No other Choice
- Walter Gasperi

- vor 16 Stunden
- 3 Min. Lesezeit

Stilistisch brillant, sehr unterhaltsam, aber auch ausfransend: Park Chan-wook lässt in seiner schwarzhumorigen Gesellschaftssatire einen Papierfacharbeiter im Kampf um einen Arbeitsplatz nicht gegen die Bosse rebellieren, sondern seine Konkurrenten eliminieren.
Das Thema und der Stoff sind nicht neu: Schon 1997 begann in Donald E. Westlakes Kriminalroman "The Ax" ein entlassener Manager einer Papierfabrik nach 18 Monaten zermürbender Arbeitslosigkeit sieben Konkurrenten um einen Job zu beseitigen. Acht Jahre später verfilmte Costa-Gavras, dem Park Chan-wook seinen Film widmet, den Roman unter dem Titel "Le couperet". Der Meister des Politthrillers verlegte nicht nur die Handlung nach Frankreich, sondern mischte auch Thriller mit bissiger Satire.
Die Themen Arbeitslosigkeit, "Umstrukturierung" und Kampf um einen Job haben in Zeiten von KI nichts an Relevanz verloren, sondern wohl noch gewonnen. In einer beunruhigenden Zukunft – oder vielleicht schon Gegenwart – kommt Park ("Old Boy", "Decision to Leave – Die Frau im Nebel") spätestens in der großartigen Schlussszene an. Davor verlegte dieser große Stilist des koreanischen Kinos die Handlung vor allem in sein Heimatland und setzte statt auf Thrillerspannung auf eine lustvoll überzogene, schwarzhumorige Satire.
Seine Meisterschaft beweist Park schon in der Eröffnungsszene, in der er herrlich kitschig das Familienidyll des als Manager in der Papierbranche arbeitenden Man-su (Lee Byung-hun) überzeichnet. In herbstlich bunter Natur grillt der etwa 50-Jährige im Garten der großen Villa, die er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern bewohnt. Zwei große Golden Retriever tollen durch den Garten, sowohl er als auch seine Frau fahren große Wagen, das Töchterchen nimmt Cello-Stunden und die Ehefrau spielt regelmäßig Tennis.
Perfekt scheint das Familienleben, doch dann übernimmt ein US-Konzern die Papierfirma und Man-su wird entlassen. Für einen Koreaner bedeutet das aber nicht nur Jobverlust, sondern geradezu eine Hinrichtung. Park rafft die Bemühungen Man-sus einen neuen Job zu finden, lässt ihn im Lager eines Kaufhauses arbeiten, Kurse zur Stärkung des Selbstwertgefühls besuchen und macht auch den materiellen Abstieg sichtbar: Die Hunde müssen den Großeltern übergeben werden, das Netflix-Abo – ein Seitenhieb gegen den Streaming-Giganten – wird gekündigt, die Gattin nimmt statt Tennis zu spielen einen Teilzeitjob als Zahnarztassistentin an und auch der Verkauf des Hauses droht.
Schon hier zeigt sich Parks Lust an satirischer Überzeichnung. Problem ist dabei allerdings, dass die Familie und der von Lee Byung-hun als Durchschnittskoreaner gespielte Man-su dadurch nicht zu Sympathieträgern werden. So distanziert und kühl ist der Blick, dass man kaum mit dieser Familie mitfühlt.
Ein Zeitinsert signalisiert die sich hinziehende Arbeitslosigkeit, bis die Ehefrau mit der Bemerkung, dass es doch gut wäre, wenn ein Job-Rivale vom Blitz getroffen würde, Man-su auf die Idee bringt, selbst die Konkurrenten zu beseitigen. Doch das ist leichter gedacht als getan, denn als er konkret zur Tat schreiten will, stellen sich doch Gewissenbisse ein, die überwunden werden müssen.
Visuell ist "No other Choice" wie Parks historisches Erotikdrama "The Handmaiden" ("Die Taschendieben", 2016) oder "Decision to Leave" ("Die Frau im Nebel", 2022) wieder ein echter Genuss. Jede Einstellung von Kameramann Kim Woo-hyung ist überlegt gewählt und sorgfältig kadriert. Die bunten Herbstwälder sorgen für Augenfutter, während ungewöhnliche Perspektiven wie der Blick vom Boden eines vollen Bierglases quasi in den Mund des Trinkenden oder Detailaufnahmen von Man-sus schmerzendem Zahn immer wieder überraschen.
Auch als virtuoser Erzähler erweist sich Park wieder, wenn er mehrere parallele Handlungen verschränkt, Erinnerungen und Träume einbaut. Gleichzeitig franst diese Gesellschaftssatire, mit seinen Nebenhandlungen wie einem Einbruch von Man-sus Sohn, dem Cello-Spiel der Tochter und der Tanzbegeisterung des Ehepaars aber auch aus.
Zu ausladend werden auch die mörderischen Aktionen geschildert, bei denen es bald zu einem langen Dreikampf zwischen Opfer, dessen Gattin und Man-su kommt oder der Job-Konkurrent mit reichlich Alkohol abgefüllt wird. Die Dehnung dieser Szenen, aber auch Parks Lust an slapstickhaften Momenten raubt dieser Satire, die schon mehrfach mit Bong Joon-hos wesentlich pointierterem Welterfolg "Parasite" verglichen wurde, ebenso einiges von ihrem Biss wie der Umstand, dass man auch mit den Opfern kaum Mitleid hat.
Der kalte Blick passt zwar durchaus zu einem menschenfeindlichen Kapitalismus, doch Wut auf Konzerne, die wie Man-su immer wieder betonen "Wir haben keine andere Wahl", im Grunde aber nur an Profitmaximierung denken, sowie Mitgefühl mit den entlassenen Angestellten kommt so kaum auf. – Parks Einfallsreichtum und die handwerkliche Brillanz des Films sorgen zwar dafür, dass kein Leerlauf aufkommt und man über 139 Minuten auf hohem Niveau unterhalten wird, doch als Satire wirklich zu zünden und zu packen vermag "No other Choice" nicht. No other Choice – Eojjeolsuga eobsda
Südkorea / Frankreich 2025
Regie: Park Chan-wook
mit: Lee Byung-hun, Son Yejin, Park Hee-soon, Lee Sung-min, Yeom Hye-ran, Cha Seung-won
Länge: 139 min.
Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen, Skino Schaan und Kino GUK in Feldkirch.
FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 11.3., 18 Uhr + Do 12.3., 19.30 Uhr (korean. OmU) Kinothek extra in der Kinothek Lustenau: Mo 6.4., 18 Uhr + Mi 15.4., 20 Uhr (korean. OmU)
Trailer zu "No other Choice"




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