• Walter Gasperi

Der Mann aus Laramie


Anthony Mann verknüpft in seinem 1955 gedrehten Western eine klassische Rachegeschichte mit einer Vater-Sohn-Geschichte. Bei Explosive Media ist der vielschichtige und dicht gewobene Film auf Blu-ray erschienen.


Es ist ein typischer Auftakt eines Western: Ein kleiner Treck mit drei Planwagen zieht durch eine Halbwüste. Der Anführer ordnet einen Stopp an. Er kennt die Gegend genau und findet hier sogleich die Reste eines überfallenen Trupps der Kavallerie. Nicht so sehr die Lieferung der Waren, die er in den Wagen mitführt, als vielmehr die Suche nach dem Mörder seines kleinen Bruders, der bei diesem Überfall umkam, weil jemand den Apachen Repetiergewehre lieferte, führt diesen Will Lockhart (James Stewart) in diese Gegend.


Bald kommt der Treck in ein Westernstädtchen. Ruhig und zivilisiert wirkt dieses Coronado mit seiner steinernen Kirche, dem Neben- und Miteinander von Weißen und den schon christianisierten Pueblo-Indianern und dem von der jungen Barbara Waggoman (Cathy O´Donnell) geführten Laden. Saloon scheint es hier keinen zu geben, auch der Sheriff spielt nur eine untergeordnete Rolle, tritt nur zweimal in Szene um Lockhart zu verhaften bzw. zu warnen.


Nicht innerhalb der Stadt gibt es hier Konflikte, sondern außerhalb auf und um die riesige Ranch von Alec Waggoman (Donald Crisp) aufgrund des Jähzorns von dessen Sohn Dave (Alex Nicol). Diesen bekommt Lockhart erstmals zu spüren, als er bei einem vermeintlich freien Salzsee Salz für die Rückfahrt lädt. Dave beschuldigt Lockhart des Diebstahls, zündet dessen Wagen an und erschießt die Maultiere.


Alle fordern Lockhart zwar immer wieder auf – in der Häufung fast schon ein Running Gag - die Stadt zu verlassen und nach Laramie zurückzukehren, doch nun ist er erst recht nicht dazu bereit. Er bleibt auch, nachdem Alec Waggoman ihm eine Entschädigung für seinen Verlust gezahlt hat, und nimmt einen Job als Vorarbeiter auf der kleinen Farm der alten Kate Canaday an.


Die Rachegeschichte tritt so bald in den Hintergrund, viel Raum lassen Anthony Mann und seine Drehbuchautoren Philip Yordan und Frank Burt dafür der Familiengeschichte der Waggomans. Da erzählt Mann von einem alten Patriarchen, der einst dieses Imperium aufbaute, sich aber bewusst ist, dass nicht nur seine Zeit, sondern auch die, als das Recht des Stärkeren galt, vorüber ist. An antike Mythen erinnert dabei sein wiederkehrender Traum von der Ankunft eines Fremden, der seinen Sohn töten wird ebenso wie das Beziehungsdreieck zwischen ihm, seinem Sohn und seinem wie ein zweiter Sohn behandelten Vorarbeiter Vic.


Hellsichtig sieht der alte Rancher nämlich, dass sein verwöhnter leiblicher Sohn Dave nicht in der Lage sein wird, die Ranch vernünftig zu führen und stellt diesem deshalb seinen Vorarbeiter Vic (Arthur Kennedy) quasi als Aufpasser zur Seite. Vic erhofft sich dafür freilich auch wieder am Erbe gleichberechtigt beteiligt zu werden, während Dave voll Argwohn auf diesen Ziehsohn schaut. Weiteres Spannungsfeld baut Mann über Barbara Waggoman auf, die mit Vic verlobt ist, aber langsam auch Gefühle für Lockhart entwickelt.


Ruhig und entspannt, aber dicht gewoben und konzentriert entwickelt Mann in seinem ersten Cinemascope-Film die Handlung. Wie auch in seinen anderen Western spielt auch hier die Gier als Wurzel des Bösen eine zentrale Rolle, geschickt baut er aber auch immer wieder Szenen ein, in denen die Zerrissenheit James Stewarts spürbar wird. Das wird schon am Beginn deutlich, wenn sein Kumpel Charlie über ihn feststellt, dass er doch eigentlich nicht der Typ für eine Rache sei. – Was für ein Mensch jemand wirklich ist, kann man bei Mann kaum je wissen, auch die Einschätzung von Vic wird sich im Laufe des Films ändern.


Nichts weist jedenfalls in dieser achten und letzten Zusammenarbeit von Mann und James Stewart auf eine Schuld Lockharts hin, auch der Titelsong, stellt ihn als netten Mann dar, dennoch wird er in diesem Film größten Bestrafungen ausgesetzt, die schon zum Vergleich mit dem biblischen Hiob führten. Wenn seine Wagen angezündet und seine Maultiere erschossen werden, spürt man die Ohnmacht und Wut dieser Figur allein schon am Gesichtsausdruck von James Stewart, und unerträgliche Schmerzen folgen später, wenn ihm aus nächster Nähe die Hand durchschossen wird.


In seiner Härte weisen diese Szenen schon auf den Italo-Western voraus, doch werden diese hier nicht durch barocke Inszenierung überhöht und sind auch kein Einzelfall, sondern ziehen sich durch die Western dieses Regisseurs. Immer wieder sind nämlich die Protagonisten bei Anthony äußerlich und innerlich verwundet, wie das auch Ines Bayer in ihrer großartigen Monographie „Anthony Mann – Kino der Verwundung“ detailliert herausarbeitet. Echtes Happy-End kann es folglich auch in "Der Mann aus Laramie" nicht geben, sondern offen bleibt der Schluss, spielt dem Zuschauer die Aufgabe zu, die Geschichte nach seinen Vorstellungen weiter zu denken.


An Sprachversionen bietet die bei Explosive Media erschienene Blu-ray die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie Untertitel in diesen beiden Sprachen. Die Extras beschränken sich auf diverse Trailer sowie eine Bildergalerie.


Trailer zu "Der Mann aus Laramie"


Links:

Ines Bayer, Anthony Mann - Kino der Verwundung (Filmbuch-Besprechung)

Anthony Mann - Porträt und DVD-Rezensionen

Winchester 73 (DVD-Rezension)