• Walter Gasperi

Bad Luck Banging or Loony Porn


Ein privater Pornofilm einer Lehrerin gerät ins Internet und löst heftige Proteste der Eltern der Schüler*innen aus. – Das ist der Grundplot von Radu Judes Satire, doch der Rumäne nutzt diese in seinem wilden Bastard von einem Film, der heuer bei der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde, zu einem bissigen Generalangriff auf die Verhältnisse in seinem Heimatland.


Dass Radu Jude das Publikum nicht schonen wird, macht schon der Einstieg mit einem Amateur-Porno klar: An Explizitheit lassen die Bilder, in denen sich die Lehrerin Emi (Katia Pascariu) und ihr Mann gegenseitig beim Sex filmen, nichts zu wünschen übrig. Kontrastierend unterlegt ist dem Hardcore-Amateurvideo eine Instrumentalversion von "Lilli Marleen". Weil dieses Video, das das Paar auf einen ausschließlich Erwachsenen vorbehaltenen Kanal hochlud, dann doch auf einer öffentlichen Pornoseite landete und von Emis Schüler*nnen entdeckt wurde, ist die Lehrerin nun in der Bredouille.


Von dieser Eröffnung ausgehend diskutiert Jude in drei Teilen, was denn im heutigen Rumänien – und wohl in der westlichen Welt im Allgemeinen – wirklich öbszön ist und fragt nach den Grenzen von Privatheit und Öffentlichkeit.

Im ersten Teil, der den Titel "Einbahnstraße" trägt, folgt der Rumäne seiner Protagonistin beim Fußweg durch Bukarest von ihrer Wohnung zur Schule. In langen Schwenks nützt Jude diesen Weg, um in dokumentarischen Aufnahmen ein Bild der rumänischen Hauptstadt zwischen verfallenden Fassaden, Baustellen und großflächigen sexuell aufgeladenen Werbeflächen zu zeichnen. Sichtbar wird dabei in einem Streit, der sich in der Schlange einer Supermarktkasse entwickelt, im Disput zwischen Emi und einem Autofahrer, der sein protziges SUV auf dem Gehsteig geparkt hat, oder wenn ein aggressiver Autofahrer einen Fußgänger niederfährt nicht nur die explosive Stimmung, sondern dass Sexualausdrücke bei den Beschimpfungen dominieren.


Als einer der ersten Filme der Corona-Pandemie erweist sich "Bad Luck Banging and Loony Porn" dabei auch dadurch, dass hier alle Menschen Masken tragen. Gedreht hat Jude seinen Film nämlich im Sommer 2020, doch Corona ist im Grunde kein Thema, heizt allerdings die gespannte Stimmung zusätzlich an.


Abrupt bricht das Bukarester Stimmungsbild ab und mit dem Insert "Kurzes Wörterbuch der Anekdoten, Zeichen und Wunder" setzt der zweite Teil ein. Die im ersten Teil begonnene Erzählung wird dabei nicht fortgesetzt, sondern als Essayfilm kommentiert Jude lexikonartig zahllose Begriffe von Geschichte, Krieg, Ceausescu, Haus des Volkes, Rumänisch-orthodoxe Kirche und Jesus bis zu Liebe, Vergewaltigung, Blow-Job, Fotze, Pornographie und Zen. Schwer zu konsumieren ist dieser Abschnitt in der dichten und rasend schnellen Abfolge von erklärenden Textinserts, Archivmaterial und inszenierten Szenen.

Das Sexuelle setzt Jude hier in Beziehung mit dem Historischen, fragt nach dem eigentlich Obszönen und zeigt, dass die wahren Gräuel nur durch die Aufarbeitung bewusst gemacht werden können. In Bezug setzt er seine Arbeitsweise dabei auch zum Mythos von Medusa, deren schreckliches Antlitz der Held Theseus nur über den Spiegel der Athene betrachten konnte. In ähnlicher Weise will Jude die Schrecken der Geschichte und der Gegenwart nicht direkt nacherzählen, sondern indirekt dem Zuschauer vermitteln und ihn zum Nachdenken anregen.


Wie eine Klammer spannen sich um diesen Mittelteil der erste Teil und der dritte Teil, in dem unter dem Titel "Praxis und Anspielungen (Sitcom)" die Lehrerin Emi sich vor der Elternversammlung wegen des Pornos verteidigen muss. Bei dem pandemiebedingt im Innenhof der Schule abgehaltenen Treffen entwickelt sich ein heftiger Disput, den Jude praktisch in Echtzeit filmt. Die Direktorin betont zwar die Verdienste Emis, doch heftig ziehen eine Mutter, aber auch ein Offizier über sie her.


Nicht nur das Video steht hier zur Diskussion, sondern bald wird auch kritisiert, dass sie Werke des jüdischen Autors Isaak Babel behandelt habe und im Geschichtsunterricht die rumänischen Massaker an Juden und Roma thematisierte. Wie Jude mit diesen Vorwürfen wieder an seinen Film "Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen" anknüpft, in dem er sich mit dem Umgang Rumäniens mit seiner Geschichte beschäftigt, so erinnert die Form des Tribunals, das hier geführt wird an seinen letzten Film "Uppercase Print", in dem er einen Prozess aus der Ceausescu-Ära aufarbeitete.


Aber auch die Kirche kommt hier mit einem Pfarrer wieder ins Spiel und mit einer aggressiven Mutter die allgegenwärtige Korruption, wenn Emi ihre Vorwürfe als Heuchelei anklagt, da sie doch selbst die Lehrer*innen mit Geschenken besteche. Als fragwürdig stellt Jude auch die Entscheidungsfindung dar, wenn die erste Abstimmung nicht akzeptiert wird und nochmals gewählt wird, um ein gewünschtes Ergebnis zu erhalten.


Alles andere als rund ist dieser Film, der im Frühjahr bei der virtuellen Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde, sondern eine wütende und auch grelle Abrechnung mit Verhältnissen, die wohl nicht nur Rumänien kennzeichnen. Inserts bieten dem Publikum zwar am Ende an, den Film als Scherz oder als Diebstahl eines Augenblicks zu lesen, doch unzweifelhaft meint es Jude ernst und lässt seine lange zurückhaltende Lehrerin im grotesken Finale zur Nemesis mutieren und zu einem überraschenden Gegenschlag ausholen, der es wieder in sich hat.


Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: 12.8., 20 Uhr FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: 15.9., 18 Uhr + 16.9., 19.30 Uhr ab September in den Schweizer Kinos


Trailer zu "Bad Luck Banging or Loony Porn"