• Walter Gasperi

Böser Blick auf Mensch und Gesellschaft: Billy Wilder


Double Indemnity (Frau ohne Gewissen, 1944)

Als Reporter hat der am 22. Juni 1906 in der galizischen Kleinstadt Sucha geborene und in Wien aufgewachsene Billy Wilder begonnen und diese Ausbildung prägte auch seine Filme. Ob Komödie oder Gesellschaftsdrama, ob Film noir oder Gerichtsthriller – gemeinsam ist seinen Filmen Schnörkellosigkeit, Tempo und ein sarkastischer Blick auf Mensch und Gesellschaft. Das Filmpodium Zürich widmet dem sechsfachen Oscar-Preisträger im Juli und August eine Retrospektive.


Seine Filmkarriere begann Wilder in Deutschland. Als Ghostwriter wirkte der freie Journalist in den 1920er Jahren an zahlreichen Drehbüchern mit. Bekannt wurde er durch die Gemeinschaftsproduktion „Menschen am Sonntag“ (1929), für den er zusammen mit Fred Zinnemann, Robert Siodmak und Edgar G. Ulmer das Drehbuch schrieb. Wie diese emigrierte er nach der Mitarbeit an rund einem Dutzend weiteren Filmen als Co-Autor 1933 nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten einen Tag nach dem Reichstagsbrand nach Paris. Bald jedoch holte ihn der deutsche Filmregisseur Joe May, der nach seiner Emigration Produzent bei Columbia geworden war, nach Hollywood.


Mit Charles Brackett, mit dem Wilder - mit Ausnahme von „Double Indemnity“ (1944) – bis „Sunset Boulevard“ (1950) ununterbrochen zusammen arbeitete, schrieb er unter anderem die Drehbücher für Ernst Lubitschs Meisterwerke „Bluebeard´s Eighth Wife“ (1938) und „Ninotchka“ (1939). – Ein Schild mit der Aufschrift „How would Lubitsch do it?“ über dem Schreibtisch von Wilders Büro belegt die lebenslange Verehrung für diesen Meister der geschliffenen Komödie.


Mit Lubitsch verbindet Wilder das perfekte Timing und die Kunst des Aussparens, von Lubitsch unterscheidet ihn aber die Härte und der kompromisslose Blick, das Interesse fürs kleinbürgerliche Milieu, für die Welt der Angestellten und Reporter und die Situierung der Filme im großstädtischen Umfeld von heute.


Die Wahl des Schauplatzes korrespondiert dabei mit der Weltsicht: Die Enge der Metropolen, der Büros und Kneipen, aber auch die Dunkelheit der Nacht macht diese Filme – im Gegensatz zum Genre des Western, in dem sich Wilder bezeichnenderweise nie versuchte - utopielos, macht sie zu kritischen Kommentaren zu einer USA, in der nichts mehr geht, alle großen Träume ausgeträumt sind und Leben nur noch Überleben heißt.


Im zynischen und schonungslosen Aufdecken menschlicher Schwächen folgte Wilder Erich von Stroheim, einem anderen großen Emigranten aus Wien, der in „Sunset Boulevard“ (1950) in der Rolle eines von der Filmmetropole verstoßenen und zum Butler degradierten Stummfilmregisseurs sein eigenes tragisches Schicksal nachspielte.


„Sie haben die Hand gebissen, die Sie ernährt hat“, warf der Filmmogul Louis B. Mayer nach Verlassen der Premiere dieser meisterhaften Abrechnung mit Hollywood Wilder vor. Noch weiter trieb dieser aber seinen Zynismus in „Ace in the Hole“ ("Reporter des Satans", 1957), in dem ein Reporter einen Verschütteten nicht rettet, sondern das Unglück zu einer großen Story aufbaut. Nicht nur mit dem Sensationsjournalismus, sondern auch mit den Lesern, die sich für solche Sensationen begeistern, rechnet Wilder dabei gnadenlos ab.


An der Kinokasse fiel diese Publikumsbeschimpfung ebenso durch wie die turbulente, in Berlin spielende West-Ost-Komödie „One, Two, Three“ (1961). In den Zeiten des Baus der Berliner Mauer und der Kubakrise konnte kaum einer über diese Farce über Kapitalismus und Kommunismus, über Amerika und Europa lachen. Inzwischen hat „One, Two, Three“ freilich Kultstatus erreicht, auch wenn er an „Some Like It Hot“ (1959) nicht heranreicht. Wie hier Wilder das Tempo beherrscht, wie er die Handlung vorantreibt und wie er mit Geschlechterrollen und mit Schein und Sein spielt, das ist immer noch unerreicht.


Grundlage für alle Filme Wilders sind perfekte Drehbücher, die Aufgabe der Regie bestand für ihn darin die Vorlagen ohne Schnörkel und ohne große Technik umzusetzen. Nach der Trennung von Brackett fand Wilder dabei in I.A.L. Diamond einen kongenialen Partner, mit dem er von „Love in the Afternoon“ (1957) bis zu „Buddy, Buddy“ (1981) – mit Ausnahme von „Witness for the Prosecution“ (1958) – bei allen Filmen zusammen arbeitete.


Kein eigener Stil zeichnet die Filme Wilders aus, Kohärenz gewinnt sein Werk durch wiederkehrende Motive und durch den pessimistischen Blick auf die Welt. Vom nahenden Tod ausgehend wird retrospektiv im Film noir „Double Indemnity“ (1943), Wilders erstem Meisterwerk, die Geschichte aufgerollt und in „Sunset Boulevard“ erzählt sogar ein Toter – eine von Sam Mendes in „American Beauty“ kopierte Erzähltechnik. Dramatisch endet auch „Ace in the Hole“ und auch in der Gesellschaftssatire „The Apartment“ (1960) besteht bis zum Schluss die Möglichkeit einer Wendung zum Tragischen.


Was Wilders Filme auch verbindet, ist das Spiel mit Identität und Inszenierung, mit Sein und Schein. Am exzessivsten wird dies in „Some Like It Hot“ durchexerziert, aber auch die Agatha Christie-Adaption „Witness for the Prosecution“ stellt in einer finalen Wendung alle zuvor aufgebauten Identitäten auf den Kopf.


Auch in den Filmen mit dem Duo Walter Matthau / Jack Lemmon sind die Dinge nie so, wie sie zu sein scheinen. In „The Fortune Cookie“ (1966) simuliert ein bei einem Football-Spiel umgerannter Kameramann eine schwere Verletzung, um eine hohe Versicherungssumme zu kassieren und damit wiederum seine Frau zurück zu gewinnen. Hinterhältige Ränkespiele, Tricks und Manipulationen setzt auch der von Matthau gespielte Zeitungsherausgeber in „The Front Page“ (1974) ein, um seinen Star-Reporter zu halten, und in „Buddy, Buddy“ (1981), Wilders letztem Film, versucht ein Killer einem Selbstmörder das Leben zu retten.


Immer hat der 2002 in Los Angeles verstorbene Meisterregisseur, der 21 Mal für den Oscar nominiert wurde und sechsmal die begehrte Trophäe gewann, sich dabei an seinen zehn Geboten des Filmemachens orientiert: Neun lassen sich auf die Forderung „Du sollst nicht langweilen“ reduzieren, damit das gewährleistet wird kommt einzig als zehnte hinzu „Du musst den Final Cut haben“.


Streifzug durch Billy Wilders Filme