47. Filmfestival Max Ophüls Preis startete mit surrealer Tragikomödie
- Walter Gasperi

- vor 1 Tag
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Großartige Schwarzweißbilder von Kameramann Markus Nestroy und zahlreiche surreale Einfälle sowie die drei Hauptdarsteller:innen Karl Markovics, Luna Wedler und Lars Eidinger sorgen dafür, dass einem Nicolas Steiners Tragikomödie "Sie glauben an Engel, Herr Drowak?", mit dem das heurige Filmfestival Max Ophüls Preis eröffnet wurde, nicht so schnell aus dem Kopf gehen wird.
Empathie als Kraft, die den Sturz in die Barbarei verhindert, beschwor die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger in ihrer Eröffnungsrede zum 47. Filmfestival Max Ophüls Preis. Von dieser Kraft erzählt im Kern auch der Schweizer Nicolas Steiner im Eröffnungsfilm "Sie glauben an Engel, Herr Drowak?".
Zehn Jahre nach seinem bildmächtigen Dokumentarfilm "Above and Below" (2015) wirft Steiner das Publikum in seinem Spielfilmdebüt schon mit den ersten kontrastreichen Schwarzweißbildern von Kameramann Markus Nestroy in eine surreal-kafkaeske Welt. Hautnah folgt die Kamera Ratten durch schmale Gänge, mit leeren Bier- und Schnapsflaschen überfüllt ist die Wohnung des versifften und vorwiegend saufenden Pensionisten Hugo Drowak (Karl Markovics).
Ungewöhnliche Perspektiven trister Hochhaussiedlungen erzeugen eine bedrückende Atmosphäre, während ein bewaffneter Trupp vom Amt anrückt, um Herrn Drowak zu delogieren. Weil nur die Beteilung an einem Resozialisierungsprojekt seine Verlegung in ein Heim verhindern kann, meldet er sich – als einziger - für einen Schreibkurs. Um den Job als Schreibtherapeutin wiederum bewirbt sich die lebensfrohe Germanistikstudentin und Puppenspielerin Nina (Luna Wedler).
Klassische Gegensätze prallen mit dem misanthropischen und wortkargen alten Griesgram und der ständig quasselnden und lächelnden jungen Frau aufeinander. Mit sichtlichem Vergnügen und großem Einsatz spielen die bestens harmonierenden Karl Markovics und Luna Wedler diese Rollen. Mag er sie bei der ersten Begegnung auch noch heftig verbal angreifen und auf ihre Frage "Was fehlt Ihnen zum Glück?" antworten "Die Abwesenheit von Menschen!", so ist doch vorhersehbar, dass sie mit ihrer ansteckenden Lebensfreude und ihrer Hartnäckigkeit auch die harte Schale von Drowak langsam knacken wird.
Während Nina, die in ihrer Wohnung allein mit zwei lebensgroßen Puppen lebt, einem Sozialarbeiter im Amt näher kommt, beginnt Drowak sich an eine große Liebe zu erinnern, deren Ende in ihm ein Trauma auslöste. Mit den Erinnerungen kommen nicht nur warme Farben in den sonst trist schwarzweißen Film, sondern auch melancholische finnische Lieder, kam die Geliebte doch aus Helsinki. Doch gleichzeitig beginnen ihn in den Erinnerungen zunehmend intensiver rattenköpfige Dämonen zu verfolgen.
So erzählt Steiner, in dessen Film auch Lars Eidinger als skurriler Leiter des Amts brilliert, einerseits von Alterseinsamkeit und Trauma, andererseits aber auch von einer Erlösung und Selbstfindung durch Menschenfreundlichkeit und Empathie sowie der Kraft der Literatur, mit der Erinnerungen wieder aktiviert werden.
Mindestens gleich wichtig wie die Geschichte ist dem 42-jährigen Walliser aber die filmische Gestaltung. Mit Lust an zahlreichen skurrilen bis surrealen Details, die vielfach freilich auch selbstzweckhaft sind, wenn beispielsweise plötzlich im Hintergrund ein Auto von einem Hochhausdach gegen eine Häuserfront kracht, sich Nina im Amt durch das zugemüllte Stiegenhaus hochkämpfen muss oder sich die kleine Windmühle im Büro des Amtsleiters immer wieder zu drehen beginnt, beschwört Steiner eine kafkaesk-dystopische Welt.
Jean-Pierre Jeunets "Delikatessen" dürften für diesen düsteren Weltentwurf ebenso Pate gestanden haben wie Terry Gilliams "Brazil" und Sophie Linnenbaums "The Ordinaries". Eine Fülle zu sehen gibt es in diesem Film, gleichzeitig wirken diese Details aber doch auch zu mechanisch und die Figurenzeichnung zu schematisch, um wirklich Emotionen zu wecken und mitzureißen.
Zu offensichtlich strebt Steiner danach, filmisch etwas zu wagen und originell zu sein, doch wirkliches Leben entwickelt "Sie glauben an Engel, Herr Drowak?" dadurch nicht. Bei allem Einfallsreichtum bleibt diese Tragikomödie so kalkuliert und kühl und passend zur Puppenspielerei Ninas selbst auch gewissermaßen das Werk eines Puppenspielers, an dessen Fäden die Geschichte und Figuren hängen, aber zu wenig Raum erhalten, um Leben zu entwickeln.




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