76. Berlinale: Spannende Außenseiter statt große Namen
- Walter Gasperi
- vor 23 Stunden
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Das Programm der 76. Berlinale (12. – 22.2. 2026) wartet im Wettbewerb um den Goldenen Bären nicht mit großen Namen auf, präsentiert dafür neue Filme interessanter Regisseure wie Markus Schleinzer, Ilker Catak, Warwick Thornton oder Eva Trobisch. – Stark vertreten sind Österreich und Deutschland, während die USA kaum präsent ist.
Eröffnet wird die 76. Berlinale (12. – 22.2. 2026) mit der Tragikomödie "No Good Men" der Afghanin Shahrbanoo Sadat. Laut Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle rückt Sadat in ihrem dritten Spielfilm, der nicht im Wettbewerb, sondern in der Sektion Berlinale Special Gala läuft, "das Leben afghanischer Frauen in den Mittelpunkt und verbindet eine mitreißend politische Geschichte mit Romantik und feinem Humor."
Programmatisch ist dieser Film geradezu für den Wettbewerb, in dem Produktionen aus Ländern vom Rand der Weltkinematographie und aus Europa den Ton angeben. Nichts ist in dem Programm davon zu spüren, dass man die Amerikanerin Tricia Tuttle vor eineinhalb Jahren unter anderem auch deswegen zur künstlerischen Leiterin ernannte, weil man hoffte, dass sie mit ihren Beziehungen zahlreiche große US-Filme und Stars fürs Programm der Berlinale gewinnen kann.
Sowohl die brasilianisch-chinesisch-amerikanische Regisseurin Beth de Araújo, die mit dem Thrillerdrama "Josephine" in den Wettbewerb eingeladen wurde, als auch das Duo Anna Fitch und Banker White, das den Dokumentarfilm "YO Love is a Rebellious Bird" ins Bären-Rennen schickt, darf man wohl als unbekannte Größen ansehen. Lance Hammer wiederum, der vor bald 20 Jahren mit "Ballast" bei der Berlinale beeindruckte, präsentiert seinen lange erwarteten zweiten Spielfilm "Queen at Sea" als britische Produktion.
Viel Raum lässt das Fehlen großer US-Produktionen aber auch Frankreichs für kleinere Filmnationen. Stark vertreten ist so das Gastgeberland Deutschland, das einerseits als Koproduzent bei zahlreichen Filmen die Finger im Spiel hat, andererseits mit "Gelbe Briefe" des "Das Lehrerzimmer"-Regisseurs Ilker Catak, "Meine Frau weint" von Berlinale-Stammgast Angela Schanelec ("Music") und "Home Stories" von "Ivo"-Regisseurin Eva Trobisch drei Regisseur:innen ins Bären-Rennen schickt, die filmisch ebenso eigenwillige wie starke Akzente setzen könnten.
Dazu kommt auch eine starke österreichische Präsenz. Während Markus Schleinzer in seinem mit Spannung erwarteten "Rose" von einer Frau erzählt, die im 17. Jahrhundert als Mann verkleidet ein guter Bürger sein will, rückt das Duo Tizza Covi und Rainer Frimmel in "The Loneliest Man in Town" einen Blues-Musiker ins Zentrum, dessen Welt langsam zerbricht.
Zu den bekannten Namen zählen auch der Ungar Kornél Mundruczó, dessen "At the Sea" als us-amerikanische-ungarische Koproduktion läuft, und der aus dem Tschad stammende Mahamat-Saleh Haroun, der fünf Jahre nach "Lingui" mit "Soumsoum, the Night of the Stars" einen neuen Film präsentiert. Nicht nur Afrika ist mit den Koproduktionen "Dao" des französisch-senegalesischen Regisseurs Alain Gomis und "In a Whisper" der Tunesierin Leyla Bouzid erfreulich stark vertreten, sondern auch aus Singapur wurde mit Anthony Chens "We Are All Strangers" ein Film in den Wettbewerb eingeladen.
Erfreulich ist auch die Rückkehr des Mexikaners Fernando Eimbcke, der vor rund 20 Jahren mit "Temporada de patos" und "Lake Tahoe" begeisterte, ehe es um ihn eher still wurde. Nun präsentiert Eimbcke aber mit "Flies" ebenso einen neuen Film wie der Brasilianer Karim Ainouz mit der internationalen Koproduktion "Rosebush Pruning" hoffentlich an sein großartiges Melodram "Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão" anknüpfen kann.
Dazu kommen der Animé "A New Dawn" des Japaners Yoshitoshi Shinomiya, "Nina Roza" der Kanadierin Genevieve Dulude-de Celles, die zuletzt mit "Eine Kolonie" einen starken Eindruck hinterließ, sowie die Belgierin Anke Blondé, die mit "Dust" ihren zweiten Spielfilm präsentiert.
Zur hohen Quote von insgesamt neun Regisseurinnen bei 20 Filmen trägt auch die Finnin Hanna Bergholm bei, die ihrem Horrordrama "Hatching" als zweiten Spielfilm "Nightborn", der als düstere Geschichte über Mutterschaft und Mutterliebe beschrieben wird, folgen lässt. Die Männerquote wird dagegen durch den Australier Warwick Thornton, der mit "Wolfram" ein Sequel zu dem großartigen australischen Western "Sweet Country" vorlegen soll, den Briten Grant Gee mit "Everybody Digs Bill Evans" und den Türken Emin Alper mit "Salvation" erhöht.
Fällt insgesamt die nahezu völlige Abwesenheit von Starregisseur:innen auf, die wohl vor allem aus mangelnder Erhältlichkeit der Filme resultiert, so verspricht andererseits die Auswahl doch ein abwechslungsreiches und spannendes Programm.
Entdeckungen kann man aber hoffentlich auch in der von Tricia Tuttle letztes Jahr neu geschaffenen Sektion Perspektiven machen, in der Debüts gezeigt werden. In dieser Sektion ist nicht nur die Film-Großmacht USA nur mit Liz Sargents "Take Me Home" vertreten, sondern auch aus Deutschland wurde nur Kai Stänickes "Der Heimatlose" eingeladen. Dafür spannt sich der Bogen der 13 Filme geographisch von Argentinien ("The River Train" von Lorenzo Ferro und Lucas A. Vignale) über Algerien ("Chronicles from the Siege" von Abdallah Alkhatib) und Nord-Mazedonien ("17" von Kosara Mitic) bis nach Israel ("Where to? von Assaf Machnes) und Singapur ("Filipiñana" von Rafael Manuel).
In der Schiene Berlinale Specials wiederum feiert unter anderem Ulrike Ottingers "Die Blutgräfin" Weltpremiere. Das Drehbuch zu diesem Film schrieb die Regisseurin gemeinsam mit Elfriede Jelinek und konnte als Hauptdarstellerin Isabelle Huppert gewinnen. Gespannt sein darf man auch auf Teodora Ana Mihais Drama "Heysel 85", in dem die Tragödie im Brüsseler Heysel Stadion im Jahr 1985 nachgezeichnet wird.
US-Stars werden Noah Segans "The Only Living Pickpocket in New York", in dem John Turturro und Steve Buscemi die Hauptrollen spielen, sowie Padraic McKinleys mit Ethan Hawke und Russell Crowe prominent besetzter "The Weight" nach Berlin führen. Auch die deutsche Premiere von Mona Fastvolds bei den Filmfestspielen von Venedig viel beachtetem "The Testament of Ann Lee" könnte dem Festival Glanz verleihen.
Als Spätvorstellungen werden mit "Sleep No More" des Indonesiers Edwin und "Saccharine" der Australierin Natalie Erika James zwei blutige Body Horror-Filme sowie mit "The Ballad of Judas Priest eine Dokumentation über die legendäre Heavy Metal-Band gezeigt.
Aber auch die neuen Dokumentarfilme von Maite Alberdi, Ruth Beckermann und Sam Pollard feiern im Rahmen des Berlinale Special ihre Weltpremiere. Während Alberdi in "Un hijo propio – A Child of My Own" von den Folgen einer vorgetäuschten Schwangerschaft erzählt, reflektiert Beckermann in "WAX & GOLD" mit Archivmaterial und Gesprächen in einem von Kaiser Haile Selassie erbauten Hotel in Addis Abeba über die Geschichte Äthiopiens und Europas. Sam Pollard wiederum widmet sich in "TUTU" der Entwicklung des südafrikanischen Bischofs Desmond Tutu zur Stimme der Unterdrückten.
Dazu kommen auch Serien wie Marc Cousins "The Story of Documentary Film", Marc Mundens Neuverfilmung von "Lord of the Flies" oder die chilenische Serie "La casa de los espÃritus – The House of Spirits" nach Isabel Allendes Roman "Das Geisterhaus".
Das Programm der Sektion Panorama steht unter dem Titel "Desire Lines". Gestartet wird mit Danielle Arbids "Only Rebels Win, in dem Hiam Abbass die Hauptrolle spielt. Bekanntester Name dürfte hier der Koreaner Hong Sang-soo sein, der in den letzten Jahren immer in den Wettbewerb eingeladen wurde, seinen neuen Film "The Day She Returns" nun aber im Panorama präsentiert.
Gespannt sein darf man auch auf den Österreicher Sebastian Brameshuber, der in "London" einen Fahrer begleitet, der fast immer im Auto unterwegs ist, sowie seinen Landsmann Adrian Goiginger", dessen Spielfilm "Vier minus drei" mit Valerie Pachner, Robert Stadlober und Stefanie Reinsperger prominent besetzt ist.
Mit "Mouse" feiert aber auch der neue Film von Kelly O´Sullivan und Alex Thompson, die zuletzt mit "Ghostlight" begeisterten, in diesem Rahmen seine Weltpremiere. Sicherlich werden die 37 Filme, die in dieser Sektion gezeigt werden, aber auch Gelegenheit zu weiteren spannenden Entdeckungen bieten.
32 Filme, davon 15 Spielfilme finden sich im Programm des Internationalen Forum des Jungen Films. Der Bogen spannt sich hier von Haile Gerimas Langzeitprojekt "Black Lions – Roman Wolves", in dem das brutale Kolonialerbe Italiens in Äthiopien untersucht wird, bis zu Volker Koepps "Chronos – Fluss der Zeit", in dem der Dokumentarfilme an die wichtigen Orte seines Schaffens von Litauen bis Czernowitz zurückgekehrt ist, um Bilanz zu ziehen.
Berlinale Stammgast James Bennig blickt in "Eight Bridges" auf Brücken, während der Kambodschaner Rithy Pan in "We Are the Fruits of the Forest" zeigt, wie die indigenen Bunong, die Feldwirtschaft per Hand betrieben, mit dem lukrativen CO2-Zertifikathandel des Landes in Konflikt geraten. Aber auch eine Verfilmung von Elfriede Jelineks Roman "Die Liebhaberinnen" sowie mit "Everything Else Is Noise" ein neuer Film des Mexikaners Nicolás Pereda, der zuletzt mit dem elliptischen "Copper" einen starken Eindruck hinterließ, fehlen nicht.
Nicht unterschätzen sollte man aber auch die Sektion Generation, die per Definitionem Filme für Kinder und Jugendliche zeigt, aber immer auch Filme bietet, die auch ein erwachsenes Publikum begeistern können.
Die Filmgeschichte wiederum wird einerseits mit der Präsentation von acht restaurierten Klassikern gepflegt. Der Bogen spannt sich hier von Georg Wilhelm Pabsts Stummfilm "Die Geheimnisse einer Seele" über den wenig bekannten, 1934 entstandenen ukrainischen Film "Crystal Palace" bis zu Shohei Imamuras "The Pornographers". Andererseits gibt es natürlich wiederum eine umfangreiche Retrospektive, die heuer unter dem Titel "Lost in the ´90" mit gut zwei Dutzend Filmen ins Kino der 1990er Jahre entführt.
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