• Walter Gasperi

Lingui


Bewusst einfach ist die Erzählweise von Mahamat-Saleh Harouns Drama um eine alleinerziehende Mutter und ihre 15-jährige schwangere Tochter, doch gerade durch die Einfachheit entwickelt dieses engagierte Plädoyer für weibliche Solidarität und gegen das strikte Abtreibungsverbot in der patriarchalen Gesellschaft des Tschad bewegende Kraft.


Bislang standen immer Männer und Vater-Sohn-Geschichten im Zentrum der Filme des tschadischen Regisseurs Mahamat-Saleh Haroun. In "Abouna" (2002) erzählte er von zwei Brüdern, die sich auf die Suche nach ihrem Vater machen, in "Daratt" (2006) von einem Teenager, der von seinem Großvater den Auftrag erhält, den Mörder des Vaters zu suchen und zu töten und, in "Un homme qui crie"(2010) von der Rivalität zwischen einem Vater und einem Sohn.


Erstmals stellt er nun mit Amina (Achouackh Abakar Souleymane) und der 15-jährigen Maria (Rihane Khalil Alio) eine alleinerziehende Mutter und ihre Tochter ins Zentrum. Viel Zeit lässt sich Haroun für die Schilderung des Alltags der Mutter. Ausführlich zeigt er, wie sie alte Autoreifen zerlegt und aus den Drähten kunstvolle Feuerschalen herstellt, die sie auf den Straßen von N‘Djamena, der Hauptstadt des Tschad, zu verkaufen versucht.


Erst langsam erfährt man, dass sie als alleinerziehende Mutter eines unehelichen Kindes eine Außenseiterin in der islamischen Gesellschaft ist. Ihre Familie hat sie verstoßen, von den anderen wird sie verachtet. Dennoch will sie dem Angebot ihres älteren Nachbarn Brahim, sie zu beschützen – und damit auch eine Beziehung mit ihr einzugehen – nicht nachgeben. Trotz der schwierigen materiellen Situation will sie unabhängig bleiben und sich allein, um ihre Tochter kümmern.


Als Maria aber schwanger wird, scheint sich an ihr das Schicksal der Mutter zu wiederholen. Ablehnend reagiert sie zunächst auf Marias Entschluss das Kind abzutreiben, ist dies im Tschad doch verboten und mit hohen Strafen belegt, beschließt aber bald dennoch, ihre Tochter zu unterstützen.


Wie in Audrey Diwans letztjährigem Venedig-Sieger "L´évenement" und Eliza Hittmans "Never Rarely Sometimes Always" erzählt Haroun so vom verzweifelten Kampf um eine Abtreibung. So verschieden die Welt des Tschad vom im Frankreich der 1960er Jahre spielenden "L évenement" und dem in den provinziellen USA angesiedelten "Never Rarely Sometimes Always" ist, so könnte doch Marias Erklärung "Ich will selbst über mein Leben und meinen Körper bestimmen", doch auch aus diesen Filmen stammen.


Wie Diwan und Hittman erzählt auch Haroun von den Hindernissen, gegen die die junge Frau und ihre Mutter ankämpfen müssen vom grundsätzlichen Abtreibungsverbot in der patriarchalen und islamischen Gesellschaft über die horrende Summe, die von einem Arzt für den Eingriff verlangt wird, bis zum Umstand, dass Mutter und Tochter zunächst ganz auf sich gestellt sind. Doch wenn Aminas jüngere Schwester zu Besuch kommt, um um Hilfe gegen die Beschneidung ihrer Tochter zu bitten, und eine Frau schließlich kostenlos sich zum Eingriff bereit erklärt, entwickelt sich auch eine Solidarität der Frauen. Auf diesen Zusammenhalt der Frauen bezieht sich auch der Titel "Lingui", der übersetzt "Heilige Bande" bedeutet und im Tschad als Grundlage des menschlichen Zusammenlebens gilt.


So zeigt Haroun in seinem lichtdurchfluteten und von warmen Gelbtönen dominierten Film auch, wie mit diesem Zusammenhalt der Frauen, aber auch mit Tricks der Männergesellschaft, deren Heuchelei schließlich auch aufgedeckt wird, Kontra gegeben und Selbstbestimmung zumindest teilweise durchgesetzt werden kann.


Ruhig und unaufgeregt erzählt Haroun, verzichtet auf filmische Finessen und vertraut ganz auf die Stärke der Geschichte. Gerade durch diese einfache lineare Erzählweise und die Fokussierung auf das Thema sowie das starke Spiel von Achouackh Abakar Souleymane und Rihane Khalil Alio, die eindringlich die schwierige Situation dieser beiden Frauen vermitteln und ihren verzweifelten Kampf spürbar machen, entwickelt "Lingui", bewegende emotionale Kraft und ruft eindrücklich die – im Westen weitgehend vergessene - schwierige Situation der Frauen nicht nur im Tschad, sondern in weiten Teilen Afrikas in Erinnerung.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen


Trailer zu "Lingui"