Silent Rebellion – À bras-le-corps
- Walter Gasperi

- vor 11 Stunden
- 3 Min. Lesezeit

Eine junge Frau kämpft in der ländlichen Schweiz der 1940er Jahre um Selbstbestimmung: Marie-Elsa Sgualdo gelang mit ihrem Langfilmdebüt ein für sieben Schweizer Filmpreise nominiertes, konzentriertes Emanzipationsdrama, das von der großartigen Hauptdarstellerin Lila Gueneau getragen wird.
Nicht leicht ist das Leben für die 15-jährige Emma (Lila Gueneau) im Jahr 1943 in einem nahe der französischen Grenze gelegenen Dorf im Schweizer Jura. Da die Mutter abwesend ist, muss sie sich um ihre beiden kleineren Geschwister kümmern und gleichzeitig noch als Haushaltshilfe bei der Pastorenfamilie den als Schneider arbeitenden Vater finanziell unterstützen. Dennoch träumt Emma von einem Ausbruch aus diesem ländlichen Milieu und dem Besuch einer Krankenpflegeschule.
Wie Marie-Elsa Sgualdo in ihrem Spielfilmdebüt erst später lüftet, wieso die Mutter vom Vater verstoßen wurde, so hält die 40-jährige Regisseurin auch andere Informationen zurück und weitet erst langsam das Bild. Ihr Fokus liegt ganz auf ihrer Protagonistin, die von der 19-jährigen Lila Gueneau zurückhaltend, aber mit großer Intensität gespielt wird. Nicht durch große Dialoge, sondern durch ihr Auftreten und ihre Mimik wird ihre Einengung in der konservativen Gesellschaft, aber auch ihre Stärke spürbar.
Von einer Kommission wird sie zwar wegen ihres Fleißes und ihrer Frömmigkeit für einen "Tugendpreis" vorgeschlagen, doch dann wird sie während eines Picknicks mit der Pastorenfamilie von einem jungen Genfer Journalisten, der die Familie besuchte, auf einer Wiese vergewaltigt. Leise, aber quälend intensiv ist diese Szene, wenn Sgualdo nur zeigt, wie Emma erfolglos versucht, den jungen Mann wegzudrücken, dann auf ihrer zur Faust geballten Hand fokussiert, mit der sie Grasbüschel ausreißt.
Minimalistisch ist die Inszenierung. Keine spektakulären Einstellungen und Kamerafahrten gibt es und wohl auch aus finanziellen Gründen wurde auf Massenszenen und große Kulissen verzichtet. Aber gerade durch die Konzentration auf Emma, die praktisch in jeder Szene präsent ist, entwickelt dieses geradlinig und sehr klassisch erzählte Drama seine Dichte und Durchschlagskraft.
Auf Schritt und Tritt folgt der Film dieser jungen Frau, deren Situation sich durch die aus der Vergewaltigung resultierende Schwangerschaft verschärft. Schande muss sie nämlich nun befürchten, denn der aus reichem Haus stammende Vergewaltiger will nichts mehr von ihr wissen. Statt Unterstützung vom Dorf zu bekommen, rät man ihr zu schweigen. So heiratet sie einen jungen Bauern und Orgelspieler, der für sie schwärmt, doch glücklich wird sie in dieser Ehe nicht…
Sgualdo zeichnet dicht das Bild einer patriarchal-konservativen Gesellschaft, in der der Handlungsspielraum der Frauen überall eingeengt wird. So muss nicht der Vergewaltiger Strafe fürchten, sondern das Opfer die Schande und in der Ehe darf sie ohne Erlaubnis ihres Mannes nicht außer Haus arbeiten. Aber auch das Schicksal der Mutter verdichtet das beklemmende Gesellschaftsbild.
Gleichzeitig wird durch den historischen Hintergrund mit Radionachrichten vom Zweiten Weltkrieg und Abschiebung von Flüchtlingen, die sich in den Wäldern vom besetzten Frankreich in die Schweiz zu retten versuchen, dieses intime Drama unaufdringlich in einen größeren Kontext eingebettet. Eindrücklich erinnert so "Silent Rebellion" einerseits an ein dunkles Kapitel der Schweizer Geschichte, wird andererseits aber auch zum starken und zeitlosen Plädoyer für Zivilcourage und Menschlichkeit, wenn Emma im Gegensatz zur Dorfbevölkerung Position bezieht gegen diese Abschiebungen, die für die Betroffenen den sicheren Tod bedeuten.
Doch Sgualdo stellt nicht die Unterdrückung und Ausbeutung Emmas ins Zentrum, sondern deren Widerstandswillen und Entschlossenheit. Beeindruckend vermittelt Lila Guanino, wie sich diese junge Frau nicht unterkriegen lässt, wie sie um ihre Selbstbestimmung kämpft und Wege findet, sich zu behaupten. Abrupt kommt zwar das Ende, doch wenn Emma in der letzten Einstellung im Kreis von Kolleginnen tanzt und in der Schlusseinstellung erstmals in die Kamera lacht, darf man für sie auf eine gute Zukunft hoffen.
Silent Rebellion – À bras-le-corps
Schweiz / Belgien /Frankreich 2025
Regie: Marie-Elsa Sgualdo
mit: Lila Gueneau, Grégoire Colin, Thomas Doret, Aurélia Petit, Sandrine Blancke, Sasha Gravat
Länge: 96 min.
Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen.
Trailer zu "Silent Rebellion – À bras-le-corps"




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