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  • AutorenbildWalter Gasperi

Sidonie au Japon - Madame Sidonie in Japan

Eine französische Schriftstellerin, die um ihren verstorbenen Mann trauert, reist anlässlich der Neuauflage ihres ersten Buches nach Japan. Wird sie in der Fremde über den Verlust hinwegkommen und ihre innere Ruhe finden? – Isabelle Huppert trägt Élise Girards melancholische Tragikomödie, die zwar schön anzusehen ist und mit witzigen Details punktet, aber insgesamt wenig Überraschungen bietet.


Nur wenige Einstellungen benötigt Élise Girard, um die Schriftstellerin Sidonie Perceval (Isabelle Huppert) von Frankreich nach Japan reisen zu lassen: Ein Blick auf Fotos von offensichtlich verstorbenen Familienangehörigen beim Packen des Koffers, der Check-in am Flughafen für das verspätet startende Flugzeug, das Warten vor dem Gate. – Dabei war sich Sidonie gar nicht sicher, ob sie wirklich die lange Flugreise auf sich nehmen will und ist noch am Flughafen hin- und hergerissen.


Ein langer Schwenk über eine japanische Großstadt stimmt auf den langsamen Erzählrhythmus und die Melancholie ein, die "Sidonie au Japon" bestimmt. Aufgebrochen wird diese Stimmung immer wieder durch sanften Witz zum Culture-Clash zwischen Europa und Japan. Zum Running Gag wird so, dass Sidonies Verleger sich nicht nur um ihren Koffer kümmern will, sondern ihr gleich auch noch die Handtasche abnimmt, und die höflichen Verbeugungen des Hotelpersonals wollen kein Ende nehmen, als Sidonie sie erwidert.


Élise Girard wurde durch einen Japan-Besuch anlässlich der Premiere ihres Filmdebüts "Belleville–Tokyo" im Jahr 2013 zu ihrem dritten Spielfilm inspiriert. So nützt sie die sechstägige Reise Sidonies auch, um ausgiebig das fernöstliche Land zu präsentieren. Denn neben Interview- und Signierstunden bleibt auch Zeit, um mit dem Verleger Kenzo Mizoguchi (Tsuyoshi Ihara), der mehrmals erklären muss, dass er nicht mit dem legendären Filmregisseur Kenji Mizoguchi verwandt ist, Parks ebenso wie die Tempelanlagen von Kyoto und die Insel Naoshima mit den Museumsbauten Tadao Andos zu besichtigen. Die Nächte wiederum verbringt Sidonie nicht nur in modernen Luxushotels, sondern auch in einer traditionellen Unterkunft.


In sorgfältig arrangierten Einstellungen rückt Kamerafrau Céline Bozon diese Schauplätze ins Bild, doch nie verliert der Film dabei Sidonie aus den Augen. Distanziert sitzt sie zunächst in der immer wieder in statischer halbnaher Einstellung gefilmten Taxifahrt Fahrt neben ihrem Verleger. Small-Talk bestimmt die Szenen, doch langsam öffnen sie sich dem Gegenüber und kommen sich näher.


Beiläufig werden nationale japanische Traumata von Hiroshima über das Erdbeben von Kobe bis zur Katastrophe von Fukushima angesprochen, mehr Bedeutung für die Entwicklung der Handlung hat aber, dass Kenzo beim Whisky an der Hotelbar erzählt, dass ihn seine Frau verlassen hat, und Sidonie berichtet, dass sie der Geist ihres Mannes (August Diehl) verfolgt.


Schreckt sie vor diesem zunächst zurück, so lernt sie im Land, in dem das Unsichtbare ganz selbstverständlich zur sichtbaren Welt gehört, langsam ihn anzunehmen und sich mit ihm zu unterhalten, auch wenn er in seiner Körperlosigkeit nicht greifbar ist.


Kraftzentrum des Films ist dabei wieder einmal Isabelle Huppert. Ihr zuzusehen ist immer ein Vergnügen, egal ob sie in Hong Sang-soos "A Traverler´s Needs" in Korea Französischunterricht gibt oder hier sich langsam von der verlorenen, ganz in der Vergangenheit lebenden Schriftstellerin zur wieder in die Zukunft blickenden Frau wandelt. Große Schauspielkunst ist, wie sie in einer Szene mit ihren Blicken spielt oder wie sie immer wieder Kommunikationsprobleme mit dem Hotelpersonal hat und der Wandel in ihren Outfits von zunächst förmlichen Hosenanzügen zu einem eher legeren Kleid kehrt ihre langsame Öffnung nach außen.


Bestens harmoniert sie auch mit dem in Japan als Star geltenden Tsuyoshi Ihara, doch insgesamt bewegt sich diese Geschichte von Trauer und langsamer Selbstfindung in sehr ausgetretenen Bahnen. Da orientiert sich "Sidonie au Japon" in den Culture-Clash-Momenten und in der Verlorenheit Sidonies unübersehbar an Sofia Coppolas "Lost in Translation" und mehr Japan-Klischees bedient als mit ihnen gespielt wird, wenn diese Lesereise auch noch während der berühmten Kirschblüte spielt.


Charmante Details wie Sidonies Sneakers mit einer in der Nacht leuchtenden Sohle oder Eigenheiten der Hotelzimmer, aber auch der von August Diehl gespielte Geist sorgen aber immer wieder für netten, wenn auch harmlosen Witz und die unaufgeregt-lakonische Erzählweise beschwört stimmungsvoll eine sanft-melancholische Atmosphäre. Durchaus nett anzusehen ist so diese leise Tragikomödie, wirkt aber insgesamt doch auch etwas abgestanden und wird trotz des in jeder Szene präsenten französischen Stars kaum länger haften bleiben.

 


Sidonie au Japon – Madame Sidonie in Japan Frankreich / Deutschland / Schweiz / Japan 2023 Regie: Élise Girard mit: Isabelle Huppert, Tsuyoshi Ihara, August Diehl, Yuko Hitomi, Aurore Catala, Yusuke Kitaguchi, Masumi Fukushi, Keiko Hara Länge: 95 min.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen. - Ab 12. Juli in den deutschen und österreichischen Kinos.


Trailer zu "Sidonie au Japon - Madame Sidonie in Japan"



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