• Walter Gasperi

Streaming: Dead Pigs


Vor dem Hintergrund der boomenden Metropole Shanghai zeichnet Cathy Yan ein schillerndes Gesellschaftspanorama des sich rasant wandelnden Reichs der Mitte. – Der lustvoll und stilsicher inszenierte Film, dem aber die poppige Machart einiges an Biss und Tiefgang raubt, kann bei mubi.com gestreamt werden.


Ein Film – und schon standen die Türen Hollywoods für die in China geborene und in den USA aufgewachsene Cathy Yan weit offen: Schon kurz nach der Premiere von "Dead Pigs" beim Sundance Filmfestival 2018 wurde die Debütantin auf Betreiben der Schauspielerin und Produzentin Margot Robbie für die Regie der Comicverfilmung "Birds of Prey" engagiert.


Zu verdanken hat sie dieses Engagement sicher auch der süffigen und flotten Machart von "Dead Pigs". Kein sperriges Arthouse-Kino wird hier geboten, sondern ein schillerndes und ebenso lustvoll wie gekonnt mit Farben und Licht spielendes breites Gesellschaftspanorama des sich rasant wandelnden China.


Am Beginn steht ein totes Schwein, das der Schweinebauer Wang in dem durch Shanghai fließenden Huangpu entsorgt. Bald werden es – Yan ließ sich von einem realen Ereignis im Jahr 2013 inspirieren - Tausende sein. Die Ursache des Schweinesterbens wird aber erst am Ende entdeckt. Während diese Seuche zusammen mit einer missglückten Investmentspekulation Wang in den Ruin zu treiben droht, will seine Schwester Candy partout nicht das inmitten von Brachland liegende, abbruchreife Elternhaus verkaufen.


Noch so viel kann der Chef von Golden Happiness Immobilien bieten, Candy, die einen Friseursalon führt und passionierte Taubenzüchterin ist, lässt sich nicht umstimmen. An ihr beißt sich auch der junge amerikanische Architekt, der wohl gar keinen Studienabschluss hat, die Zähne aus. Für Golden Happiness soll er hier einen Wohnkomplex planen, der mit der Fassade der "Sagrada Familia" spanisches Lebensgefühl bei den Bewohnern evozieren soll.


Andererseits verliebt sich Wangs Sohn, der als Kellner arbeitet, während doch der Vater glaubt, dass er ein erfolgreicher Geschäftsmann sei, in die millionenschwere Tochter des Chefs von Golden Happiness. Diese mag den Underdog zunächst zwar arrogant von oben herab betrachten, entwickelt aber langsam doch Gefühle.


In einer an Robert Altman erinnernden polyphonen Erzählweise verknüpft Cathy Yan leichthändig und nur locker die verschiedenen Figuren und Geschichten. Durchaus bissig ist ihr Blick auf Materialismus und die Orientierung an Geld als obersten Wert. Das vom Abbruch bedrohte Elternhaus kann man dabei ebenso als Metapher für das alte China, das trotz allem Widerstand schließlich doch hinweggefegt wird, lesen wie die Schweine-Epidemie für Missstände im Reich der Mitte.


Schwung entwickelt "Dead Pigs" dabei nicht nur durch die häufigen Szenen- und Figurenwechsel, sondern auch durch eine agile Kamera. Perfekt gecastet sind auch die Vertreterinnen der unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen und atmosphärisch dicht fängt Yan vor dem Hintergrund der Skyline von Shanghai die unterschiedlichen Milieus vom Konferenzraum des Immobilienunternehmens über die Restaurants und Clubs, in denen sich die Jugend vergnügt, bis zur desolaten Behausung des Schweinezüchters ein.


Wenn Wang dabei gleich am Beginn seine Begeisterung für Virtual Reality entdeckt und in diese Welten abtaucht, wirft der Film freilich auch die Frage auf, wie real unsere Welt denn wirklich noch ist oder ob man nicht schon längst jede Bodenhaftung verloren hat. Lustvoll karikiert Yan dabei auch Kurse zur Selbstmotivation und Teambildung, wenn die Mitarbeiterinnen von Candys Frisiersalon jeden Morgen ihr Selbstbewusstsein und ihre Fröhlichkeit ebenso rausschreien müssen wie sich der US-Architekt mit einem Podcast motivieren und sich seine Zufriedenheit einreden muss.


Souverän setzt die Debütantin auch mit kraftvollen Farben oder dem Spiel mit Neonlicht visuelle Akzente, gleichzeitig raubt die aufgepeppte schicke Oberfläche dieser Satire aber doch auch Einiges an Biss. Ironisch mag das Ende gedacht sein, in dem musicalartig zuerst Candy und dann die ganze schaulustige Menge zu singen beginnen, doch verwässert wird auch dadurch die gesellschaftskritische Stoßrichtung.


Da ist zweifellos eine Könnerin am Werk und die lustvolle Machart wirkt ansteckend, sodass die 120 Minuten flotte und abwechslungsreiche Unterhaltung bieten – mit den großen chinesischen Gesellschaftspanoramen wie "Ash Is Purest White" von Jia Zhang-Ke, der bei "Dead Pigs" als Executive Producer fungierte, oder auch Wang Xiaoshuais "So Long, My Son" kann Cathy Yans Debüt aber definitiv nicht mithalten.


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Trailer zu "Dead Pigs"