• Walter Gasperi

Crossing Europe 2021: Starker Jahrgang zu Christine Dollhofers Abschied


Beginning (Dea Kulumbegashvili) (c) Crossing Europe

Den Anspruch innovatives und gesellschaftlich relevantes junges europäisches Autorenkino zu bieten, erüllte das Linzer Filmfestival Crossing Europe auch bei seiner 18. Ausgabe, die gleichzeitig die letzte von Gründerin und Festivalleiterin Christine Dollhofer war. Der Preis für den besten Spielfilm ging dabei an Dea Kulumbegashvilis "Beginning", der Publikumspreis an Christos Nikous "Mila – Apples" und der Dokumentarfilmpreis an Asia Dérs und Sári Haragonics "Her Mothers".


2003 entwickelte der Linzer Kinomacher Wolfgang Steininger die Idee eines Filmfestivals und holte die vormalige Diagonale-Intendantin Christine Dollhofer ins Boot. Der Fokus sollte auch mit Blick auf die EU-Osterweiterung auf dem jungen europäischen Autorenfilm liegen und Anfang Mai 2004 fand Crossing Europe erstmals statt.


Zu einem Fixpunkt im europäischen Festivalkalender hat Dollhofer zusammen mit ihrem Team die Linzer Veranstaltung in den folgenden Jahren entwickelt, ist nicht nur stets der Ausrichtung treu geblieben, sondern überzeugte auch mit einem jeweils handverlesenen Programm. Geschickt wurde auch die Bandbreite mit der von Markus Keuschnigg kuratierten Schiene "Nachtsicht", die sich dem europäischen Genrekino widmet, und zuletzt mit der von Jugendlichen kuratierten Sparte YAAS erweitert.


2020 fiel das Festival dem Corona-Lockdown zum Opfer und konnte nur online durchgeführt werden, 2021 organisierten Dollhofer und ihr Team aber wieder trotz der erschwerten Bedingungen mit Sicherheitskonzept, begrenzter Zuschauerkapazität und Veranstaltungsende jeweils um 22 Uhr ein physisches Festival, das sich wieder als starke Plattform für europäische Produktionen abseits des Mainstreams präsentierte.


Wenn Dollhofer im November als Geschäftsführerin zum Filmfond Wien wechseln wird, übergibt sie so ihrem/ihrer Nachfolger*in, der/die im Herbst bestellt werden wird, eine bestens aufgestellte Veranstaltung und gleichzeitig werden damit hohe Erwartungen gesetzt, die hoffentlich auch in den kommenden Jahren erfüllt werden.


Der Höhepunkt in Dollhofers Abschlussjahr war im Wettbewerb Competition Fiction um den mit 5000 Euro dotierten Crossing Europe Award zweifelsohne "Beginning" der Georgierin Dea Kulumbegashvili. An diesem Film, das sich schon in der Auswahl für das letztjährige Filmfestival von Cannes, die dann Corona zum Opfer fiel, fand und in der Folge beim Festival von San Sebastian mehrere Preise abräumte, beim Toronto International Film Festival den Fipresci-Preis gewann und beim Festival von Mannheim-Heidelberg mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde, kam auch die Jury in Linz nicht vorbei.


Gleichzeitig scheint es aber auch etwas problematisch, einen solchen "Kracher" in den Wettbewerb von Crossing Europe einzuladen, denn einerseits braucht "Beginning" diesen Preis nicht mehr, andererseits kann hier die Konkurrenz von vornherein kaum mithalten. Vielleicht wäre doch die Sektion Panorama Fiction, in der Festivalerfolge des letzten Jahres gezeigt werden, der geeignetere Platz für dieses herausragende Debüt gewesen.


Schon in der ersten Einstellung von "Beginning" zeigt sich die ganze Meisterschaft von Dea Kulumbegashvili. Von hinten erfasst die Kamera einen Königreichssaal der Zeugen Jehowas. Langsam füllt sich der karge, mit Holzbänken ausgestattete Raum. Nachdem die Kinder zu andächtigem Verhalten angehalten wurden, predigt der Gemeindevorsteher David über Abrahams Bereitschaft seinen Sohn Isaak zu opfern, als plötzlich ein Brandsatz in den Raum fliegt. Panik bricht aus, als weitere Brandsätze folgen. Die Türen lassen sich nicht öffnen, die Fenster werden eingeschlagen, sind aber vergittert, dennoch können schließlich alle ohne gröbere Verletzung entkommen.


In einer einzigen, mehrminütigen statischen Einstellung filmt Kulumbegashvili diese Szene. Wie hier die Ruhe der Kamera dem dramatischen Geschehen gegenübersteht, so werden immer wieder lange Einstellungen folgen, deren Ruhe, die durch den Verzicht von Musik noch gesteigert wird, in Kontrast zum Gezeigten steht. Langsam lädt die Georgierin diese minutenlangen Einstellungen mit Emotionen auf, entwickelt in ihnen eine teilweise ungeheure Intensität.


Die Methode erinnert an Cristian Mungius Abtreibungsdrama "Vier Monate, drei Wochen, zwei Tage", aber auch kein Zufall ist es, dass der Mexikaner Carlos Reygadas als ausführender Produzent fungierte. Mit dessen Filmen verbindet "Beginning" die langsame, aber extrem verdichtete Erzählweise und die spirituelle Tiefe.


Die Frau des Gemeindevorstehers versucht ihren Mann nach dem Brandanschlag zu einem Umzug zu bewegen, er aber möchte zunächst noch den Neubau des Gebetshauses durchziehen. Hoffnung, dass die Täter gefunden werden, darf man sich aber keine machen, denn die Polizei zeigt in dieser georgischen Bergregion, in der die Zeugen Jehovas eine von der christlich-orthodoxen Mehrheit angefeindete Minderheit sind, nur wenig Interesse an den Ermittlungen.


In Abwesenheit des Mannes, der versucht in Tiflis Geld für den Neubau aufzutreiben, wird die Frau zudem noch von einem angeblichen Polizisten heimgesucht, mit Fragen sexuell bedrängt und später – wiederum in einer quälend langen statischen Totalen – in freier Natur vergewaltigt.


Ein beklemmendes Drama über eine patriarchale Gesellschaft, in der die gepeinigte Frau auch von ihrem Mann keine Unterstützung erfährt, sondern er ihr vielmehr zumindest Mitschuld an der sexuellen Bedrängung gibt, ist dies und gleichzeitig ein Film über Glaubenszweifel, in dem im archaischen Finale der Kreis zur einleitenden Geschichte vom Opfer Abrahams geschlossen wird.


Auch wenn "Beginning", mit dem Kulumbegashvili sich die Latte schon so hoch legt, dass sie es schwer haben wird, mit weiteren Filmen dieses Niveau zu halten, den Spielfilmwettbewerb überragte, gab es doch daneben auch weitere mehr als beachtenswerte Filme zu entdecken.


Während die Griechin Janis Rafa mit "Kala Azar" höchst eigenwillige und enigmatische Filmkunst bot, legte ihr Landsmann Christos Nikou mit "Apples – Mila" eine lakonische surreale Tragikomödie vor, die sich den per Publikums-Voting vergebenen, ebenfalls mit 5000 Euro dotierten Crossing Europe Audience Award holte. Nikou erzählt in seinem Debüt von einem einsamen Mann mittleren Alters, der nach einer Busfahrt ohne Erinnerung aus einem Nickerchen aufwacht. Kein Einzelfall ist dies, sondern auch viele weitere Menschen sind Opfer dieser mysteriösen Pandemie, die zu völligem Gedächtnisverlust führt.


Weil der Mann keine Dokumente bei sich hat und sich auch keine Angehörigen melden, schlagen die Ärzte ihm ein Experiment vor, um ihm zu einer neuen Identität zu verhelfen: Er wird aus dem Krankenhaus entlassen und erhält per Tonbandbotschaften immer wieder Aufträge, deren Erledigung er mit Polaroid-Kamera dokumentieren soll.


Eine in sich stimmige grau in graue Welt schafft Nicou, die aber nicht trist wirkt, sondern zusammen mit dem wortkargen Protagonisten eine Atmosphäre der Melancholie evoziert. Einen surrealen Touch bekommt "Apples – Mila" dabei nicht nur durch die Handlung, sondern auch durch die Details, durch die diese Tragikomödie wie aus der Zeit gefallen wirkt. Denn einerseits gibt es hier keine Smartphones, sondern Polaroid-Kameras und Kassettenrekorder, andererseits sind Setting und Ausstattung heutig.


Immer auf Augenhöhe mit seinem Protagonisten erzählt Nicou rund und trocken und bedient sich auch bei Christopher Nolans "Memento", bei Michel Gondrys "Eternal Sunshine of the Spotless Mind" und knüpft mit der melancholischen Stimmung an Spike Jonzes "Her" an. So unterhält man sich gut, gleichzeitig werden aber auch grundsätzliche Fragen nach Identität aufgeworfen und im permanenten Fotografieren kann man auch eine Kritik an der aktuellen Selfie-Leidenschaft sehen.


Konventionelleres, aber kraftvolles und packendes Kino bot dagegen "Pari" des in Teheran geborenen, aber seit 1995 in Athen lebenden Siamak Etemadi. Im Zentrum steht eine Iranerin, die mit ihrem deutlich älteren Mann nach Athen kommt, um ihren hier studierenden Sohn zu besuchen. Doch dieser Sohn ist verschwunden, sodass sich das Paar – vor allem die Frau – auf die Suche macht, zunächst in die Kreise demonstrierender Studenten eintaucht, dann auch ins Rotlichtmilieu.


Alles andere als Tourismuswerbung für die griechische Hauptstadt ist dieser Film, sondern taucht mit Pari in ein nächtliches und düsteres Athen ein, das an das New York von Scorseses "Taxi Driver" erinnert. Mit der Suche einher geht eine Entwicklung der von Melika Foroutan intensiv gespielten Protagonistin, die zunächst im Schatten ihres Mannes steht, der patriarchalisch über sie bestimmt, allerdings zunehmend an Einfluss verliert, da er im Gegensatz zu Pari kein Englisch spricht.


Statt leiser Töne bevorzugt Etemadi zwar den kräftigen Strich, setzt nach interessanten Einblicken in die Situation von Iranern in Athen auch mehr auf dynamische Handlung und plakative Szenen als differenzierte Ausleuchtung von Hintergründen, aber über weite Strecken wird hier doch saftiges Kino geboten. – Zu hoffen bleibt, dass Crossing Europe auch in Zukunft den Weg einer so aufregenden Mischung von innovativen Filmen und handfesten, in der sozialen Realität geerdeten Produktionen, wie sie die heurige Ausgabe bot, fortsetzt.


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