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  • AutorenbildWalter Gasperi

Zwischen Begehren und Vernunft: Jane Campion


Jane Campion (geb. 1954) (c) New Zealand Government, Office of the Governor-General

Mit "The Piano" gewann die am 30. April 1954 in Wellington geborenen Neuseeländerin Jane Campion als erste Frau und erste Künstlerin ihres Kontinents überhaupt 1993 die Goldene Palme von Cannes. Das Kinok St. Gallen zeigt im März mit Ausnahme des meisterhaften Post-Western "The Power of the Dog" alle sieben Kinofilme der zweifachen Oscar-Preisträgerin.


Neben Kurzfilmen nur acht lange Spielfilme und zwei Staffeln der Miniserie "Top of the Lake" (2013 und 2017) umfasst das Werk Jane Campions. Im Mittelpunkt stehen dabei zumeist Frauen, die vielfach gegen den Widerstand der Gesellschaft für ihre Lebensentwürfe kämpfen. Dies kann im 19. Jahrhundert wie in "The Piano" (1993), der Henry James-Verfilmung "The Porträt of a Lady" (1996) oder "Bright Star" (2009) ebenso spielen wie in der Gegenwart wie in dem Psychothriller "In the Cut" (2003) oder der auf Tatsachen beruhenden Entwicklungsgeschichte "An Angel at My Table" (1990).


Geboren in eine Theaterfamilie wollte sich Campion von diesen Wurzeln lösen. Nach einem Studium der Anthropologie studierte sie in London und Sidney Kunst mit dem Schwerpunkt Malerei, ehe 1981 bis 1984 eine Regieausbildung an der Australian Film, Television and Radio School folgte. Speziell die Ausbildung in Malerei hat Campions Filme sichtlich geprägt, denn Farben spielen bei ihr immer eine große Rolle, kehren die Gefühlswelt der Protagonist:innen nach außen und wie Gemälde wirken viele Einstellungen.


Schon mit ihren Kurzfilmen machte sie international auf sich aufmerksam und gewann 1986 mit "Peel"» in Cannes den Kurzfilmpreis. Ihren ersten Langspielfilm drehte sie 1989 mit "Sweetie", auf den ein Jahr später mit "An Angel at My Table" folgte, mit dem sie die Lebensgeschichte der neuseeländischen Schriftstellerin Janet Frame verfilmte, die wegen ihren Unkonventionalität als schizophren diagnostiziert und acht Jahre in die Psychiatrie gesperrt wurde.


In eine fremde und feindliche Umwelt wird auch die seit ihrem sechsten Lebensjahr stumme Ada (Holly Hunter) in "Das Piano" (1993) geworfen. Aus dem England des 19. Jahrhundert wird sie von ihrem Vater mit einem ihr unbekannten Neuseeländer verheiratet. Mit ihrer unehelichen Tochter (Anna Paquin) und ihrem Piano, mit dem Ada ihre Gefühle ausdrückt und gleichzeitig auch ihre Individualität in dieser von Männern dominierten Gesellschaft bewahrt, reist sie ans andere Ende der Welt. Während sie hier zu ihrem Mann (Sam Neill), der ihr Klavierspiel ablehnt, keine Gefühle entwickeln kann, verliebt sie sich in dessen Freund Baines (Harvey Keitel).


Campion lässt nicht nur englische Kultur auf neuseeländische Natur prallen, sollen stellt der kalten Vernunftehe auch die wachsende Leidenschaft gegenüber. Wie hier Ada sich von ihrem Mann zunehmend emanzipiert, sich für die große Liebe entscheidet und um ihre Selbstständigkeit zu kämpfen beginnt, so stehen die Frauenfiguren Campions oft zwischen Vernunft und erwachendem Begehren und entscheiden sich erst nach langen inneren Kämpfen für die Liebe.


Dies gilt auch für die Schneiderin Fanny Browne, die sich in dem ebenfalls im 19. Jahrhundert spielenden "Bright Star" (2009) in den armen romantischen Dichter John Keats verliebt. Lange hält sie sich zurück, auch weil ihre Mutter, die an die materielle Sicherheit der Tochter denkt, gegen die Beziehung ist, doch immer stärker werden die Gefühle.


Ganz auf das Paar fokussiert Campion und kehrt wie in "The Piano" in meisterhaft komponierten Bildern und einer ausgefeilten Farbdramaturgie die Gefühlswelt der Protagonistin nach außen. Leise, aber mit größtem Feingefühl zeichnet sie in diesem wunderbar runden und zeitlosen Meisterwerk die Entwicklung dieser Beziehung nach und vermittelt eindringlich und ohne jeden Anflug von Kitsch die Tiefe der Gefühle.


Im Gegensatz zu Fanny entscheidet sich die von Nicole Kidman gespielte Protagonistin der Henry James-Verfilmung "The Portrait of a Lady" (1996) zunächst für die Vernunft und hört nicht auf ihre Gefühle. Bittere Erfahrungen muss sie folglich in der Ehe machen, bis sie erkennt, wen sie wirklich geliebt hat, und aus ihrem Ehegefängnis ausbricht.


Die Frage der Selbsterkenntnis wirft Campion dabei im Spiel mit Spiegeln auf und schlägt den Bogen vom New York des 19. Jahrhunderts zur Gegenwart, wenn sie mit Aufnahmen heutiger Mädchen und Frauen andeuten will, dass sich an der Liebesproblematik für Frauen bis heute nichts geändert habe.


Zwischen Vernunft und Leidenschaft pendelt auch die Lehrerin Frannie (Meg Ryan) in dem sinistren Thriller "In the Cut" (2003), der in ein verdrecktes und dunkles New York der Gegenwart entführt. Während ihre Halbschwester von einem Männerabenteuer ins nächste stürzt, lebt Frannie allein. Doch im Verborgenen schlummert in ihr ein großes sexuelles Bedürfnis. Als sie dem Polizisten Malloy begegnet, verfällt sie ihm, lebt mit ihm ihre Sexualität aus, obwohl sich der Verdacht verstärkt, dass er ein Frauenmörder ist. Und auch in der TV-Miniserie "Top of the Lake" (2013/2017) lauern Abgründe hinter der majestätischen neuseeländischen Natur.


Auf einer abgelegenen Farm in den Weiten des ländlichen Montanas des Jahres 1925 spielt dagegen "The Power of the Dog" (2021), mit dem Campion zwölf Jahre nach "Bright Star" wieder einen Spielfilm vorlegte. In einem männlich dominierten Western-Setting hinterfragt die Neuseeländerin in dieser Verfilmung von Thomas Savages 1967 erschienenem Roman klassische Rollen- und Geschlechterbilder und erzählt, unterstützt von einem herausragenden Ensemble, wiederum intensiv und beklemmend von Gefühlen, die auf Dauer nicht unterdrückt werden können. – Neu ist freilich, dass hier ein Mann seine sexuelle Identität unterdrückt, da diese nicht in sein Weltbild und seine Vorstellung eines Mannes passt.


Für Netflix hat Campion diesen Film gedreht, doch Kompromisse musste sie dabei keine machen. Während ihre Protagonist:innen ihre Freiheit erkämpfen, hat die Neuseeländern selbst sich diese immer bewahrt und nie Angebote aus Hollywood angenommen. Gespannt sein darf man so, wie es nach dem weiblichen Blick auf Männlichkeit in "The Power of the Dog" weitergehen wird und hoffen darf man, dass man nicht wieder zwölf Jahre auf den nächsten Film warten muss.


Weitere Informationen und Spielzeiten finden Sie hier.


Video "The Films of Jane Campion"


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