• Walter Gasperi

Ich folgte einem Zombie - I Walked with a Zombie


Mit einem fulminanten Spiel mit Licht und Schatten entwickelt Jacques Tourneur in seinem subtilen Horrorfilm, in dem eine Krankenschwester auf einer Westindischen Insel eine apathische, scheinbar geisteskranke Frau pflegen soll, meisterhaft eine dichte Atmosphäre des Unheimlichen. Bei Filmjuwelen ist der zeitlose Klassiker mit umfangreichem Bonusmaterial auf DVD und Blu-ray erschienen.


Die Nähe zwischen Kino und Traum, die oft hergestellt wird, ist wohl bei keinem Regisseur mehr zu spüren als bei Jacques Tourneur. Traumhafte Stimmung erzeugt schon die erste Einstellung dieses Schwarzweißfilms mit der Totalen einer Meeresküste, an der in der Ferne ein Paar spaziert, während die Protagonistin im Voice-over erzählt, dass sie einem Zombie folgte.


Mit einem Schnitt setzt eine Rückblende ein und der Film wechselt von der Karibik in ein verschneites Kanada. In einem Büro nimmt hier die Krankenschwester Betsy (Frances Dee) einen Job an, bei dem sie auf einer Westindischen Insel die scheinbar geisteskranke Frau des Plantagenbesitzers Paul Holland (Tom Conway) pflegen soll.


Während sie auf der Überfahrt mit dem Segelschiff den Sternenhimmel bewundert, erklärt ihr der melancholische Holland, dass hinter der scheinbaren Schönheit immer Tod und Verderben liege. Die Überfahrt kann man auch als eine Reise von der rationalen Welt in eine Welt des Unheimlichen und Magischen lesen – oder auch vom Diesseits ins Jenseits.


Aber man kann die den Film umspannende Rückblende auch als einen Traum Betsys ansehen, denn was sie auf der Insel erlebt, entzieht sich letztlich der rationalen Erklärung. Von Beginn an und durchgehend spielen Tourneur und sein Kameramann J. Roy Hunt mit den Schatten, die die Jalousien werfen. Gittermuster ergeben sich damit, die die Protagonist*innen als Gefangene erscheinen lassen.


Aber auch das vergitterte Tor vor dem Fort der Hollands weckt einerseits den Eindruck eines Gefängnisses, andererseits aber werden dadurch konsequent zwei Welten getrennt. Denn dem Anwesen der weißen Herren steht die Welt der Einheimischen auf dem offenen Land und hinter der Zuckerrohrplantage gegenüber.


Mit dem Hinweis, dass einst die Farbigen von den Weißen als Sklaven herbeigeschafft wurden, und mit einer Galionsfigur im Hof der Hollands, die im Stil des Hl. Sebastian von Pfeilen durchbohrt ist, wird dieses Spannungsfeld zwischen der kolonialen Oberschicht und der Unterschicht noch verstärkt.


Leuchtend weiße Kleider trägt hier auch immer wieder Betsy und sticht damit nicht nur aus dem sie umgebenden Dunkel heraus, sondern wird auch in starken Kontrast zur einheimischen Bevölkerung gesetzt. Voll Fürsorge bemüht sie sich um Jessica Holland und sucht schließlich mit ihr auch eine Voodoo-Zeremonie auf, verliebt sich aber gleichzeitig in Jessicas Ehemann Paul. Jessica aber scheint in ihrer Apathie völlig gefangen. Nur der Tod scheint sie daraus befreien zu können.


Figurenkonstellation und Handlung sind im Grunde von Charlotte Brontés Roman "Jane Eyre" inspiriert, doch Tourneur fügt die Zombie-Komponente dazu. Mit den berühmten "Zombie"-Filmen von George A. Romero hat diese gerade mal 68 Minuten lange Low-Budget-Produktion von Val Lewton aber nichts gemein.


Kein Blut fließt hier nämlich, keine Menschen werden gejagt und gefressen, sondern meisterhaft beschwören Tourneur und sein Kameramann Hunt mit virtuoser Schwarzweißfotografie und den immer wieder in der Ferne zu hörenden Voodoo-Trommeln, aber auch mit der subtropischen Vegetation eine Stimmung des Unheimlichen und der Morbidität. Kein Wunder ist es so auch, dass der Thai Apichatpong Weerasethakul die Protagonistin seines Films "Memoria" auch Jessica Holland nannte, bewegt sich doch auch diese von Tilda Swinton gespielte Figur zwischen Traum und Wirklichkeit.


Schockmomente sind hier nicht nötig, sondern wie in "Cat People – Katzenmenschen" setzt Tourneur auf Andeutungen und auf das Atmosphärische. Ganz sanft schleichen sich so über die gleichermaßen schönen wie verunsichernden Bilder, die auch auf psychische Abgründe der Figuren verweisen, über das Auge Spannung, Irritation und wohliger Schauer ein, die wesentlich länger nachwirken als Splatter-Szenen und kurze überraschende Schocks.


An Sprachversionen bieten die bei Filmjuwelen erschienene DVD und Blu-ray die englische Originalfassung, zu der deutsche Untertitel zugeschaltet werden können, sowie die deutsche Synchronfassung. Die Extras umfassen neben dem Trailer ein aus einem Vortrag und mehreren Interviews bestehendes, 35-minütiges Feature über den Drehbuchautor Curt Siodmak, der über seine Anfänge im Berlin der späten 1920er Jahre, seine Erfahrungen in Hollywood und sein Verständnis als Drehbuchautor erzählt. Dazu kommt ein Booklet mit Texten von Roland Mörchen, der die Hintergründe von "I Walked with a Zombie" beleuchtet, sowie von Rolf Giesen, der auf der Karriere Curt Siodmaks fokussiert.


Weiters gibt es einen "Audiokommentar" von Giesen, der allerdings konsequent vermeidet die jeweiligen Filmszenen zu analysieren. Vielmehr spricht der Filmwissenschaftler und Filmjournalist ausführlich über den Produzenten David O. Selznick, das Revival des Horrorfilms Anfang der 1940er Jahre, die Produktionsgesellschaft RKO, den Produzenten Val Lewton sowie den Drehbuchautor Curt Siodmak. Ausführlich bietet er auch Einblick in die Vorlagen für den Film von einer Kurzgeschichte von Inez Wallace über William Buehler Seabrooks Buch "The Magic Island" bis zu Charlotte Brontés "Jane Eyre" sowie die Wurzeln und das Weiterleben des Voodoo-Kults und auch die Beeinflussung George A. Romeros durch Tourneurs Kultfilm wird erläutert. Zweifellos informativ sind die Ausführungen Giesens, mit einem Audiokommentar haben sie aber wenig zu tun, denn völlig unabhängig davon läuft dazu auf der Bildebene der Film ab.

Trailer zu "Ich folgte einem Zombie - I Walked with a Zombie"