• Walter Gasperi

Ein Meister leichtfüßiger Beziehungsgeschichten: Éric Rohmer


In drei großen Filmzyklen hat der am 21. März 1920 geborene Eric Rohmer ein filmisches Werk von seltener Geschlossenheit geschaffen. Dialoglastigkeit wurde diesen Beziehungsgeschichten oft vorgeworfen, man übersah dabei aber die unübertroffene Leichtigkeit dieser Filme sowie ihre trotz des Alters des Regisseurs jugendliche Frische und atmosphärische Dichte. Das St. Galler Kinok und das Filmpodium Zürich widmen dem 2010 verstorbenen Franzosen anlässlich seines 100. Geburtstags Filmreihen.


Zehn Jahre vor seinen Kollegen von der Nouvelle Vague wurde Éric Rohmer als Maurice Scherer geboren. Dennoch schlug er die Laufbahn eines Regisseurs später als Rivette, Chabrol, Godard und Truffaut ein. Zunächst war Rohmer Literaturlehrer, veröffentlichte 1946 einen Roman und arbeitete ab 1953 – zunächst nebenbei - als Filmkritiker für die legendären „Cahiers du Cinéma“, deren Mitherausgeber er zwischen 1957 und 1963 war.


Zusammen mit Claude Chabrol schrieb er in dieser Zeit ein legendäres Buch über Hitchcock (1957) und 20 Jahre später eine grundlegende Publikation über die Organisation des Raums in Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilm-Meisterwerk „Faust“.


Nur zögerlich wechselte er auf den Regiestuhl. 1959 drehte er nach einigen Kurzfilmen mit „Le signe du lion“ („Im Zeichen des Löwen“) seinen ersten langen Spielfilm, der aber erst 1962 einen Verleih fand. Ab 1962 schuf er dann mit sechs „Contes moraux“ („Moralische Erzählungen“), ab 1980 mit den „Comédies et proverbes“ („Komödien und Sprichwörter“) und ab 1989 mit den „Contes des quatre saisons“ („Erzählungen aus vier Jahreszeiten“) die drei großen Filmzyklen, die als sein zeitloser und bleibender Beitrag zur Filmgeschichte gelten können.


Immer wieder geht es dabei um die Irrungen und Wirrungen der Liebe, um die Fragilität von Beziehungen und die Flüchtigkeit von Gefühlen. Alltäglich sind seine Geschichten, spielen im Hier und Jetzt. Keine großen Kulissen, keine Action und keine dramatischen Wendungen gibt es. Die Erzählweise ist realistisch und schnörkellos, die Kamera begleitet die Protagonisten unauffällig.


Im Mittelpunkt stehen, obwohl der Regisseur beim letzten Zyklus schon die 70 überschritten hatte, junge Menschen. Trotz Rohmers Alter sind seine Filme dieser Generation näher als die vieler junger Kollegen.


Viel geredet wird in seinen Filmen. Mehr als auf den Inhalt der ungemein genauen Dialoge kommt es dabei aber oft auf die Art des Redens, auf Mimik und Gestik an. Trotz der Dialoglastigkeit, die Rohmer immer wieder vorgeworfen wurde, hat sein Kino nichts mit der Geschwätzigkeit von TV-Filmen gemein, sondern lebt von der genauen Beobachtung und der Meisterschaft, mit der er die Handlung in einem sozialen Umfeld oder auch in einer Jahreszeit verankert.


Wie improvisiert wirkt da vieles – und doch ist alles genau geplant, kommt an der Oberfläche leicht daher, geht aber bei genauerem Hinsehen in die Tiefe. Denn Rohmer, der sich für Literatur ebenso wie für Philosophie und klassische Musik interessierte, gehört unzweifelhaft zu den großen Moralisten des Kinos. Er erzählt von Menschen, die sich in fixen Ideen verrennen und erst zum richtigen Leben finden müssen, von Männern und Frauen, die sich lange verfehlen, von Sehnsüchten und emotionalen Krisen.


Und zwischen und neben den großen Zyklen unternahm Rohmer immer wieder Ausflüge in den Bereich des Historienfilms und der Klassikeradaption. Kleists „Die Marquise von O…“ (1976) verfilmte er ebenso wie den „Parsifal“-Roman des mittelalterlichen Autors Chretien de Troyes („Perceval le Gallois“, 1978) und, als beinahe alle noch analog drehten, drehte er schon ganz in digitaler Technik den während der Französischen Revolution spielenden „L´anglaise et le duc“ (2001).


Unübersehbar ist auch der Einfluss des Franzosen, der am 11. Jänner 2010 im Alter von 89 Jahren starb, vor allem auf Richard Linklaters „Before“-Trilogie (1995-2013). Wie bei Rohmer dominieren hier Dialoge, die bei aller Geschliffenheit sehr natürlich und echt wirken und wie bei Rohmer reden die Protagonisten auch hier über Gott, die Liebe und die Welt. Aber auch die Filme des Südkoreaners Hong Sangsoo wie zuletzt "The Woman Who Ran" (2020) oder Mia Hansen-Løves „Un amour de jeunesse“ (2011) erinnern im Verzicht auf dramatische Zuspitzung und in den alltäglichen Dialogen an die Filme des großen Franzosen.


Weitere Infos und Spieldaten unter Kinok St. Gallen und Filmpodium Zürich