• Walter Gasperi

La Haine - Hass


Drei junge Erwachsene ziehen einen Tag lang durch die Pariser Banlieue und erleben ein Klima der Gewalt und Ablehnung. – Bei Koch Films ist Matthieu Kassowitz´ 1995 entstandener zweiter Spielfilm, dessen schonungslose Schilderung der Verhältnisse in den Pariser Vorstädten immer noch aufrüttelt und nichts von seiner Aktualität verloren hat, in einer Special Edition auf Blu-ray erschienen.


Zu Schwarzfilm erzählt eine Stimme aus dem Off, dass beim Sturz eines Mannes aus einem Hochhaus einzig die Landung von Bedeutung sei. Weil klar ist, dass diese tödlich sein wird, ist auch vorgezeichnet, dass sich "La Haine" auf ein fatales Ende zubewegen wird. Verstärkt wird diese Ahnung durch einen Molotov-Cocktail, der auf die Erde zufliegt und förmlich einen Weltenbrand auslöst.


Von Anfang an vermitteln schwarzweiße Archivbilder von Demonstrationen, Plünderungen, Krawallen und hartem Einschreiten der Polizei eindrücklich die explosive Spannung, die in der Pariser Vorstadt Chanteloup-les-Vignes herrscht. Die dokumentarische Note, die dieser Einstieg dem Film verleiht, wird in der Folge durch eine dynamische Handkamera und triste Schwarzweißbilder fortgesetzt.


Wie Ladj Ly zuletzt in "Les Misérables" ist auch Kassowitz nicht an Ursachenforschung interessiert, sondern beschränkt sich darauf den jüdischstämmigen Vinz (Vincent Cassel), den arabischstämmigen Said (Said Taghmaoui) und den Afrikaner Hubert (Hubert Koundé) einen Tag lang auf ihren Wegen zu folgen und so die beklemmenden Verhältnisse zu schildern. Vom Vormittag bis zum nächsten Morgen erstreckt sich so die Handlung des durch Zeitinserts gegliederten Films.


Plakate verkünden zwar "Le monde est a vous" oder "L´avenir - c´est vous", doch für die drei jungen Erwachsenen scheint es keinen Handlungsspielraum und keine Zukunftsperspektiven zu geben. Die Boxhalle, in der Hubert trainierte, wurde bei den Krawallen verwüstet, beim Grillen auf dem Dach vertreibt sie die Polizei und auch im Krankenhaus werden sie von der Polizei abgewiesen, als sie ihren Freund Abdel besuchen wollen, der beim Polizeieinsatz schwer verletzt wurde. - Als Vorlage für diesen Ausgangspunkt diente Kassowitz der reale Fall des 17-jährigen Zairers Makomé Bowole, der 1993 während eines Verhörs von einem Polizisten durch einen Kopfschuss getötet wurde.


Die Aggression der Polizei steigert wiederum die Aggressionsbereitschaft der Jugendlichen. Als Pulverfass erscheint Vinz, der die Pistole, die ein Polizist während der Krawalle verloren hat, gefunden hat und immer wieder betont, dass er, falls Abdel stirbt, einen Polizisten töten werde. Hubert versucht dagegen immer wieder zu kalmieren und fordert zu Ruhe und Besonnenheit auf.


Bei einem Trip ins Zentrum von Paris ecken sie mit ihrem Auftreten bei einer Vernissage an und werden hinausgeworfen. Auch eine Konfrontation mit Skins steigert ihre Aggressivität, bis sie am Morgen in eine Polizeikontrolle geraten und die Ereignisse endgültig eskalieren.


Das ist kraftvolles und dynamisches, ungeschöntes Kino, in dem das Engagement von Kassowitz für die chancenlosen jungen Erwachsenen in jeder Szene zu spüren ist. Authentische Dialoge, die nah geführte, sehr bewegliche Handkamera und die natürlichen Schauspieler sowie die atmosphärisch dichte Verankerung im Milieu verleihen "La Haine" große Unmittelbarkeit und Durchschlagskraft und machen ihn zu einem Sozialdrama, das trotz seines Alters von 26 Jahren immer noch frisch wirkt und packt.


An Sprachversionen bietet die bei Koch Films in einer Special Edition erschienene Blu-ray die französische Originalfassung, zu der deutsche Untertitel zugeschaltet werden können, sowie die deutsche Synchronfassung. Die Extras umfassen neben diversen Trailern zum Film und einer Bildergalerie vor allem einen deutsch untertitelten Audiokommentar von Matthieu Kassowitz, der 2005 zum 10-jährigen Jubiläum des Films entstand.


Trailer zu "La Haine - Hass"