• Walter Gasperi

Gagarine


Vor dem Hintergrund der Pariser Sozialbausiedlung Cité Gagarine mischen Fanny Liatard und Jérémy Trouilh Sozialdrama, zarte Liebesgeschichte und Märchenhaftes zu einem ebenso ungewöhnlichen wie poetischen Film, der auch durch seine starken jugendlichen Schauspieler*innen und große Kinobilder begeistert.


Schwarzweiße Archivbilder von einem Paris-Besuch des legendären sowjetischen Kosmonauten Juri Gagarin, der 1961 als erster Mensch in den Weltraum flog, stehen am Beginn. Bejubelt wird der Raumfahrer von den Menschenmengen 1963 in der französischen Hauptstadt , als er die nach ihm benannte Wohnanlage Cité Gagarine einweiht.


Ein Musterprojekt sozialen Wohnbaus sollte der mit rotem Ziegelstein erbaute Komplex mit seinen 374 Wohneinheiten sein, doch 55 Jahre später ist von der einstigen Aufbruchsstimmung nichts mehr zu spüren: In desolatem Zustand befindet sich die Anlage und steht vor dem Abbruch. Doch während andere schon an Umzug denken, will der 16-jährige Yuri (Alséni Bathily), der nach Gagarin benannt wurde, dies auf keinen Fall. Mit seinem Freund Houssam (Jamil McCraven) versucht er Reparaturen durchzuführen und die Anlage so gut es geht in Schuss zu halten.


Während seine Mutter, die bei einem neuen Freund lebt, sich nie zeigt und auch auf Yuris Anrufe nicht reagiert, entwickelt sich die Freundschaft zur Roma Diana (Lyna Khoudri) langsam zu einer ersten Liebe. Fluchtpunkt aus der sozialen Tristesse ist aber auch Yuris Leidenschaft für den Weltraum. Mit einem Teleskop beobachtet er so einerseits immer wieder aus dem Fenster die Menschen seines Viertels, blickt andererseits aber auch immer wieder in die Sterne, sieht sich selbst im Raumanzug und träumt von einem Weltraumflug.


So realistisch Fanny Liatart und Jérémy Trouilh in ihrem Spielfilmdebüt den heruntergekommenen Wohnkomplex einfangen, so poetisch ist "Gagarine" nicht nur in diesen Träumen Yuris, sondern auch, wenn der Teenager nachts mit Diana mit Lichtsignalen kommuniziert. Nichts spürt man hier vom aggressiven und explosiven Klima, von den Konflikten zwischen den verschiedenen Ethnien und brutalen Polizeieinsätzen, die Klassiker des Banlieue-Films wie Matthieu Kassowitz´ "La Haine" oder Ladj Lys "Les Misérables" bestimmen, vielmehr beschwören Liatard und Trouilh die Lebensfreude der Jugendlichen und die Kraft der jungen Liebe.


Wie in einem Science-Fiction-Film wird dabei nicht nur der Liftschacht ins Bild gerückt, sondern an filmischen Weltraumstationen orientiert sich auch das Refugium mit Computern und Pflanzenzucht, das Yuri nach offizieller Räumung des Blocks heimlich errichtet. Doch nicht nur der Abbruch seines Zuhauses scheint unabwendbar, sondern auch der Kontakt zu Diana droht abzubrechen, als die Roma-Siedlung von der Polizei niedergerissen wird und ihre Familie weiterzieht.


Gerade durch die Mischung verschiedener Themen und Stile entwickelt "Gagarine" seine Kraft. Denn das ist einerseits vom Hintergrund her ein klassisches Sozialdrama mit einer Hommage an dieses Musterprojekt sozialen Wohnbaus, andererseits eine Coming-of-Age-Geschichte und schließlich ein zarter Liebesfilm.


Aufgefangen wird so die harte und triste Realität durch die Poesie der Erzählweise. Hautnah dran ist die Kamera von Victor Seguin an Yuri folgt ihm mit dynamischen Bewegungen durch die Gänge der Anlage, zieht den Zuschauer ins Geschehen hinein und beschwört dann wieder bei Yuris Träumen in starken Bildern die Flucht aus diesem Alltag.


Verspielt und leicht macht diese Mischung "Gagarine", der auch durch das leidenschaftliche Spiel der drei jungen Hauptdarsteller*innen Vitalität und Optimismus ausstrahlt. Nicht nur ihr Spiel und das Setting, sondern auch die sehr authentisch besetzten Bewohner*innen der Anlage sorgen aber dafür, dass die Realität nie aus den Augen verloren wird und der Film geerdet bleibt.


Denn da geht es auch um Heimat, zu der die Siedlung trotz aller Baumängel vor allem Yuri geworden ist, um die Sehnsucht nach Nähe und Bindung, die ihm die Mutter verwehrt, die er aber bei Diana findet, aber auch um die mangelnde Wertschätzung des Alten und die Verdrängung von Randgruppen. Einzig die Jugend mit ihrer Leidenschaft und ihren Träumen erscheint hier als Hoffnung und Bollwerk gegen den Verlust der Träume von einer besseren, sozialen Gesellschaft und mit dem Glauben an diese Jugend verbreitet das Regie-Duo Hoffnung und Optimismus.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan.


Trailer zu "Gagarine"