• Walter Gasperi

Anthony Mann – Kino der Verwundung: Ein Filmbuch, das restlos begeistert

Aktualisiert: 27. Mai 2019


Anthony Mann (1906 - 1967) prägte nicht nur den Western der 1950er Jahre entscheidend, sondern drehte auch düstere Film noirs und spektakuläre Epen wie „El Cid“. – Erstmals ist jetzt in deutscher Sprache bei Bertz + Fischer in der Reihe Deep Focus eine Monographie über Mann erschienen. – Ines Bayer gelang ein Glanzstück moderner Filmliteratur.


„Super-Mann“ titelte Jean-Luc Godard 1959 seine Rezension zu Anthony Manns Western „Man of the West“. Mehr auf den Regisseur als auf den gebrochenen Protagonisten bezieht sich dieser Titel, gleichwohl kann man vom Namen des Regisseurs eine Verbindung zu seinem Werk ziehen, denn Männerfilme drehte Anthony Mann – ein Dossier mit Porträt und Filmrezensionen finden Sie hier - und immer wieder kam das auch im Titel zum Ausdruck von „Man of the West“ über „The Man from Laramie“, „Men in War“ und „T-Men“ bis zu „The Glenn Miller Story“ und „El Cid“.


Im glorreichen Filmjahr 1906 geboren, in dem unter anderem auch Luchino Visconti, Roberto Rossellini, Billy Wilder, Wolfgang Staudte, Carol Reed und John Huston das Licht der Welt erblickten, stand Anthony Mann in Hollywood doch immer etwas im Schatten seiner Kollegen. Irgendwie saß er zwischen den Stühlen, gehörte nicht zu den alten Meistern wie John Ford, Howard Hawks und Raoul Walsh, aber auch nicht zu den wagemutigen jüngeren Kollegen wie Nicholas Ray, Samuel Fuller und Robert Aldrich.


Entdeckt wurde er in den 1950er Jahren von den jungen Kritikern der Cahiers du Cinéma, gewürdigt wurde er später vor allem von Männern wie Wim Wenders. So entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass schon die bis heute einzige relevante englischsprachige Monographie mit Jeanine Basinger von einer Frau verfasst wurde und nun auch für die erste deutschsprachige Monographie mit Ines Bayer eine Frau verantwortlich zeichnet.


Allein ein Blick ins Literaturverzeichnis macht schon deutlich, wie fundiert und akribisch die promovierte Filmwissenschaftlerin hier gearbeitet hat: Neun Seiten umfasst dieses und hochgerechnet etwa 350 Buch- und Zeitschriftentitel. Im Text schlagen sich diese in rund 750 Fußnoten nieder.


Die Literatur zu sichten ist das eine, sie aber in die eigene Darstellung so einzuflechten, dass ein bruchlos dahinfließendes Buch entsteht, jedes Zitat perfekt gesetzt ist, ein anderes. Dass jahrelange Arbeit in dieser Publikation steckt, ist nicht zu übersehen, nie aber spürt man es, sondern wunderbar leicht ist Bayers Darstellung zu lesen, wird nie akademisch trocken oder theorielastig, sondern ist immer konkret und nah an den Filmen.


Bestechend ist auch der Aufbau des Buches mit den zwei großen Blöcken „Der Mann“ und „Die Filme“. Arbeitet Bayer im ersten Abschnitt ausführlich und anschaulich typische Merkmale von Manns Stil und seine zentralen Themen heraus, so werden im zweiten Abschnitt die Filme nicht nach Entstehungszeit geordnet, sondern nach Genrezugehörigkeit geblockt analysiert und gleichzeitig in den filmhistorischen Kontext eingebettet.


Im Zentrum stehen dabei freilich die großen Western von „Winchester 73" (1950) über „Bend of the River“ (1952) und „The Naked Spur“ (1953) bis zu „The Man from Laramie“ (1955) und „Man of the West“ (1958). Statt zu werten beschreibt Bayer ungemein präzise und arbeitet so eindringlich Manns pessimistische Weltsicht und seine Fokussierung auf gebrochenen und zerrissenen – oder wie der Buchtitel ankündigt „verwundeten“ Männern – heraus.


Auch die Bedeutung von Mitarbeitern wie Kameramann John Alton, Drehbuchautor Philip Yordan oder James Stewart, der in acht Filmen Manns die Hauptrolle spielte, sowie von Samuel Bronston, der die Epen „El Cid“ (1961) und „The Fall of the Roman Empire“ (1964) produzierte, wird ausführlich gewürdigt, ehe die Autorin abschließend anhand des Kriegsfilms „Men in War“ (1957) nochmals komprimiert zentrale Themen von Manns Œuvre zusammenfasst.


So wirkt diese Monographie letztlich wie Manns Filme: sehr physisch und direkt in den detailreichen Filmbeschreibungen, konzentriert, stringent und schlüssig und in jedem Detail sauber gearbeitet. Und auch die Bebilderung dieses 30. Bands der Reihe Deep Focus lässt nichts zu wünschen übrig, überzeugt durch hohe Qualität und lockert durch ausgewogenes Verhältnis zum Text die Lektüre auf. – Ein Meisterstück moderner Filmliteratur und ein echter Lesegenuss.

Ines Bayer, Anthony Mann. Kino der Verwundung, Deep Focus 30, Bertz + Fischer Verlag, Berlin, 304 Seiten, 16 Farbseiten, 176 Fotos, € 36, ISBN 978-3-86505-333-6



"Winchester 73" ist vor kurzem bei WVG auf Blu-ray erschienen, "The Man from Laramie" ist bei Koch Media auf DVD und Blu-ray erschienen (Rezension folgt demnächst) und "The Far Country - Über den Todespass" wird von Koch Media schon seit längerem angekündigt, allerdings wird der Erscheinungstermin immer wieder verschoben.