• Walter Gasperi

Vollendete Licht-Spiele: Friedrich Wilhelm Murnau


Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens (1921/22)

Fritz Lang, Georg Wilhelm Pabst, Ernst Lubitsch, Friedrich Wilhelm Murnau – in den 1920er Jahren nahm das deutsche Kino weltweit eine führende Position ein. Vor allem Murnau bemühte sich, die neue Kunstform von Theater und Literatur zu befreien und dem Bild den Vorrang gegenüber dem Wort – oder eben Zwischentiteln - einzuräumen. Mit „Nosferatu“ schuf der den Prototypen des Vampirfilms, in „Der letzte Mann“ entfesselte er, unterstützt von Karl Freund, die Kamera, begeisterte in „Faust“ mit spektakulären Bauten und grandiosen Licht-Schattenspielen und drehte in Hollywood mit „Sunrise“ ein ebenso einfaches wie überwältigendes Melodram. Das Filmarchiv Austria widmet diesem Meister des Stummfilms vom 8. bis 21.1. 2020 eine Retrospektive.


Kein Wunder war es, dass Friedrich Wilhelm Murnau 1926 ein Angebot aus Hollywood bekam. Schon damals engagierten die großen amerikanischen Studiobosse kreative europäische Regisseure. Nicht vorbei kamen sie da an diesem „Alchimisten des Lichts und Virtuosen der kinematographischen Mittel“.


1888 in Bielefeld als Sohn eines Textilfabrikanten geboren studierte Friedrich Wilhelm Plumpe, der sich ab etwa 1909 Murnau nannte, nachdem er sich mit seinem Freund im oberbayrischen Ort gleichen Namens aufgehalten hatte, Kunstgeschichte und Literatur. Murnaus „Regie-Schule“ war das Theater Max Reinhardts, dessen Ensemble er von 1911 bis 1914 angehörte. Als er nach seinem Einsatz im Ersten Weltkrieg nach Berlin zurückkehrte, begann er sich dem Film zu widmen.


Auf einen Nenner bringen lässt sich Murnaus Werk dabei kaum, gliedern könnte man es laut Hartmut W. Redottée[1] in drei Perioden. Steht in den zwischen 1919 und 1923 entstandenen Filmen, beeinflusst von Max Reinhardts Rauminszenierungen im Theater, die Auseinandersetzung mit dem „Architekturraum“ im Mittelpunkt, so gewinnt in der zweiten Phase die Komposition der Fläche des projizierten Filmbildes an Gewicht. Eine neue Entwicklung kündigte sich mit „Tabu“ an, konnte aber durch den tödlichen Unfalls Murnaus im März 1931 nicht fortgesetzt werden.


Seine ersten Filme gelten als verschollen, aber schon im ersten vollständig erhaltenen Film, dem Ehedrama „Der Gang in die Nacht“ (1920) bewies Murnau sein Gespür für die Spiegelung von Gefühlen in Landschaftsbildern. Manches weist bei dem kompakt erzählten Kammerspiel auch schon voraus auf spätere Meisterwerke wie „Sunrise“ (1926/27) und Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ (1921/22), mit dem Murnau der Durchbruch gelang.


Diese inoffizielle Verfilmung von Bram Stokers „Dracula“ wird bestimmt von der Staffelung von Raumzonen, von Durchblicken, durch Bögen, Türöffnungen und lange Gänge. Schlimmes lassen schon am Beginn die bedrohlich in die Höhe ragenden Giebel einer norddeutschen Stadt erahnen, in den Karpaten, in denen der Angestellte Hutter dem Grafen Orlok ein Haus verkaufen soll, verbreiten dann die übermächtigen leeren Räume, lange Gänge und düstere Gewölbe des Schlosses eine beklemmende Atmosphäre.


Erzeugt schon die Inszenierung des Raums Beunruhigung, so verstärkt Murnau diese noch durch ungewöhnliche, expressive Kameraperspektiven, das Spiel mit Licht und Schatten, Nebelschwaden und eine bizarre Landschaft, eine Rattenplage oder eine in Negativkopie eingesetzte Fahrt zum Schloss. Das Grauen kommt hier nicht mit überraschenden Schockmomenten, sondern es schleicht sich langsam ein und bleibt dafür umso länger haften.


Nicht übersehen sollte man dabei aber, dass sich in „Nosferatu“, der neben „Das Cabinet des Dr. Caligari“ als Hauptwerk des deutschen expressionistischen Films gilt, die gesellschaftliche und politische Stimmung im Deutschland um 1920 spiegelte: Verunsicherung und Orientierungslosigkeit hatte die Niederlage im Ersten Weltkrieg und die Ablösung der Monarchie durch die Republik ausgelöst, wirtschaftlich lag die Weimarer Republik am Boden, die politische Lage war instabil, Putschversuche und Attentate bestimmten den Alltag.


Die visuelle Ebene spielt in den Filmen Murnaus die Hauptrolle, über Raumgestaltung, Kamerabewegung und Lichtführung wollte er seine Geschichten erzählen. Er arbeitete zwar mit Stars wie Emil Jannings, gab Max Schreck als Graf Orlok in „Nosferatu“ die Rolle seines Lebens, versuchte aber gleichzeitig die Schauspieler gegenüber der Bildgestaltung in den Hintergrund zu drängen. Bei der Integration der Natur in den Film ließ er sich vom skandinavischen Film beeinflussen, bevorzugte Originalschauplätze wie die norddeutschen Städte in „Nosferatu“ oder die Südsee für den Liebesfilm „Tabu“.


Ganz in der Tradition des deutschen Kammerspielfilms der damaligen Zeit steht dagegen „Der letzte Mann“ (1924). Obwohl diese Geschichte um einen Hotelportier, der zum Toilettenmann degradiert wird, ganz in Studiokulissen gedreht wurde, bietet er reines Kino. Murnau kommt mit einem einzigen Zwischentitel aus, forciert statt der Arbeit mit dem Raum, die „Nosferatu“ kennzeichnet, die mit dem Bild und lässt Karl Freund die Kamera „entfesseln“: Die Trunkenheit des Portiers vermittelt er, indem er Emil Jannings auf ein bewegliches Podest setzte, das Freund auf Rollschuhen mit vor den Bauch geschnallter Kamera umkreiste. Und um einen das Hotel durcheilenden Trompetenton zu visualisieren, setzte sich Freund in die Gondel einer Seilbahn, um die Kamera über den Hof „fliegen“ zu lassen. Ganz ohne innere Monologe wird in diesem Meisterwerk allein mit Reissschwenks, Zeitlupeneffekten, Bildverzerrungen und fast abstrakten Lichtspielen der psychisch-physische Zustand des von Emil Jannings gespielten Protagonisten eindrücklich vermittelt.


Inhaltlich findet sich in „Der letzte Mann“ laut Thomas Koebner[2] im Machtverlust des starken Manns eine für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg charakteristische und im Film der Weimarer Republik verbreitete Verlaufsform des Identitätszerfalls. In ihr spiegle sich der Legitimitätsverlust des Bürgertums, das in der Wilhelminischen Ära eine Art von Stolz entwickelt habe, der nach 1918 durch Kriegsniederlage und Inflation verfallen sei.


In Murnaus „Faust“ (1925/26), der auf Goethes Drama ebenso wie auf der Fassung Christopher Marlowes und der deutschen Volkssage aufbaut, rückt das Spiel mit Licht und Schatten in den Mittelpunkt und überträgt somit den Kampf des Guten mit dem Bösen auf die visuelle Ebene. Aus dem Licht des Erzengels wird dieser Film geboren, später wird Mephisto mit seinen Schwingen nicht nur Dunkelheit, sondern damit auch die Pest über die gotische Stadt bringen. Der Kampf des Lichts gegen die Finsternis wird dabei freilich auch stets zu einer Reflexion über das Medium Film, bei dem der Lichtstrahl des Projektors das Dunkel des Kinoraums durchdringt, um eben diese Lichtspiele und Traumbilder auf die Leinwand zu zaubern.


Wie schon in „Nosferatu“ erweist sich Murnau auch in „Faust“ als Meister suggestiver Stimmungsmalerei. Dazu kommt aber auch handfeste Aktion und ein lustvolles Spiel mit auch heute noch verblüffenden filmischen Tricks. Eindrucksvoll ist der erste Auftritt Mephistos, spektakulär der Flug mit einem fliegenden Teppich, spielerisch leicht wirkt die Verwandlung Fausts vom Greis zum Jüngling und umgekehrt. Selbstzweckhaft sind diese Tricks kaum einmal, sondern ergeben sich meist aus der Dramaturgie.


Noch in Deutschland hat Murnau zusammen mit dem Drehbuchautor Carl Meyer „Sunrise – A Tale of Two Humans“ (1926/27) konzipiert, realisiert wurde der Film dann in den USA. Nach Hermann Sudermanns Novelle „Die Reise nach Tilsit“, die zwölf Jahre später von „Jud Süß“-Regisseur Veit Harlan unter dem Originaltitel nochmals verfilmt wurde, erzählt Murnau von einem jungen Bauern, der von einer Frau aus der Stadt verführt und seiner Ehefrau entfremdet wird. Unter dem Einfluss dieses Vamps beschließt der Mann sogar seine Frau zu ermorden, doch der Plan misslingt.


Ganz von der visuellen Gestaltung lebt dieses klassische Melodram, das als Höhepunkt im Schaffen Murnaus gilt, als ein Film, der auch heute noch dem Zuschauer regelrecht den Atem nimmt. Licht und Düsternis durchdringen sich hier ständig, von Rembrandt scheinen die Nachtaufnahmen, von den Impressionisten die am Tag spielenden Szenen inspiriert. Während die Dorfszenen wie Märchenbilder wirken, fließen in die Massenszenen der Großstadt dokumentarische Elemente ein.


Danach war keine Steigerung mehr möglich, ein Neuansatz war nötig. Mit dem großen Dokumentarfilmer Robert Flaherty reiste Murnau in die Südsee, um „Tabu“ (1930/31) zu drehen, überwarf sich aber mit Flaherty, der die fiktionalen Momente dieser verbotenen Liebesgeschichte unter zwei jungen indigenen Inselbewohnern ablehnte. – Die Premiere dieses Films sollte Murnau nicht mehr erleben: Nach einem Autounfall starb er am 11. März 1931 in einer Klinik von Santa Barbara im Alter von 43 Jahren.

[1] Hartmut W. Redottée, Was ist das Kinematographie: Zum Werk von Friedrich Wilhelm Murnau, in: Filmbulletin 3/96, S. 18-35, Winterthur 1996


[2]Thomas Koebner (Hg.), Filmregisseure. Biographien, Werkbeschreibungen, Filmographien, Reclam, Stuttgart 2008, S. 528


Spieltermine unter Filmarchiv Austria


Trailer zu "Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens"