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  • AutorenbildWalter Gasperi

The Ordinaries


Sophie Linnenbaum verhandelt in ihrem einfallsreichen und originellen Spielfilmdebüt, verpackt in eine zwischen 1950er Jahre Ausstattung und futuristischer Kulisse pendelnden Filmwelt, leichthändig Fragen von Ausgrenzung, Identität und Toleranz.


Mit dem Voice-over der jungen Paula (Fine Sendel) gibt Sophie Linnenbaum in ihrem Abschlussfilm für die Babelsberger Filmhochschule die Erzählperspektive vor. Leidenschaftlich schwärmt Paula für ihren Vater, der Hauptdarsteller in zahlreichen Filmen war, während ihre Mutter nur Nebenrollen spielte. Deren Unscheinbarkeit illustrieren Massenszenen aus Spielfilmen, in denen die Mutter kaum erkennbar ist und vor allem keine Individualität gewinnt, während ihr Vater in diesen Ausschnitten immer groß im Vordergrund steht. Doch dann soll er bei einem großen Massaker, das die rechtlosen Outtakes an den Hauptdarsteller:innen verübten, umgekommen sein.


Ganz in dieser Filmwelt spielt "The Ordinaries". Während Paula mit ihrer Mutter (Jule Böwe), die als Nebendarstellerin nur sehr banale und limitierte Dialoge spricht, in einer kleinen, ganz in Beige getauchten Wohnung lebt, nennt die Familie von Paulas Freundin Hannah (Sira Faal), deren Mitglieder Hauptdarsteller:innen sind, eine prächtige Villa ihr eigen. Hier gehen die Dialoge auch immer wieder in musicalartige Gesangsszenen über, in denen die Emotionen überschwappen.


Weil die Mutter auf die Frage nach dem Vater aber immer nur mit dem Standardsatz "Dein Vater war ein sehr besonderer Hauptdarsteller" antwortet, beginnt Paula selbst zu recherchieren. Als sich aber im Archiv kein Eintrag zu dem angeblich berühmten Schauspieler findet, begibt sie sich in die durch eine hohe Mauer und Stacheldraht abgeschottete Welt der Outtakes, die über keine Musik verfügen und deren Stimmen teils zensiert wurden.


Das Setting der streng hierarchisch geordneten Filmwelt ermöglicht Linnenbaum ein einfallsreiches und originelles Spiel mit der Filmgeschichte und Machtpositionen in der Branche. Den glänzenden Hauptdarsteller:innen, unter die sich auch Paula mit der bevorstehenden Prüfung einreihen soll, stehen die Nebendarsteller:innen gegenüber, die jeden Morgen wie Roboter im Gleichschritt aus ihren tristen Plattenbauten zum Filmstudio aufbrechen.


Haben letztere freilich noch eine gewisse Funktion, so sind die Outtakes völlig ausgegrenzt. Originell kann die Debütantin dabei den Bogen von Fehlbesetzungen über Figuren mit Filmfehlern bis zu schwarzweißen Figuren, die man in Zeiten des Farbfilms ganz herausgeschnitten hat, spannen. Gleichzeitig weckt das Eintauchen in die Welt der Outtakes bei Paula freilich auch die Frage, ob es sich bei dem immer wieder erwähnten großen Massaker wirklich um ein Verbrechen handelt oder ob es doch ein Aufstand der entrechteten und unterdrückten Outtakes gegen die Elite war.


So erzählt "The Ordinaries", verpackt in diese Filmwelt, die teilweise mit Kostümen und Kulissen an die 1950er Jahre erinnert, andererseits mit dem monumentalen Betonbau des Studios futuristisch wirkt, auch eine klassische Selbstfindungsgeschichte der Protagonistin. Paula kommt nämlich nicht nur der Geschichte ihres Vaters auf die Spur, sondern legt auch die ihr von außen vorgegebene Identität langsam ab und entdeckt ihr wahres Wesen.


Mit der Spaltung dieser Filmwelt und der Selbstfindung Paulas entwickelt sich "The Ordinaries" aber auch zum entschiedenen Plädoyer gegen Ausgrenzung und Diskriminierung und für die Wertschätzung des Individuums und den ihm jeweils eigenen Qualitäten. Damit einher geht auch eine Kritik an künstlich generierten Emotionen und ein Plädoyer für Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit.


"The Ordinaries" sprüht dabei von einem Einfallsreichtum und einer Originalität, die an die Filme Jean-Pierre Jeunets oder Michel Gondrys erinnern. Lustvoll spielt Linnenbaum in ihrem mit viel Liebe zum Detail gestalteten Debüt mit den unterschiedlichen Milieus von Haupt-, Nebendarsteller:innen und Outtakes ebenso wie mit Filmfehlern oder Nebenfiguren, deren Münder verpixelt sind, weil ihnen die Sprache geraubt wurde, aber auch mit schwarzweißen Figuren, deren Gesichtern jede Farbe entzogen ist, oder dem Stummfilm.


Nicht zu übersehen ist aber auch, dass dieses ausufernde und lustvolle metafilmische Spiel die Figurenzeichnung doch etwas in den Hintergrund drängt und man kaum richtige Leidenschaft für die Protagonistin entwickelt. Etwas zu leichtgewichtig und plakativ kommt so letztlich auch die gesellschaftskritische Botschaft daher, aber viel frischen Wind und eine erfreulich verspielte und originelle Note bringt Linnenbaum mit diesem Debüt auf jeden Fall in den deutschen Film.

The Ordinaries Deutschland 2022 Regie: Sophie Linnenbaum mit: Fine Sendel, Jule Böwe, Henning Peker, Sira-Anna Faal, Noah Tinwa, Denise M’Baye, Pasquale Aleardi Länge: 120 min.


Läuft derzeit in den deutschen und österreichischen Kinos. - TaSKino Feldkirch im Kino GUK: 1.5. bis 5.5.


Trailer zu "The Ordinaries"




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