• Walter Gasperi

Ash Is Purest White


© Stadtkino Filmverleih

Über fast zwanzig Jahre und quer durch China spannt Jia Zhang-Ke den Bogen der Handlung und mischt Gangsterfilm, Liebesfilm und Roadmovie souverän zu einem mitreißenden Panorama des gewaltigen Umbruchs im Reich der Mitte.


Eine im engen 4:3 Format mit unscharfem Videomaterial gedrehte Szene in einem überfüllten Bus steht am Beginn. Isoliert steht dieser Auftakt da, denn bald weitet sich das Bild und die eigentliche Handlung setzt ein.


Vor beinahe 20 Jahren hat Jia Zhang-Ke diese ersten Bilder schon gedreht und erzählt so nicht nur von einer vergangenen Zeit, sondern bringt auch seine eigene filmische Vergangenheit ins Spiel. Auch in einer späteren Sequenz wird er so arbeiten, wenn er Material, das 2006 bei den Dreharbeiten zu „Still Life“, der vor dem Hintergrund des Baus des Drei-Schluchten-Damms spielt, gedreht wurde, in seinen neuen Film einbaut.


Wie die bisherige Summe von Zhang-Kes bisherigem Werk wirkt „Ash Is Purest White“, denn immer wieder nimmt der 48-Jährige auf frühere Filme Bezug. Die Gliederung in drei zeitlich und räumlich weit getrennte Kapitel erinnert an seinen letzten Film „Mountains May Depart“, die Orientierung am Gangster-Genre an „A Touch of Sin“.


Im Mittelpunkt der Handlung steht die von Zhao Tao fantastisch gespielte schöne Qiao, ihr folgt der Film durch 136 Minuten. Wie diese Geliebte des Gangsterbosses Bin am Beginn eine Spielhölle in der nordchinesischen Stadt Datong betritt und in der Männergesellschaft agiert, kennzeichnet sie schon als selbstbewusste und starke Frau.


Mitreißend und kraftvoll evoziert Zhang-ke in diesem ersten 2001 spielenden Abschnitt den Um- und Aufbruch im China der Jahrtausendwende. Während einerseits die Gangster der der Mafia ähnelnden Organisation Jianghu Geschäfte machen und Korruption an der Tagesordnung ist, stehen andererseits die Minen der Bergbaustadt Datong vor der Schließung. Auf der einen Seite protestieren Arbeiter gegen Entlassung und Umsiedlung, auf der anderen wird in den Discos gefeiert und getanzt. Wie „Go West“ von Pet Shop Boy „Mountains May Depart“ den musikalischen Stempel aufdrückte, so ist es hier „YMCA“ von Village People.


Aber gleichzeitig erheben sich auch brutale Jugendbanden gegen die etablierten Gangster, die sich noch an einen Ehrenkodex halten. Als erstere Bin überfallen und niederschlagen, zieht Qiao einen Revolver und hält die Jugendlichen durch Warnschüsse in Schach. Als sie wegen illegalen Waffenbesitzes verhaftet wird, nimmt sie die Schuld auf sich und geht fünf Jahre ins Gefängnis.


Wie Zhang-Ke die Haftstrafe beinahe ganz überspringt, so arbeitet er immer wieder mit großen Ellipsen, bricht Szenen abrupt ab oder formuliert sie nicht breit aus. Auch die drei Kapitel markiert er zeitlich nicht mit Inserts, sondern verwendet zur zeitlichen Einordnung nur beiläufige Bemerkungen.


Nach ihrer Haftstrafe ist Qiao so 2006 auf einem Passagierschiff auf dem Jangtsekiang unterwegs. Eine Durchsage informiert über die anstehende Überflutung der Siedlungen am Ufer durch den Drei-Schluchten-Damm, im Zentrum steht aber wieder die Beziehung zwischen der Protagonistin und Bin, den sie erst nach langer Suche findet.


Ruhiger als der erste Teil ist dieser Abschnitt, aber das Gespräch zwischen Qiao und Bin über seine erloschene Liebe gehört zu den schönsten und intensivsten des Films. Er ist zu einem erfolgreichen Unternehmer aufgestiegen und hat eine neue Geliebte. Qiao macht sich wieder auf den Weg mit einem Hochgeschwindigkeitszug.


Wie die Gesellschaft Chinas sich rasend schnell verändert, Dörfer geflutet, Minen geschlossen werden und im letzten Teil auch ein halbfertiges Stadion für den maroden Zustand des Reichs der Mitte stehen kann, so ändern sich auch die Beziehungen, werden gleichsam durch den gesellschaftlichen Umbruch erodiert. Zur Ruhe kommen die Protagonisten und das Land nie, immer sind sie in Bewegung – am Beginn im Bus, später in einem Schiff und schließlich in Hochgeschwindigkeitszügen. Große Kunst ist es, wie Zhang-Ke die individuelle Geschichte des Paares mit der gesellschaftlichen Entwicklung verknüpft.


Nicht nur nach Datong zurück, sondern auch wieder in eine Spielhölle wird „Ash Is Purest White“ im letzten, 2018 spielenden Abschnitt führen, aber die Machtverhältnisse haben sich nun umgedreht. Hier hat jetzt Qiao das Sagen, während Bin nach einer Hirnblutung im Rollstuhl sitzt. Sie kümmert sich zwar um ihn, aber Liebe gibt es keine mehr, sondern sie spricht von Rechtschaffenheit und hält damit am alten Ehrenkodex fest.


Ungebrochen und bedingungslos geht diese faszinierende Frau, die sich nicht unterkriegen lässt ihren Weg, bleibt sich in einem aus den Fugen geratenen Land treu. Glücklich wird aber auch sie nicht: Am Ende sieht man sie allein in einer unscharfen Aufnahme einer Überwachungskamera. – Ein eindrücklicheres Bild für Einsamkeit kann man sich kaum vorstellen.


Läuft derzeit im Kinok St. Gallen und Takino Schaan


Trailer zu "Ash Is Purest White"