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The Chronology of Water

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 12 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit

Die Schauspielerin Kristen Stewart legt mit ihrer Verfilmung von Lidia Yuknavitchs 2011 erschienenen gleichnamigen Memoiren ein selbstbewusstes und formal aufregendes Debüt vor, das in zersplitterter, assoziativer Erzählweise eindringlich von sexuellem Missbrauch, Traumatisierung und dem langen Weg in ein befreites Leben erzählt.


Mit einem wahren Bildgewitter wirft die durch die "Twilight"-Filmreihe bekannt gewordene Schauspielerin Kristen Stewart die Zuschauer:innen in ihr in fünf Kapitel gegliedertes Regiedebüt. Begleitet von einem retrospektiven Voice-over der erwachsenen Protagonistin Lidia (Imogen Poots) bietet Stewart in fragmentarischen Bildfetzen von häuslichen Szenen und Schwimmtraining Einblick in Kindheit und Jugend Lidias.


Kaum einmal gewinnt man nicht nur durch die Kürze der Szenen, sondern auch durch die Nähe der Kamera von Corey C. Waters einen Überblick. Nur bruchstückhaft sind in dem auf körnigem 16-mm-Material gedrehten Film meist die Figuren im Bild, Detail- und Großaufnahmen dominieren. Aber auch durch unscharfe, als Archivaufnahmen angelegte Bilder von Schwimmwettbewerben sowie durch die Einfärbung der Leinwand zwischen einzelnen Szenen wird die Erzählweise aufgebrochen.


Nicht nur große Kraft entwickelt "The Chronology" of Water" durch diese rohe Erzählweise, die an die Filme von Lynne Ramsay ("Die My Love") erinnert, sondern kehrt auch eindrücklich die Zerrissenheit der jugendlichen Lidia nach außen. Nur beim Schwimmtraining scheint sie Befreiung von der beklemmenden familiären Situation mit einem gewalttätigen und sie sexuell missbrauchenden Vater zu finden.


Statt breit auszuformulieren, verknappt Stewart alles aufs Wesentliche und arbeitet mit Andeutungen. Mit Lidia als Zentrum des Films kann sie mit ihrer fragmentierten und assoziativen Erzählweise, bei der die Arbeit der Editorin Olivia Neergaard-Holm eine zentrale Rolle spielt, auch problemlos den Bogen von der Kindheit im Oregon der 1970er Jahre bis in die 1990er Jahre spannen, ohne dass der Film in Episoden zerfällt.


Weil die Mutter wegschaut und sich in Alkohol flüchtet, ist Lidia nach dem frühen Auszug ihrer Schwester, die zuvor missbraucht wurde, ganz dem Vater ausgeliefert. Erschütternd vermittelt er in einer intensiven Szene, wie er Kontrolle über seine Tochter ausübt und jede Befreiung von der Familie zu verhindern versucht. Erst als sie aufgrund ihrer sportlichen Erfolge ein Stipendium an einer Universität in Texas erhält, kann sie sich ihm entziehen, doch der Missbrauch wirkt nach und mit dem Absturz in Alkoholismus und Drogen findet ihre Karriere als Schwimmerin ein abruptes Ende.


Erst über einen Schreibkurs mit dem Schriftsteller Ken Kesey und Erfolge mit ihren literarischen Werken fasst sie langsam wieder Fuß. Dennoch brechen immer wieder bruchstückhaft traumatische Erinnerungen herein.


Erstaunlich mutig und selbstbewusst hat Kristen Stewart, die diesen Film machen wollte, seit sie Lidia Yuknavitchs Memoiren "The Chronology of Water" im Jahr 2017 entdeckte, ihr Regiedebüt angelegt. Keine Kompromisse kennt die 36-jährige Amerikanerin, die auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet. Sie fordert das Publikum mit einer Erzählweise, die mit Fortdauer des Films zwar etwas ruhiger wird, aber dennoch bis zum Ende mit wiederholten Vorausblenden und abrupten Flashbacks immer wieder Irritationen auslöst.


Zusammengehalten wird dieses aufregende Drama einzig durch eine famose Imogen Poots, die in jeder Szene entweder durch Voice-over oder durch ihre Person präsent ist. Die Britin spielt sich förmlich die Seele aus dem Leib und schont sich selbst nicht. Zusammen mit der kraftvollen Erzählweise macht ihr Spiel fast physisch die schweren Wunden des väterlichen Übergriffs spürbar, wenn sie sich in Alkohol und Sex stürzt, wütend auf ihren liebevollen, aber passiven Partner reagiert und keinen Halt im Leben zu finden scheint.


Beeindruckend ist auch, wie Stewart die Intensität und den Drive der ersten Szenen über zwei Stunden durchhält und nach dem bewusst zersplitterten und unübersichtlichen Beginn die einzelnen Teile sukzessive zu einem schlüssigen, aber nie glatten Ganzen fügt. Ohne jegliche Harmoniesucht, aber dennoch überzeugend erzählt sie dabei auch von einer langsamen Überwindung des Traumas und lässt "The Chronology of Water" nicht nur mit beruflichem Erfolg, sondern auch privatem Glück der Protagonistin hoffnungsvoll an einem See enden. – Gespannt sein darf man so auf die kommenden Filme von Kristen Stewart, die sich mit diesem Film als aufregende und vielversprechende neue Stimme des Weltkinos präsentiert.



The Chronology of Water

Frankreich / Lettland / USA 2025

Regie: Kristen Stewart

mit: Imogen Poots, Thora Birch, Jim Belushi, Tom Sturridge, Charlie Carrick, Michael Epp, Earl Cave

Länge: 128 min.



Läuft in den österreichischen und deutschen Kinos.



Trailer zu "The Chronology of Water"



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