• Walter Gasperi

Wanda, mein Wunder


Als die polnische Pflegerin des Seniorchefs eines Schweizer Unternehmers schwanger wird, kommt es zu familiären Spannungen und Rissen. – Ebenso treffend wie bissig blickt Bettina Oberli auf die Situation von Pflegerinnen und das Gefälle zwischen reichen Arbeitgebern und Angestellter, doch im zweiten Teil verliert die Komödie nicht nur an Schwung, sondern wird auch allzu versöhnlich. Unterhaltsam bleibt es dank eines lustvoll aufspielenden Ensembles dennoch.


Sehnsüchtig wartet der 70-jährige Unternehmer Josef Wegmeister-Gloor (André Jung), der seit einem Schlaganfall nicht mehr gehen kann, auf die Rückkehr der jungen polnischen Pflegerin Wanda (Agnieszka Grochowska). Seine Frau Elsa (Marthe Keller) interessiert ihn kaum, doch Wanda ist für ihn ein Engel. Sie kümmert sich nicht nur fürsorglich um ihn, sondern erfüllt auch gegen Zusatzbezahlung sexuelle Wünsche.


Josefs Frau sieht in Wanda dagegen nur eine billige Arbeitskraft, die sie gleich auch noch als Küchenhilfe und Putzfrau einspannen kann. Untergebracht wird sie in der geräumigen Villa am Zürichsee, die weitgehend der einzige Schauplatz des Films ist, folglich auch in einem ziemlich schäbigen Kellerloch.


Zur Familie gehören auch noch Sohn Gregor (Jakob Matschenz), der lieber ausgestopfte Vögel sammelt, als sich um die Firma zu kümmern, sowie Tochter Sophie (Birgit Minichmayr), eine scheinbar erfolgreiche, taffe Geschäftsfrau, und ihr Mann Manfred (Anatole Taubman). Während Gregor Wanda heimlich liebt, macht Sophie kein Hehl aus ihrer Geringschätzung der Polin.


Mutter Elsa wiederum tut nach außen so, als ob sie ihren Mann selbst pflegt und versucht die Präsenz Wandas in der Öffentlichkeit zu verheimlichen. Als Wanda fälschlicherweise eines Diebstahls bezichtigt wird, reist sie erbost ab, kehrt aber einige Monate später sichtlich schwanger zurück. Doch weniger das ist das Wunder des Titels, als vielmehr dass Josef, erfreut über die Nachricht, plötzlich wieder gehen kann.


Temporeich ist dieses erste von drei Kapiteln inszeniert. Herrlich bissig ist Bettina Oberlis Blick auf das Verhältnis zwischen Schweizer Familie und ihrer polnischen Pflegerin. Treffsicher sind die Dialoge, genau der Blick für Details.


Mit der Rückkehr Wandas rücken aber die familiären Spannungen ins Zentrum. Die Schwangerschaft fungiert als Katalysator, um Animositäten und Risse in den Beziehungen aufzudecken. Ehekonflikte zwischen Josef und seiner Frau brechen durch, Wanda wird beschimpft, und auch bei den Kindern brennen die Sicherungen durch, ehe doch wieder eine scheinbar für alle vorteilhafte Lösung gefunden wird.


Deutlich an Schwung und an Biss verliert "Wanda, mein Wunder" in diesem zweiten Teil. balanciert auf dem schmalen Grat von Komödie und Drama und arbeitet auch mit Klamauk, wenn eine Kuh ins Spiel kommt. Die Geldgier der Familie, die sich Sorgen ums Erbe macht, deckt Oberli ebenso lustvoll auf, wie zunächst mit Wandas Telefonaten mit Kindern und Eltern in Polen und später mit der Ankunft ihrer Familie in der Schweiz den West-Ost-Culture-Clash.


Zunehmend versöhnlich und lockerer wird der Ton dabei, gefühlvoll wird es mit der Frage nach nicht erfülltem Kinderwunsch auf der einen und Muttergefühlen auf der anderen Seite. Entschlossen den bissigen Blick bis zum Ende durchzuziehen, hatte nicht geschadet, aber sichtlich will Oberli nicht wirklich anecken und beunruhigen, sondern zwar kleine gesellschaftskritische Spitzen setzen, insgesamt aber doch Wohlfühlkino fürs breite Publikum bieten.


Zu glatt und auch weichgespült wirkt "Wanda, mein Leben", der wie ein Parallelfilm zu dem vor kurzem gelaufenen "Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen" aussieht, damit in der zweiten Hälfte. Dennoch bleibt diese Kömödie dank eines lustvoll aufspielenden Ensembles bis zum Ende unterhaltsam. Eine Paraderolle für Marthe Keller ist die großbürgerliche Mutter, die herrlich böse zu Wanda sein kann, gegen Ende aber auch zartere Seiten zeigt. Ihr steht Birgit Minichmayr als Sophie nicht nach, spielt diese Tochter als noch arroganter als ihre Mutter, legt aber zunehmend auch die Frustration offen, die sich hinter der gefühlskalten Oberfläche verbirgt und kann Mitleid erregen.


Stark sind auch André Jung als Patriarch, der neue Lebensfreude entwickelt und Anatole Taubman gefällt es als Sophies Mann sichtlich bei seinen kurzen Auftritten Gift zu versprühen und fiese Pläne zu entwickeln. Etwas blass bleibt dagegen Jacob Matschenz als Sohn Gregor, dessen Wandlung wenig nachvollziehbar bleibt, während die Polin Agnieszka Grochowska als Wanda auch die materiellen Zwänge der Pflegerin und die emotionale Belastung durch die Trennung von ihren Kindern eindrücklich vermittelt.


Wanda, mein Wunder

Schweiz 2020 Regie: Bettina Oberli mit: Agnieszka Grochowska, Marthe Keller, André Jung, Birgit Minichmayr, Jacob Matschenz, Anatole Taubman Länge: 110 min.


Läuft in den österreichischen und deutschen Kinos, z.B. im Kino Rio in Feldkirch

Spielboden Dornbirn: 8.2. + 19.2. - jeweils 19.30 Uhr

Trailer zu "Wanda, mein Wunder"