• Walter Gasperi

Lüsterne Blutsauger: Vampirfilme


A Girl Walks Home Alone at Night (Ana Lily Amirpour, 2014)

Seit mehr als 100 Jahren bevölkern Vampire die Kinoleinwand. Anlässlich der Premiere von "Carmilla oder das Zeitalter der Vampire" im Stadttheater Bern lädt das Berner Kino Rex zu einem Streifzug durch die Spielarten dieses Subgenres des Horrorfilms ein.


Ungeklärt ist die etymologische Herkunft des Worts "Vampir", gesichert scheint aber, dass es sich aus dem slawischen Raum nach Westeuropa verbreitete. Auch der Vampirglauben an sich scheint im südosteuropäischen Raum entstanden zu sein, doch Mythen von Vampiren gibt es weltweit von Schottland bis China.


Der bekannteste Vampirroman entstand 1897 mit Bram Stokers "Dracula", doch schon 15 Jahre zuvor erschien "Carmilla" von Joseph Sheridan Le Fanu. Allgemein bekannt ist, dass Stokers Vorlage immer wieder – insgesamt bis 2005 rund 170 mal - als Basis für Filme dient, weniger bekannt dürfte sein, dass "Carmilla" ebenfalls rund zwei Dutzend Vampirfilme inspirierte. – Wer verbindet schon Carl Theodor Dreyers atmosphärisch dichten "Vampyr" (1932) oder Roger Vadims erotisch aufgeladenen "…und vor Lust zu sterben" (1960) mit Le Fanus Novelle.


Interessant ist auch die Wortverwandtschaft von Vampir und Vamp, denn bei den ersten Vampirfilmen der 1910er Jahre standen keine untoten Blutsauger im Zentrum, sondern inspiriert von Rudyard Kiplings Gedichte "The Vampire" (1897) ging es in Robert G. Vignolas "The Vampire" ebenso um eine Femme fatale wie in Frank Powells "A Fool There Was" (1915).


Als erster "Dracula"-Film gilt der verschollene ungarische Stummfilm "Drakula halála" (1921), bei dem aber der Inhaltsangabe nach nicht Stokers berühmter Roman als Vorlage gedient haben dürfte. Diesen adaptierte erstmals – ohne die Rechte dafür zu haben – Friedrich Wilhelm Murnau mit seinem Klassiker "Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens" (1922). In der Horrorgeschichte vom blutsaugenden Grafen, der von den Karpaten in eine norddeutsche Stadt aufbricht und die Pest mitbringt, spiegelt sich dabei auch die Verunsicherung und das Chaos der frühen Weimarer Republik.


Immer wieder kann man im Vampirfilm einen Reflex auf gesellschaftliche Verhältnisse sehen und kein Zufall ist es, dass der Horrorfilm in den USA seine erste große Blüte zur Zeit der Weltwirtschaftskrise feierte. Dem kahlköpfigen, von Max Schreck gespielten Nosferatu bei Murnau steht aber bei der der ersten amerikanischen Verfilmung (Tod Browning, 1931) Bela Lugosis ebenso eleganter und verführerischer wie exotischer osteuropäischer Fürst gegenüber.


Der Erfolg dieses Films zog mehrere Sequels nach sich und auch Parodien wie "Abbott und Costello treffen Frankenstein" (1948) blieben nicht aus. Zu neuer Blüte verhalfen dem Fürsten der Vampire in den späten 1950er Jahre aber die britischen Hammer Studios ("Dracula", Terence Fisher, 1958; "Dracula und seine Bräute", Terence Fisher, 1960). In Farbe konnte nun das Blut leuchten und Christopher Lee konnte in der Hauptrolle wesentlich stärker auch die sexuelle Komponente des Bisses ins Spiel bringen.


Überhaupt gewann ab den 1960er Jahren die sexuelle Komponente, und dabei, inspiriert von Le Fanus "Carmilla", auch die lesbische Komponente wie zum Beispiel in Vadims "…und vor Lust zu sterben" (1960) an Gewicht. Gleichzeitig nahm die Fülle an Vampirfilmen ab dieser Zeit von Jahrzehnt zu Jahrzehnt kontinuierlich zu und wurde durch die Erfolge der "Twilight"-Serie (2008 – 2012) und TV-Serien wie "True Blood" und "Vampire Diaries" (beide ab 2009) noch befeuert.


Thematisieren die Filme bis in die 1960er Jahre die Ursachen des Vampirismus kaum, so erscheint die Blutlust in späteren Filmen wie David Cronenbergs "Rabid" (1976) als Folge einer Viruserkrankung. Opulentes opernhaftes Ausstattungskino und gleichzeitig die werktreuste Verfilmung von Stokers Roman bietet Francis Ford Coppolas "Bram Stoker's Dracula" (1992).


Dieser Orientierung am Original stehen wiederum John Carpenters "Vampire" (1998) und Kathryn Bigelows "Near Dark" (1987) gegenüber, die Elemente des Horrorfilms mit dem Western mischen. Lustvoll mit der morbiden Welt der Vampire spielt dagegen Jim Jarmusch, der in "Only Lovers Left Alive" seine melancholischen Blutsauger in einem verfallenden Detroit herumhängen lässt, während Park Chan-Wook in "Thirst – Durst" (2009) frei nach Emile Zolas-Roman "Thérèse Raquin" von zwei BlutsaugerInnen erzählt, deren Lust nacheinander und nach Blut schließlich in Gewalt mündet.


Aber auch weitere Filme belegen die Universalität des Vampir-Motivs. So lässt Tomas Alfredson in "Let the Right One In" (2009) Vampirismus in den Alltag eines gemobbten 12-jährigen schwedischen Jungen einbrechen. Dieser findet in einem seltsamen "vampirischen" Mädchen" eine Freundin und Beschützerin.


Eine feministische Note kennzeichnet dagegen Ana Lily Amirpours "A Girl Walks Home Alone At Night" (2014), in dem eine junge Frau im Tschador in einer tristen iranischen Ölstadt mit ihren Reißzähnen einen jungen Mann vor seinen Gegnern schützt. Und Julian Radlmaier schließlich lässt in seiner Farce "Blutsauger" (2021) einen mittellosen sowjetischen Schauspieler auf eine bourgeoise Vampirin treffen, um Kapitalismuskritik zu üben und Marxismus zur Diskussion zu stellen. – Ein Ende der Blüte des Vampirfilms ist nicht zuletzt angesichts der vielfältigen Möglichkeiten, die dieses Subgenre vom klassischen Horrorfilm bis zur gesellschaftskritischen Parabel bietet, nicht abzusehen.


Weitere Informationen und Vorführtermine finden Sie hier.


Trailer zu "Bram Stoker´s Dracula"