• Walter Gasperi

Über den Todespass - The Far Country


Fünf Western drehte Anthony Mann zwischen 1950 und 1955 mit James Stewart und definierte das Genre damit neu. Bei Koch Films ist das im Alaska der Goldgräberzeit spielende Meisterwerk auf Blu-ray erschienen.


Dem dramatischen deutschen Titel steht ein prosaischer Originaltitel gegenüber, der freilich Anthony Manns 1954 entstandenes Meisterwerk weit besser trifft. Denn von einem Todespass ist im Film nie die Rede, sondern vom "White Pass", wohl aber bestimmt ein Treck durch das weite Alaska die Handlung. Metaphorisch kann man das "far" freilich auch als Sehnsucht nach einer idyllischen Welt lesen, von der sich die Menschheit durch Gier und Kapitalismus weit entfernt hat.


Im Gegensatz zu klassischen Western spielt "The Far Country" auch nicht zwischen dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs und den 1880er Jahren, sondern vielmehr erst 1896. Verlagert hat sich hier auch die zivilisatorische Grenze vom Westen in das nördlich gelegene Alaska.


An die Stelle der weiten Prärie und der Felslandschaft in "Winchester 73", "Bend of the River" ("Meuterei am Schlangenfluss") und "The Man from Laramie" tritt damit eine von hohen, von Schnee und Gletschern bedeckten Bergen bestimmte lebensfeindliche Landschaft. Jeff Webster (James Stewart) möchte hier mit seinem Kumpel Ben (Walter Brennan) durch den Verkauf einer Viehherde genug verdienen, um sich in Utah eine Ranch kaufen zu können.


Nur mit knapper Not kommt er in Seattle aber auf das Schiff, das ihn nach Skagway, Alaska bringen soll, denn seine Begleiter auf dem Viehtreck von Wyoming an die Westküste werfen ihm vor, zwei Männer ermordet zu haben. Er freilich rechtfertigt sich damit, dass diese ihm die Herde stehlen wollten, doch offen bleibt, ob sie sich in Wirklichkeit nicht nur seiner brutalen Herrschaft widersetzt haben.


Immer wieder macht dieser Westerner klar, dass er nur sich vertraut, niemandem helfen will und er für niemanden den Kopf hinhält. Ein ebenso klassischer wie rücksichtsloser Einzelgänger ist dies, der sich in Skagway auch nicht von Richter Gannon (John McIntire), der im Saloon am Pokertisch seine Urteile fällt und kurzerhand Jeffs Herde beschlagnahmt, einschüchtern lässt.


Herrscht hier das Recht des Stärkeren, mit dem sich die Saloonbesitzerin Ronda (Ruth Roman) arrangiert hat, so lebt jenseits des White Pass und der kanadischen Grenze in Dawson die kleine Goldgräbergemeinschaft zwar in bescheidenen Verhältnissen, aber in gutem Einvernehmen. Wie sich auch hier der Kapitalismus ausbreitet, zeigt sich als zunächst Ronda ankommt und mit einem neuen Saloon die lokale Händlerin langsam verdrängt. Bald trifft aber auch Gannon ein, der sich mit seinen Revolvermännern der Minen der einfachen Leute bemächtigen will.


Mag der temporeiche Beginn noch von Humor durchzogen sein, so wird "The Far Country" mit Fortdauer zunehmend düsterer und bitterer. Unbeteiligt sieht Jeff lange dem Terror Gannons und seiner Bande zu, greift auch nicht ein als der mit ihm befreundete Sheriff gedemütigt wird.


Kein Interesse zeigt er am Traum der Bewohner von Kirche, Schule und Gericht, sondern überlässt sie sich selbst, bis er – wie die Protagonisten in "Bend of the River" und "The Man from Laramie" - schwer verwundet wird und endlich Position bezieht. Ausführlich widmet sich Ines Bayer in ihrer großartigen Monographie "Anthony Mann. Kino der Verwundung" diesen gebrochenen Helden.


In der rauen Landschaft spiegelt sich der Charakter von James Stewarts Figur, über dessen Vergangenheit, die ihn wohl prägte, man nichts erfährt. Auch ist das keine offene Landschaft, die im klassischen Western oft für die Zukunft und deren Möglichkeiten steht, sondern vielmehr eine beklemmend steile und kalte Bergregion. Hier gibt es nichts zu holen und zunächst hoffnungsvolle Siedlungen pervertieren durch Goldfunde in Orte der rücksichtslosen Geschäftemacherei und des Verbrechens.


Das Klingeln des Glöckchens am Sattel von Stewarts Pferd kann man als Hoffnung auf ein besseres Leben und die Farm in Utah lesen und wie am Ende von "Winchester 73" der Blick auf das am Sattel befestigte begehrte Gewehr steht, so hier der auf das Glöckchen. Offen und wenig zuversichtlich ist aber trotzdem auch hier das Ende. Zwar hat sich die Zivilgesellschaft unter Stewarts Führung gegen den Kapitalisten erhoben, doch ob sich der Traum von einer friedlichen Gemeinde wirklich erfüllt, bleibt offen. Schwer kann man sich auch vorstellen, dass Stewart an der Seite der jungen Französin Renee, die kaum dem Teenager-Alter entwachsen ist, glücklich werden kann. Mehr hat ihn unübersehbar Ronda interessiert, obwohl diese auf Seiten der Mächtigen und des Kapitals stand.


An Sprachversionen verfügt die bei Koch Films erschienenen Blu-ray und DVD, bei der die Transferversion von 2010 und von 2019 angeboten werden, über die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie über Untertitel in diesen beiden Sprachen. Die Extras umfassen neben dem Kinotrailer, Filmposter und einer Bildergalerie ein Vergleich der beiden Transferversionen.

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Trailer zu "The Far Country - Über den Todespass"