• Walter Gasperi

Never Rarely Sometimes Always - Niemals Selten Manchmal Immer

Aktualisiert: vor 5 Tagen


Autumn ist 17 und schwanger, fühlt sich aber für eine Mutterschaft nicht bereit. Doch In Pennsylvania bräuchte sie für eine Abtreibung die Zustimmung der Eltern, also bricht sie mit ihrer Cousine nach New York auf. – Eliza Hittman gelang dank genauem Blick, herausragenden Schauspielerinnen und perfekter Verankerung im Milieu ein bewegendes minimalistisches Drama.


Allein steht die 17-jährige Autumn Callahan (Sidney Flanigan) bei einem Amateurabend auf der Bühne und singt "He´s Got the Power" von den Exciters. Auch vom beleidigenden Zwischenruf eines jungen Mannes lässt sie sich nicht stoppen. – Emblematisch ist in dieser Auftaktszene schon vieles zusammengefasst: Während sich im Liedtext "He makes me do things I don't want to do" wohl eigene Missbrauchserfahrungen spiegeln, vermittelt ihr Solo-Auftritt ihre Isolation, aber auch die Stärke Autumns sowie eine allgegenwärtige übergriffige Männerwelt.


Ein Blick auf ihren Bauch im Spiegel bestärkt ihren Verdacht, dass sie schwanger ist. Bestätigung erhält sie durch Ultraschall im Schwangerschaftszentrum in der Kleinstadt in Pennsylvania, in der sie wohnt. Als sie erklärt, dass sie sich nicht bereit für eine Mutterschaft fühlt, erhält sie Broschüren zur Freigabe von Babys zur Adoption und ein Film über die Grausamkeit von Abtreibungen wird ihr gezeigt.


Zu Hause kann sie über ihre Situation nicht sprechen. Der Vater behandelt sie nur verachtend, die Mutter hat wenig zu sagen. Einzig ihre Cousine Skylar (Talia Ryder), mit der sie nicht nur zur Schule geht, sondern auch im örtlichen Supermarkt als Kassierin arbeitet, ahnt, dass etwas nicht stimmt. Will Autumn aber zunächst auch mit ihr nicht über ihre Schwangerschaft reden, so öffnet sie sich dann doch und gemeinsam brechen die Mädchen mit dem Bus nach New York auf, um dort die Abtreibung durchführen zu lassen.


Doch anders als geplant müssen sie dafür schließlich zwei Tage in der Metropole bleiben. Da es an Geld fehlt, müssen sie sich die Nächte irgendwie um die Ohren schlagen, erleben übergriffige Männer und in der Abtreibungsklinik gibt es eine quälende Befragung zu sexueller Gewalt und Nötigung. In einer schier endlos langen Großaufnahme, muss Autumn dabei auf die Fragen im Stil eines Multiple-Choice-Test mit "Niemals, selten, manchmal oder immer" antworten, bis sie schließlich in Tränen ausbricht.


Eliza Hittman ließ sich vom Schicksal der in Irland lebenden Inderin Savita Halappanavar, die 2012 an einer Blutvergiftung starb, nachdem ihr trotz schwerer Komplikationen bei der Schwangerschaft eine Notabtreibung verweigert worden war, zu ihrem dritten Spielfilm anregen. Bei ihren Recherchen entdeckte sie, dass auch in Pennsylvania massive Abtreibungsbeschränkungen gelten, und dass in den USA jede fünfte Frau mehr als 80 Kilometer fahren muss, um einen solchen Eingriff vornehmen zu lassen - in ländlichen Gegenden sei es sogar mehr als die Hälfte aller ungewollt Schwangeren.


Minimalistisch hat Hittman ihr Drama angelegt: Auf wenige Tage beschränkt sich die Handlung, Schwangerschaft und Abtreibung sind das einzige Thema und der Fokus liegt ganz auf Autumn und ihrer Cousine. Hautnah ist die Kamera immer wieder am Gesicht dieser jungen Schwangeren, erfasst sie vielfach im Profil, dann wieder frontal von vorne. Ebenso zurückhaltend wie intensiv spielt Sidney Flanigan in ihrer ersten Filmrolle diesen Teenager, bleibt von einer Szene abgesehen stets gefasst, unterdrückt ihre Gefühle und spricht nur wenig. Nicht weniger stark spielt aber auch die schon filmerfahrene Talia Ryder Autumns Cousine Skylar.


Ganz auf Augenhöhe mit diesen jungen Protagonistinnen ist der Film. Trotz der Nähe zu ihnen trägt aber auch die meisterhafte Einbettung der Handlung ins Milieu wesentlich zur Dichte von "Never Rarely Sometimes Always" bei. Der Dreh auf analogem 16-mm Film und die verwaschenen Farben sowie die kalte Winterstimmung verleihen den Bildern von Kamerafrau Hélène Louvart nicht nur eine zum Thema passende Rauheit, sondern sorgen auch für ein Höchstmaß an Realismus.


Beiläufig, aber präzise werden so sowohl das Bergbaumilieu, aus dem Autumn stammt, als auch die U-Bahn-Stationen des nächtlichen New York eingefangen. In Details deckt Hittman auch die allgegenwärtige übergriffige Männerwelt auf vom aufdringlichen Kunden im Supermarkt über den Supermarkt-Leiter, der die Geldübergabe der beiden Kassierinnen zu Streicheleien benützt, bis zu einem Mann in der U-Bahn, der vor Autumn in die Hose greift und zu masturbieren beginnt.


Auch der junge Jasper, den die beiden Mädchen auf der Busfahrt nach New York kennenlernen, löst ein unangenehmes Gefühl aus, wenn er trotz abweisender Antworten mit seinen Fragen nicht locker lässt. Schickt er zunächst mehrfach Skylar SMS, so kontaktiert sie ihn schließlich aufgrund ihrer Geldnot. Offen bleibt ob seine finanzielle Unterstützung an die Knutscherei mit Skylar gebunden ist, oder ob er das Mädchen wirklich mag. Verstehen kann man jedenfalls, dass Autumn auf Skylars Frage, ob sie manchmal gerne eine Junge wäre antwortet: "Immer".


Unaufgeregt erzählt die 41-jährige New Yorkerin, aber gerade durch den Verzicht auf Zuspitzungen und vor allem durch den genauen Blick und die Akribie der Schilderung gewinnt dieses Drama bewegende Kraft. Intensiv erzählt Hittman am Einzelschicksal davon, wovon wohl viele schwangere junge Frauen niemandem erzählen können und vermittelt eindrücklich die Belastung dieses Nicht-Reden-Könnens. Aus dieser Schilderung heraus entwickelt sich "Never Rarely Sometimes Always" aber auch zum entschiedenen Plädoyer für die Selbstbestimmung der Frau über ihren Körper und mit der Figur Skylars zur Beschwörung weiblicher Solidarität und der Stärke, die diese gibt.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos - z.B. im Skino in Schaan und im Scala in St. Gallen;

ab 29.10. in den österreichischen Kinos


Trailer zu "Never Rarely Sometimes Always"