• Walter Gasperi

Les passagers de la nuit - Passagiere der Nacht


Wie hingetupft und federleicht: Mikhaël Hers begleitet eine etwa 50-jährige Frau, die nach der Trennung von ihrem Mann erst langsam einen neuen Lebensweg finden muss, und ihre beiden fast erwachsenen Kinder durch das Paris der 1980er Jahre. – Getragen von einer großartigen Charlotte Gainsbourg und einer von Liebe zu den Menschen und dem Kino durchzogenen Inszenierung gelang Hers ein unaufgeregter und beglückender Film über das Leben und die Kraft und Bedeutung von Beziehungen.


Wie zuletzt schon die famose Coming-of-Age-Geschichte "Les Magnétiques" setzt auch Mikhaël Hers vierter langer Spielfilm mit der Wahl François Mitterands zum französischen Präsidenten am 10. Mai 1981 ein. Fließend mischt Hers nicht nur bei diesem Auftakt Archivmaterial mit neuen inszenierten Szenen. Auf Bilder vom Jubel über den Sieg Mitterands folgen nämlich später immer wieder kurze, eingeschnittene Stadtansichten.


Einzig durch das kleinere Format hebt sich dieses Found Footage-Material dabei vom restlichen, in körnigen Bildern gehaltenen Film ab, dessen Außenaufnahmen teilweise auf analogem 35mm-Film gedreht wurden. Unterstützt von der Musik und den zahlreichen Nachtaufnahmen evoziert der 47-jährige Franzose so eine betörende Stimmung der Melancholie.


Im Mittelpunkt der Handlung steht die etwa 50-jährige Elisabeth (Charlotte Gainsbourg), die kurz vor Beginn des Films von ihrem Mann verlassen wurde. Ziemlich verzweifelt sitzt sie mit ihrem Vater und ihren beiden fast erwachsenen, vor dem Abitur stehenden Kindern in der Pariser Stadtwohnung. Neu muss sie sich nun orientieren, muss erstmals einen Job suchen, denn Kindererziehung und Krankheit haben sie zuvor vom Arbeiten abgehalten.


Die Beiläufigkeit, mit der Hers später diese Krankheit, genauer definiert, kennzeichnet die Inszenierung des gesamten Films. Nichts wird hier besonders betont oder aufgebauscht, sondern die Dinge passieren eben einfach und das Leben gleitet, gegliedert durch die Inserts "1984" und "1988", durch das Jahrzehnt dahin.


Mit meisterhaft kontrolliertem ruhigem Rhythmus entwickelt diese Frauen- und Familiengeschichte so einen soghaften Flow, in dem man versinken kann. Kein großes Drama macht Hers dabei daraus, dass Elisabeth bei ihrem ersten Job schon nach dem ersten Tag wieder gekündigt wird, auch dass sie später ein Kollege nach dem ersten Sex sofort wieder sitzen lässt, wird so wenig ausgebaut wie später der Beginn einer neuen Liebe.


Große Leichtigkeit gewinnt der Film durch diese elliptische Erzählweise, bei der vieles nur knapp angeschnitten wird. Getragen wird dieses ungemein sanfte und zarte Drama aber von einer großartigen Charlotte Gainsbourg, die einfühlsam und bewegend die Wandlung Elisabeths von der verzweifelten und psychisch labilen verlassenen Ehefrau zur wieder Lebensmut fassenden, lachenden und optimistisch in die Zukunft blickenden Frau vermittelt.


Eine Anstellung findet Elisabeth beim Radio als Telefonistin, die die Anrufer*innen für die titelgebende Nachtsendung "Les passagers de la nuit" prüfen und abweisen oder an die Moderatorin weiterleiten muss. Selbst bringt sie auch gleich die junge obdachlose Herumtreiberin Talulah (Noée Abita) in die Sendung, die sie dann unter ihre Fittiche nimmt und in ihrer Wohnung aufnimmt, bis Talulah plötzlich verschwindet.


Zentrale Bezugspersonen für Elisabeth sind ihre beiden fast erwachsenen Kinder Matthias (Quito Rayon Richter), der im Laufe des Films auch seinen Lebensweg finden muss, und die politisch engagierte Judith (Megan Northam). Ärgert sie sich zunächst über deren mangelnden schulischen Einsatz, so werden sie sich zunehmend zur gegenseitigen Stütze. Andererseits lernt Elisabeth durch die neue Liebe sich auch von ihren Kindern zu lösen.


Schon hören kann man die Kritiker, die einwenden, dass doch ziemlich banal sei, was Hers erzählt, doch der Franzose inszeniert - wie schon in seinem großartigen "Amanda – Mein Leben mit Amanda" - mit so viel Feingefühl und Liebe zu seinen Charakteren, dass solche Kritik ins Leere läuft. Gerade im unspektakulären Blick auf das ganz alltägliche Leben, im Gespür für Stimmungen und Nuancen seiner vielschichtigen Figuren beglückt "Les passagers de la nuit" nämlich und beschwört – wie schon "Amanda" - bewegend die Kraft und Bedeutung von Mitmenschlichkeit und Empathie für den anderen.


Wie sich hier zunächst Elisabeth bei einer Mopedfahrt als Beifahrerin an den Rücken ihres Sohns lehnt und später in gleicher Weise die obdachlose Talulah ist ein ebenso treffendes Bild für die stärkende Kraft einer Bezugsperson wie der Vater, der stets für seine Tochter da ist. Immer wieder verstärkt dabei die geringe Schärfentiefe in den Nahaufnahmen, in denen nur die Gesichter scharf zu sehen sind, der Hintergrund aber verschwimmt, die Fokussierung auf den Menschen, während andererseits weite Einstellungen mit größerer Schärfentiefe diese wiederum im Raum verankern.


Und zu diesem ebenso empathischen wie genauen Blick auf Situationen und Figuren kommt Hers nicht nur spür-, sondern auch sichtbare Leidenschaft für das Kino, die ihn auch bei der filmischen Gestaltung mit größtem Feingefühl vorgehen ließ. Denn da besuchen die Kinder und Talulah nicht nur eine Vorstellung von Éric Rohmers "Les nuits de la pleine lune – Vollmondnächte" und sprechen drei Jahre später über den frühen Tod der Hauptdarstellerin Pascale Ogier, sondern beim eingeschnittenen Archivmaterial griff Hers auch unter anderem auf Filme von Marguerite Duras und Jacques Rivette, der zudem in einem Ausschnitt in der Metro zu sehen ist, zurück.


So ist "Les passagers de la nuit" eine echte Labour of Love und ein Film, der auch die Nouvelle Vague feiert, dabei aber vielleicht weniger an Éric Rohmer als vielmehr in seiner grenzenlosen Menschenliebe und Wärme an die Filme François Truffauts anknüpft.


Les passagers de la nuit Frankreich 2022 Regie: Mikhaël Hers mit: Charlotte Gainsbourg, Quito Rayon Richter, Noée Abita, Megan Northam, Emmanuelle Béart, Thibault Vinçon Länge: 111 min.



Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen - in Deutschland und Österreich ab 5.1. 2023


Trailer zu "Les passagers de la nuit - Passagiere der Nacht