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La Grazia

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 9 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit
"La Grazia": Toni Servillo brilliert in Paolo Sorrentinos melancholischer Studie eines einsamen Präsidenten
"La Grazia": Toni Servillo brilliert in Paolo Sorrentinos melancholischer Studie eines einsamen Präsidenten

Die Amtszeit des italienischen Staatspräsidenten neigt sich dem Ende zu, doch nicht nur ein Gesetz zur Sterbehilfe und zwei Ansuchen um Begnadigung, die er noch unterzeichnen sollte, belasten ihn, sondern auch die Erinnerung an seine vor acht Jahren verstorbene Frau: Paolo Sorrentino zeichnet mit einem großartigen Toni Servillo in der Hauptrolle eine melancholische, in jeder Einstellung kunstvoll gestaltete Charakterstudie eines einsamen Mannes, der sich nach Schwerelosigkeit sehnt.


Nachdem sich Paolo Sorrentino in "Il Divo" (2008) und "Loro" (2018) mit den italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti und Silvio Berlusconi beschäftigt hat, stellt er in seinem elften Spielfilm einen Staatspräsidenten mit Namen Mariano De Santis (Toni Servillo) ins Zentrum. Fiktiv ist diese Figur, doch Parallelen zum amtierenden italienischen Staatsoberhaupt Sergio Mattarella sind nicht zu übersehen.


Wie in "Il Divo" und "Loro" spielt wiederum Toni Servillo die Hauptrolle, mit dem Sorrentino schon zum siebten Mal zusammenarbeitet, doch an die Stelle des bissig-satirischen Blicks auf die beiden Ministerpräsidenten tritt hier eine warmherzig-melancholische Erzählweise und statt der Politik steht der Mensch im Zentrum. Auch von der überbordenden und teils auch selbstverliebten Inszenierung seiner früheren Filme wie "La grande bellezza" (2013) oder auch "Parthenope" (2024) verabschiedet sich der 1970 geborene Neapolitaner hier und seine Lust an der Groteske bricht nur in wenigen Momenten durch.


Sorgfältig kadriert ist zwar immer noch jede Einstellung und jede Kamerabewegung ist überlegt gewählt. Immer noch zelebrieren Sorrentino und seine Kamerafrau Daria d´Antonio, mit der er schon bei "È stata la mano di Dio" ("The Hand of God", 2021) und "Parthenope" zusammenarbeitete, ihre Kunst, doch machen sie dies ungleich zurückhaltender als in den bisherigen Filmen. Nie drängt sich die Form in den Vordergrund, sondern immer steht sie im Dienst der Handlung.


Diese wird vom Staatspräsidenten bestimmt, der sechs Regierungskrisen überstanden hat und nach sieben Jahren nun wenige Monate vor dem Ende seiner Amtszeit steht. Eine lange Abfolge von Auszügen aus der italienischen Verfassung geben zum Einstieg einen Einblick in seine vielfältigen Aufgaben und seine Machtfülle. In Kontrast dazu stehen die Gedanken an seine vor acht Jahren verstorbene Frau Aurora, die vor allem dann aufkommen, wenn er auf dem Dach des Quirinalspalasts, dem Amtssitz des Präsidenten, eine Zigarette raucht.


Über den Verlust ist er nie hinweggekommen und spürbar ist seine sich durch den Film ziehende Einsamkeit. Diese kann ihm auch seine Tochter Dorotea (Anna Ferzetti), die wie er Juristin ist und ihn nicht nur berät, sondern auch mit ständigen Hinweisen auf eine gesunde Ernährung nervt, nicht nehmen.


Aber wie er sich in jüngeren Jahren in einem Standardwerk zum Strafrecht auf 2000 Seiten intensiv mit der Suche nach der Wahrheit beschäftigte, so möchte er auch jetzt noch die Wahrheit über eine Affäre herausfinden, die seine Frau vor 40 Jahren hatte. Er verdächtigt seinen einstigen Schulkollegen und jetzigen Justizminister, doch eine gemeinsame Mitschülerin und Freundin der Verstorbenen (Milvia Marigliano), die die Wahrheit kennt, will den Namen des Geliebten nicht verraten.


Aber auch die letzten politischen Entscheidungen, die De Santis treffen soll, belasten ihn. Soll er als Katholik, der eine freundschaftliche Beziehung zum Papst pflegt, ein Gesetz zur Sterbehilfe unterschreiben? Und wie soll er im Fall von zwei Ansuchen um Begnadigung entscheiden, bei denen die Täter:innen ihre Tat ebenfalls mit Sterbehilfe bzw. schwerer Misshandlung rechtfertigen?


Unterstützt von seinem Stammschauspieler Toni Servillo, der mit jeder Geste und jedem Blick die Einsamkeit und Belastung De Santis, aber auch dessen Eleganz und Kultiviertheit vermittelt, zeichnet Sorrentino ein tiefmelancholisches, aber auch von Witz durchzogenes Porträt eines in seinem Amt eingesperrten Menschen, der sich nach Freiheit sehnt.


Ein ebenso groteskes wie eindrückliches Bild für die Unbarmherzigkeit politischen Protokolls gelingt Sorrentino, der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, bei einem Staatsbesuch des portugiesischen Präsidenten: Bei strömendem Regen und heftigem Wind lässt er das Staatsoberhaupt lange über den roten Teppich gehen und schließlich auch stürzen, während De Santis und seine Entourage vom trockenen Säulengang aus unbewegt auf den sich nähernden Gast blicken, ihm aber nicht zu Hilfe eilen dürfen.


Elegante dunkle Anzüge trägt der Präsident zwar stets, fühlt sich aber im Grunde doch im Gegensatz zu seiner Frau, die immer bunte Kleider trug, als langweilige graue Maus. Wie der italienische Astronaut, der in einer Raumstation um die Erde kreist, wirkt auch der Präsident, der von seiner Umgebung den Spitznamen "Betonkopf" erhalten hat, isoliert.


Keine Tonverbindung zur Raumkapsel kommt zustande, als er in seinem Amtssitz auf einem Großbildschirm einen italienischen Astronauten in seiner Kapsel betrachtet, doch wenn diesem eine Träne über die Wange kullert und anschließend förmlich im schwerelosen Raum tanzt, wird spürbar, wie sehr sich De Santis nach einer ähnlichen Schwerelosigkeit und Leichtigkeit sehnt.


Lernen wird er in diesem ebenso warmherzigen wie nachdenklichen Film aber auch, dass die Wahrheit vielleicht nicht immer so wichtig ist und dass man manchmal Dinge einfach stehen lassen und leben sollte, statt ständig zu grübeln. Denn auf die wiederholt aufgeworfene Frage, wem unsere Tage gehören, wird es schließlich nur die Antwort geben, die auffordert die eigene Zeit zu nützen. Auch sich selbst gegenüber lernt De Santis so die titelgebende Gnade zu entwickeln und gelöster die ihm verbleibenden Tage zu leben und zu genießen.



La Grazia

Italien 2025

Regie: Paolo Sorrentino

mit: Toni Servillo, Anna Ferzetti, Orlando Cinque, Massimo Venturiello, Milvia Marigliano

Länge: 133 min.



Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan.



Trailer zu "La Grazia"



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