• Walter Gasperi

The Worst Person in the World - Der schlimmste Mensch der Welt

Aktualisiert: 16. Apr.


Julie ist um die 30, weiß aber immer noch nicht, was sie im Leben genau will. – Die in Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnete Renate Reinsve brilliert in Joachim Triers melancholischer Komödie, die treffend die Gefühlswelt heutiger junger Erwachsener einfängt.


Nach seinem Genrefilm "Thelma", in dem das Übernatürliche eine große Rolle spielt, kehrt der Norweger Joachim Trier zu seinen Anfängen zurück und schließt seine 2006 mit seinem Debüt "Reprise – Auf Anfang" begonnene "Oslo-Trilogie" ab. Erzählte er in "Reprise" von einem jungen Schriftsteller in einer Lebenskrise und begleitete er in "Oslo, 31. August" in der Nachfolge von Louis Malles "Le feu follet" einen depressiven Mittdreißiger, der beschlossen hat, Selbstmord zu begehen, durch seinen letzten Lebenstag, so stellt er in "The Worst Person in the World" erstmals eine Frau ins Zentrum.


In einem Prolog, 12 Kapiteln und einem Epilog zeichnet Trier ein Porträt der etwa 30-jährigen Julie (Renate Reinse) und nicht nur diese Kapitelgliederung, sondern auch die leichte und verspielte Erzählweise, durch die alles Schwere abgefedert wird, weckt Erinnerungen an die französische Nouvelle Vague. Auch eine Off-Erzählerin, die nicht nur Ereignisse rafft, sondern teils auch wörtlich wiederholt, was im Dialog gesagt wird, verleiht "The Worst Person in the World" nicht nur Leichtigkeit, sondern trägt auch zur melancholischen Stimmung bei.


Knapp kann damit schon im Prolog ein Bild von Julies beruflicher Unentschlossenheit vermittelt werden, wenn ihr Weg vom abgebrochenen Medizinstudium über die Hinwendung zur Psychologie und dann zur Fotografie bis zu einem Job in einer Buchhandlung skizziert wird. Mit der Begegnung mit dem etwa 15 Jahre älteren Comic-Zeichner Aksel (Anders Danielsen Lie) rückt aber die private Ebene ins Zentrum.


Aber auch hier gibt es unterschiedliche Lebensvorstellungen. Während Aksel ein Kind will, ist Julie sich darüber unsicher und, als sie auf einer Party Eyvind (Herbert Nordrum) kennenlernt, beginnt sie ein Spiel mit der Untreue, bis sie sich wirklich verliebt.


Neben Kapitelgliederung und Off-Erzählerin trägt auch das leichthändige Spiel Triers mit filmischen Mitteln zur Gelöstheit des Films bei. Da lässt der 48-jährige Norweger beispielsweise bei einem Besuch von Julies Mutter die Erzählerin an Großmutter und Urgroßmutter erinnern, die mit 30 schon mehrere Kinder hatten. Bis zu einer Vorfahrin, die in diesem Alter schon tot war, geht die Erzählerin zurück und verweist darauf, dass damals das durchschnittliche Lebensalter nur 35 Jahre war.


Nicht nur mit mit dieser Szene macht Trier bewusst, wie sich Lebensentwürfe und die Gesellschaft verändert haben, sondern auch, wenn Aksel wegen seiner einst gefeierten Comics jetzt in einer Fernsehsendung von zwei Frauen heftig wegen des Frauenbilds in seinen Werken kritisiert wird. Und auch an das Verschwinden des Haptischen in der Welt der digitalen Kommunikation wird erinnert, wenn Aksel erklärt, wie er früher durch Geschäfte zog, Schallplatten und Bücher prüfte und angriff.


Gleichzeitig beschwört Trier aber auch die fantastische Macht der Liebe, wenn er in einer Szene die Zeit förmlich anhält und Julie durch Oslo rennen lässt, während die Menschen um sie wie eingefroren wirken. Selbstgefällige Spielereien sind das aber nie, sondern tragen ganz entscheidend zur wunderbaren Stimmung dieses Films bei.


Mit seinen Schauplätzen ist diese melancholische Liebeskomödie zwar in Oslo verankert, doch gleichzeitig drängt Trier alles Regionale durch konsequente Fokussierung auf den Hauptfiguren zurück. Durch geringe Tiefenschärfe, die den Hintergrund immer ins Unscharfe taucht, und die Dominanz von Nah- und Großaufnahmen lenkt er in seinem auch durch die zurückhaltende visuelle Eleganz beglückenden Film den Blick ganz auf seine Protagonist*innen.


Großartig ist dabei vor allem die 34-jährige Renate Reinsve, die für ihre Verkörperung der Julie 2021 in Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde. In jedem Blick und jeder Geste macht sie die Unsicherheit und Unentschlossenheit dieses Charakters spürbar. "Die schlimmste Person in der Welt" ist sie deshalb keineswegs, aber eine Frau mit Ecken und Kanten, die gerade mit ihrer Unsicherheit und ihrer Suche nach dem für sie passenden Lebensweg berührt.


Während die meisten anderen Filme aber eine Entwicklungsgeschichte erzählen und am Ende eine klare Entscheidung des Protagonisten oder der Protagonistin steht, bleibt diese Julie bis zum Ende ambivalent. Beruflich scheint sie sich zwar als Fotografin gefunden zu haben, doch wie ihre private Zukunft aussehen soll, bleibt offen. – Und nicht zuletzt diese Offenheit ist es, die anregt, auch über das eigene Leben nachzudenken.

The Worst Person in the World Norwegen / Frankreich / Schweden / Dänemark 2021 Regie: Joachim Trier mit: Renate Reinsve, Anders Danielsen Lie, Mia McGovern Zaini, Maria Grazia Di Meo, Herbert Nordrum Länge: 121 min.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino in Schaan.


Trailer zu "The Worst Person in the World"