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The Testament of Ann Lee

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • 16. März
  • 3 Min. Lesezeit
"The Testament of Ann Lee": Mitreißendes Musicaldrama über die Gründerin der freikirchlichen Shaker-Bewegung
"The Testament of Ann Lee": Mitreißendes Musicaldrama über die Gründerin der freikirchlichen Shaker-Bewegung

Mona Fastvold zeichnet mitreißend die Geschichte Ann Lees nach, die im 18. Jahrhundert die freikirchliche Shaker-Bewegung gründete: Ein historisches Drama, das in Gesangs- und Tanzszenen intensiv die religiöse Ekstase vermittelt, aber auch Geschlechterfragen thematisiert.


Die Norwegerin Mona Fastvold und der Amerikaner Brady Corbet, die seit 2012 liiert sind, gehören zu den aufregendsten Paaren des gegenwärtigen Kinos. Gemeinsam schrieben sie die Drehbücher zum Epos "The Brutalist" (2024), bei dem Corbet Regie führte, und zu "The Testament of Ann Lee" (2025), bei dem Fastvold die Regie übernahm.


Bindeglieder zwischen den beiden Filmen kann man auch darin sehen, dass es sich jeweils um Biopics handelt und beide von einer Emigration aus Europa in die USA und dem Versuch erzählen, in dieser neuen Heimat, Fuß zu fassen. Andererseits steht im Zentrum des nach dem Zweiten Weltkriegs spielenden "The Brutalist" ein vom Holocaust traumatisierter, fiktiver ungarisch-jüdischer Architekt, während sich der im 18. Jahrhundert spielende "The Testament of Ann Lee" der realen Religionsgründerin Ann Lee widmet.


Fastvold lässt Lees Wegbegleiterin Mary Partington (Thomasin McKenzie) rückblickend die Geschichte erzählen. Mit ihrem Voice-over kann sie die Handlung des in einen Prolog und die drei Kapitel "Song of a Girl", "Song of a Woman" und "Song of a Mother" gegliederten Films immer wieder raffen oder kommentieren.


Wie schon die Kapitelüberschriften andeuten, erzählt Fastvold eine Entwicklungsgeschichte. Von der Kinderarbeit in einer vorindustriellen Baumwollfabrik im Manchester der 1730er Jahre steigt Lee über ihre wachsende Religiosität und Visionen vom Jenseits zur charismatischen Gründerin der Shaker-Bewegung auf, deren Mitglieder in ekstatischen Schütteltänzen und Gesang immer wieder zu einer religiösen Erfahrung finden.


Mehr an Lars von Triers "Dancer in the Dark" als an klassische Musicals, in denen die Figuren in Tanz- und Gesangsszenen immer wieder dem Alltag entfliehen, erinnert so dieses analogem 35mm-Film gedrehte, ungewöhnliche Biopic. Immer gibt es hier nämlich einen realistischen, vielfach nur von Kerzenlicht erhellten und oft bedrückenden historischen Hintergrund. Kontrast dazu ist nicht eine Flucht in eine Traumwelt, sondern das ekstatische Versinken im Glauben, das in den von Celia Rowlson-Hall fulminant choreographierten, inbrünstigen religiösen Szenen intensiv erfahrbar wird.


Gleichzeitig erzählt Fastvold aber auch von einer Entwicklung der von Amanda Seyfried mit vollem Körpereinsatz gespielten Lee als Frau, die sich mit zunehmender Körperfeindlichkeit auch von der Männerherrschaft emanzipiert. Denn empfand sie schon als Kind Abscheu gegenüber dem - zufällig beobachteten - Geschlechtsverkehr zwischen ihren Eltern, so führt die Ehe mit der schmerzhaften Geburt von vier Kindern und deren frühem Tod zur Entsagung jedes körperlichen Kontakts.


So fordert sie in ihrer Gemeinschaft, in der sie als weiblicher Christus verehrt und besungen wird, nicht nur harte Arbeit, sondern auch ein zölibatäres Leben, betont aber auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Zunehmend eckt sie mit ihren Predigten in Manchester an, sodass sie mit finanzieller Unterstützung eines Gönners mit einer kleinen Gruppe schließlich im Jahr 1774 in die noch britischen Kolonien Amerikas aufbricht.


Ruft die Gemeinschaft auch auf der Überfahrt mit ihren Gesängen den Protest der männlichen Besatzung hervor, so scheint in der Neuen Welt in den noch unberührten Wäldern der Aufbau einer Gemeinde mit entsprechendem Einsatz zunächst möglich. Bald folgen aber auch hier Anfeindungen, weil Ann Lee im Unabhängigkeitskrieg mit ihrer Ablehnung des Militärs nicht Position beziehen will. Zudem führt ihre Rolle als die Gemeinde leitende Frau bei den Männern der umliegenden Dörfer zum Vorwurf, dass sie eine Hexe sei.


Die Wertung ihrer Protagonistin und ihrer Bewegung überlässt Fastvold dabei klugerweise dem Publikum. Sie feiert zwar Charisma und Leidenschaft Lees sowie ihre Utopie der Gleichberechtigung der Geschlechter, andererseits zeigen sich aber auch fundamentalistische Tendenzen, wenn das rigorose Gebot körperlicher Enthaltsamkeit zum Ausschluss eines Liebespaars führt.


Stellt sich freilich schon während des Films die Frage, wie eine Gemeinschaft, die konsequent zölibatär lebt und die zu ihrer Blütezeit rund 6000 Mitglieder zählte, ihren Bestand sichern kann, so verdeutlicht dieses Problem der Nachspann: Für jede Gemeinde wird hier der Höchststand der Mitglieder angegeben und schließlich darauf hingewiesen, dass es 2025 insgesamt noch zwei Shaker gab.

 


The Testament of Ann Lee

USA / Großbritannien / Schweden / Norwegen 2025

Regie: Mona Fastvold

mit: Amanda Seyfried, Thomasin McKenzie, Lewis Pullman, Stacy Martin, Tim Blake Nelson, Christopher Abbott, Matthew Beard

Länge: 137 min.



Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Cinema Dornbirn (Deutsche Fassung / Songs englisch mit deutschen UT) und im Skino Schaan (engl. OmU.).



Trailer zu "The Testament of Ann Lee"


 

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