenen, sondern lässt einen Großteil seines Films am sommerlich hellen Tag und im offenen Raum spielen. Nichts Spektakuläres passiert hier, aber gerade der Kontrast von banalem Alltag und übersinnlichen Fähigkeiten der Kinder sorgt für Beunruhigung und Verstörung.


Wesentlich tragen dazu freilich auch Bild- und Tonsprache bei. So gewöhnlich die Plattenbausiedlung ist, so sehr evozieren Kameraperspektiven von Sturla Brandt Grøvlen durchgängig eine beunruhigende und angespannte Atmosphäre, während das Sounddesign und die Musik von Pessi Levanto immer wieder für Schockmomente sorgen.


Dazu kommt, dass sich Vogt viel Zeit für die Schilderung der vier herausragend gespielten Kinder lässt und konsequent aus der Kinderperspektive erzählt. Nur Nebenrollen spielen hier die Eltern. Nichts Spektakuläres passiert hier auch, erst gegen Ende bewegt sich Vogt auf einen klassischen Horrorfilm-Showdown zu.


Die Entspannung, die sich dort mit einer finalen Erklärung meist einstellt, verweigert der 48-jährige Norweger aber dem Publikum. Offen bleiben die Wurzeln der übersinnlichen Fähigkeiten. Als Auslöser der Aggressionen lassen sich dagegen zumindest bei Ben Kränkungen durch andere Kinder ausmachen: Die Gelegenheit, die sich ihm mit seinen telepathischen und telekinetischen Fähigkeiten zur Rache bietet, nützt er gnadenlos und zunehmend brutaler.


Nur spekulieren kann man dagegen darüber, welche Rolle hier das Milieu der Plattenbausiedlung spielt oder aber der Umstand, dass Ben und Aisha migrantischen Hintergrund haben und allein von der Mutter aufgezogen werden, während Ida und Anna wohlbehütete Kinder eines weißen norwegischen Paares sind.


Zum Grübeln kann "The Innocents", der mit diesem Verzicht auf Erklärungen und in der kühl beobachtenden Inszenierung auch Parallelen zu den Filmen Michael Hanekes aufweist, so anregen, überzeugt aber vor allem als hochspannendes, subtiles Genrekino. Meisterhaft beweist Vogt dabei auch mit seiner minimalistischen, aufs wesentlich reduzierten Handlungsführung und dem stringenten Aufbau der sukzessive sich steigernden Handlung sowie dem Verzicht auf jedes Spektakel, dass weniger oft mehr ist.



The Innocents Norwegen/Schweden/Dänemark/Großbritannien/Frankreich/Finnland 2021 Regie: Eskil Vogt mit: Rakel Lenora Fløttum, Alva Brynsmo Ramstad, Mina Yasmin Bremseth Asheim Länge: 117 min.

Läuft derzeit in den österreichischen Kinos, z.B. am 31.5. am Spielboden Dornbirn


Trailer zu "The Innocents"