• Walter Gasperi

Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen


Eine junge Pflegerin aus der Ukraine kommt nach Deutschland, um sich um einen dementen Mann zu kümmern, wird aber bald in die familiären Spannungen hineingezogen: Kein realistisches Alzheimer-Drama, aber eine berührende Tragikomödie, die differenziert und treffend die schwierige Situation von – vorwiegend osteuropäischen – Pfleger*innen schildert.


Beklemmend versetzte Florian Zeller in seinem Drama "The Father" in die Perspektive eines dementen Mannes. Wenig hat Nadine Heinzes und Marc Dietschreits Regiedebüt damit zu tun, denn ausgesprochen weichgespült fällt hier die Schilderung der fortschreitenden Krankheit auch aufgrund des zwar vorzüglichen, aber doch auch sehr warmherzigen und humorvollen Spiels von Günther Maria Halmer aus, der nur ganz selten in Wut und Aggression ausbricht. Auch wenn er in seiner ukrainischen Pflegerin Marija (Emilia Schüle) bald nur noch seine vor Jahren verstorbene Frau Marianne sieht, sorgt dies doch nie für wirklich bedrückende, sondern für gefühlvoll zwischen Ernst und Humor balancierende Szenen.


Dass nicht der pflegebedürftige Curt, sondern seine Pflegerin Marija im Zentrum steht, macht freilich schon der Einstieg mit ihrer Busfahrt von der Ukraine nach Deutschland deutlich. Wie sie – und ihre Kollegin – dabei der Anmache durch mitreisende Männer ausgesetzt ist, so wird es am neuen Arbeitsplatz bald zu Reibereien mit Curts kontrollsüchtiger Tochter Almut (Anna Stieblich) kommen.


Jahrelang hat sie sich um ihren Vater gekümmert. Misstrauisch steht sie jetzt der ebenso jungen wie hübschen Ukrainerin gegenüber und gibt ihr genaue Anweisungen. Wenig Verständnis zeigt sie für Marijas Frage nach Wlan, erklärt ihr gleich, dass vom Festnetzanschluss keine Auslandstelefonate erlaubt sind, sie keine Personen einladen, nur auf der Terrasse rauchen und den Vater ja nie allein lassen dürfe.


Auch Curt reagiert zunächst abweisend auf die Pflegerin, doch langsam kommt Bewegung ins Beziehungsgefüge. Denn während Almut ihren Vater immer nur einschränkte und ihm genaue Regeln vorgab, geht Marija zunehmend offen und liebevoll auf ihn zu, versucht seine Bedürfnisse und Wünsche zu erfüllen. Bald führt das zu einem Konflikt, doch bevor dieser eskaliert, verschwindet Almut. Was mit ihr passiert ist, klärt sich erst spät auf, doch Marijas fürsorglicher Umgang lässt Curt langsam aufblühen, gemeinsam mit seiner Pflegerin in der Liege am Pool Drinks genießen und auch wieder den alten Mercedes aus der Garage holen.


Doch alles kann Marija nicht allein bewältigen, sodass sie sich gezwungen sieht Curts Sohn Philipp (Fabian Hinrichs), der sich nie um den Vater gekümmert hat, anzurufen und um Hilfe zu bitten. Als dieser einen Porsche fahrende Lebemann Marija sieht, ist sein Interesse geweckt und bald kommt er öfters, macht ihr Geschenke, zeigt aber auch bald seine dunklen Seiten.


Differenziert loten Heinze und Dietschreit die Situation von Pfleger*innen aus, zeigen dass nicht ihre Patient*innen, sondern – ähnlich wie in Bettina Oberlis im Januar anlaufendem "Wanda, mein Wunder" - die Angehörigen mit ihrem Misstrauen, ihrer Kontrollsucht, aber auch mit ihren eigenen Ansprüchen ein Problem darstellen. Bissig ist der Blick des Regieduos auf diese Familienmitglieder, während sie einfühlsam die materielle Not vermitteln, die die ehemalige Germanistikstudentin zwang, ihren fünfjährigen Sohn bei der Großmutter in der Ukraine zurückzulassen und diese Arbeit in Deutschland anzunehmen.


Etwas schematisch wechselt der Film zwar zwischen glücklichen Momenten Marijas und herben Rückschlägen, schlägt am Ende auch noch einen Haken in Richtung Slapstick, doch insgesamt treffen Heinze / Dietschreit den richtigen Ton, wechseln leichthändig zwischen berührenden und humorvollen Momenten und versprühen trotz des ernsten Themas nicht zuletzt dank der warmen Herbstfarben, in die diese Tragikomödie getaucht ist, und der von Emilia Schüle ebenso unaufdringlich wie sympathisch gespielten Marija Lebensfreude und Optimismus.


Läuft derzeit in den österreichischen Kinos, z.B. im Cinema Dornbirn


Trailer zu "Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen"