• Walter Gasperi

Eins, zwei, drei - One, Two, Three


Passend zur 60-jährigen Wiederkehr des Baus der Berliner Mauer im August 1961 ist bei Koch Films Billy Wilders überdrehte Komödie über Ost und West, Kapitalismus und Kommunismus, verschlagene Alte und naive Jugendliche auf DVD und Blu-ray erschienen.


Weder bei Kritik noch bei Publikum kam Billy Wilders ("Das verlorene Wochenende") Komödie bei ihrer Erstaufführung in den frühen 1960er Jahren an. Kaum jemand wollte oder konnte darüber lachen, wie hier der Meisterregisseur mit der Realität der Trennung Berlins und den scharfen ideologischen Gegensätzen Scherz trieb. Schon die Dreharbeiten waren durch die politische Entwicklung beeinträchtigt worden und mussten nach Beginn in Berlin nach dem Mauerbau nach München verlegt werden.


Mit dem amerikanischen Direktor der Coca-Cola-Filiale in West-Berlin als Off-Erzähler führt Wilder in die politischen Verhältnisse ein und lässt von Anfang an die Gegensätze von Ost und West aufeinanderprallen. Noch ist die Grenze durchlässig und McNamara (James Cagney) möchte im Osten einen neuen Markt für Coca-Cola aufbauen. Auch die Vertreter der Sowjetunion sind daran interessiert, doch selbstverständlich will sich keiner von beiden über den Tisch ziehen lassen.


Während der Amerikaner ein Geschäftsmann ist, der keine Skrupel kennt und stets eine Finte auf Lager hat, um seinen Kontrahenten übers Ohr zu hauen, zeichnet Wilder die Sowjets als grobschlächtig und einfältig. Die Deutschen wiederum erscheinen als servil, wollen von ihrer Vergangenheit nichts wissen, schlagen aber bei jedem Auftritt die Hacken zusammen.


Eine neue Aufgabe kommt auf McNamara zu, als er sich um die Tochter seines Chefs kümmern soll, die während einer Europa-Reise auch nach Berlin kommt. Die ausgeflippte 17-jährige Scarlett geht aber bald ihre eigenen Wege, heiratet nicht nur im Osten den überzeugten Kommunisten Otto (Horst Buchholz), sondern wird zudem noch schwanger.


Will McNamara zunächst nur dafür sorgen, dass der junge Mann im Osten in einem Gefängnis verschwindet, muss er ihn bald wieder befreien, als Scarletts Eltern ihren Besuch ankündigen. Diesen muss er nun ja einen Kindsvater präsentieren, da dies aber keinesfalls ein Kommunist sein kann, soll Otto zum Adeligen und Mitarbeiter von Coca-Cola umgedreht werden.


Sympathieträger gibt es hier keinen, denn auch die Jugendlichen bekommen ihr Fett ab. Da erscheint Scarlett als naiv und materialistisch, während Otto linke Phrasen drischt, dann aber doch Gefallen an westlichem Luxus zu finden scheint und sich rasch in seine Rolle fügt.


Keine differenzierten Charaktere werden gezeichnet, sondern Karikaturen, die Wilder und sein Co-Drehbuchautor I.A.L. Diamond mit bissigem Witz bloßstellen. Dass als Vorlage Ferenc Molnárs gleichnamiges 1929 entstandenes Bühnenstück diente, ist "Eins, zwei, drei" in der Dialoglastigkeit und den zahlreichen Szenen im Büro McNamaras zwar teilweise noch anzusehen, aber angetrieben vom "Säbeltanz" Aram Chatschaturjans schlagen Wilder / Diamond von Beginn an ein furioses Tempo an, das bis zum Ende durchgehalten wird.


Mit stets neuen Wendungen und einer Fülle von Details treiben sie die Handlung dynamisch voran. Souverän wird mit Wiederholungen gespielt, wie dem Verhalten von McNamaras Assistenten oder seinen Mitarbeitern, an die verdrängte Nazi-Vergangenheit wird mit dem Auftritt eines Journalisten erinnert, wie eine Reminiszenz an Friedrich Wilhelm Murnaus "Der letzte Mann" wirkt ein Adeliger, der in einem Hotel als Toilettenmann arbeitet. Dazu kommt eine Ehekrise McNamaras, der eine Affäre mit seiner Sekretärin (Liselotte Pulver) hat, für die sich rasch auch die Sowjets begeistern.


Einfallsreich ist aber auch der Musikeinsatz. Da ertönt Wagners "Walküre" beim Auftritt des Hausarztes, der eine Aufführung dieser Oper durch seinen beruflichen Einsatz verpasst, und auch dass bei McNamaras Kuckucksuhr stündlich der "Yankee Doodle" ertönt, bleibt nicht Selbstzweck, sondern gewinnt eine dramaturgische Funktion. Ein gelungener Gag ist auch, dass als Folterwerkzeug bei einem Verhör in Ost-Berlin ausgerechnet die Dauerberieselung mit dem Gute-Laune-Hit "Itsy bitsy teeny weeny yellow Polka Dot Bikini" eingesetzt wird.


Erst mit der Distanz zur politischen Situation in den frühen 1960er Jahren wurden ab den 1980er Jahren die Qualitäten dieser atemlosen Komödie entdeckt. Zeitlos ist "Eins, zwei, drei" in seinem Tempo, seinem Einfallsreichtum und seinem lustvoll aufspielenden und auch hemmungslos chargierenden Ensemble, das von einem entfesselten James Cagney angeführt wird, und zeichnet gleichzeitig ein trotz aller Überzeichnung treffendes Bild vom damaligen Spannungsfeld zwischen Ost und West und vom geteilten Berlin.


An Sprachversionen bieten die bei Koch Films erschienene DVD und Blu-ray die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie Untertitel in diesen beiden Sprachen. Die Extras umfassen neben dem englischen und deutschen Trailer sowie einer Bildergalerie ein rund 90-minütiges Gespräch von Hellmuth Karasek mit Billy Wilder und Featurettes, in denen einerseits Wilder über das Verhältnis von Film und Politik, andererseits Wilder und Volker Schlöndorff über "Eins, zwei, drei" sprechen.


Trailer zu "Eins, zwei, drei - One, Two, Three"