• Walter Gasperi

Viennale 2020: Ein Festival unter besonderen Vorzeichen


Besondere Zeiten verlangen besondere Maßnahmen: Um einige Tage kürzer ist die heurige Viennale (22.10. - 2.11.) und fünf zusätzliche Kinos werden bespielt, um die Abstandsregeln einzuhalten, aber wie gewohnt reichhaltig ist das Programm. – Der Kartenvorverkauf beginnt am 17.10..


Eröffnet wird die heurige Viennale mit dem Spielfilm "Miss Marx", in dem Susanna Nicchiarelli von der jüngsten Tochter von Karl Marx erzählt. Nicht nur im Gartenbaukino wird dieses Biopic dabei gezeigt, sondern parallel in allen Festivalkinos.


Wie gewohnt ist das Programm insgesamt gespickt mit Highlights aus der heurigen Festivalsaison, die sich freilich – was die großen Veranstaltungen betrifft – weitgehend auf Berlin und Venedig beschränkte. Mit "Sheytan Yojud Nadarad" ("There is No Evil") von Mohammad Rasoulov und "Nomadland" von Chloé Zoe werden so die beiden Siegerfilme dieser beiden Festivals in diesem Rahmen ihre Österreich-Premiere feiern. Freuen darf man sich aber auch auf Eliza Hittmans meisterhaftes Abtreibungsdrama "Never Rarely Sometimes Always" oder Kelly Reichardts "First Cow".


Großartiges minimalistisches Kino bieten auch der Taiwanese Tsai Ming-liang mit seinem dialoglosen "Rizi" und der Koreaner Hong Sangsoo mit seinem bei der Berlinale preisgekrönten "The Woman Who Ran". Aber man kann sich auch mit Abel Ferrarars "Siberiade", in dem Willem Dafoe das Alter Ego des Regisseurs spielt, auf einen wilden filmischen Trip einlassen.


Zu den großen Namen zählen auch der Russe Andrei Konchalowsky, der in "Dear Comrades!" von einem Protest gegen Normerhöhungen und steigende Lebensmittelpreis in der Sowjetunion der frühen 1960er Jahre erzählt, und der Däne Thomas Vinterberg, der in "Druk – Another Round" der Alkoholsucht nachspürt.


Bei den Filmfestspielen von Venedig fand der indische Film "The Disciple" ebenso große Beachtung wie "Quo vadis, Aida?", in dem Jasmila Zbanic das Massaker von Srebrenica aufarbeitet. Auch Neues von Francois Ozon fehlt nicht. In dem in den 1980er Jahre spielenden "Été 85" erzählt der Franzose von einer jugendlichen Sommerliebe.


Ein Schwergewicht steht mit Frederik Wisemans fast fünfstündigem "City Hall" auf dem Programm. Der Meister des Institutionenfilms beleuchtet heir am Beispiel Bostons die Herausforderungen moderner Stadtpolitik. Daniel Hoesl und Julia Niemann blicken dagegen in "Davos" auf den Schweizer Kurort im Spannungsfeld zwischen Tradition und Weltwirtschaftsforum. Gianfranco Rosi wiederum widmet sich in seinem neuen Dokumentarfilm "Notturno" kommentarlos dem von Kriegen erschütterten Grenzgebiet der Länder Syrien, Irak, Libanon und Kurdistan.


Eingeladen wird aber auch zu Entdeckungen, für die beispielsweise Camilo Restrepos "Los Conductos" oder "Ma Ma He Qi tian de Shi Jian", in dem Li Dongmei ins chinesische Dorfleben der 1990er Jahre entführt, sorgen sollen.


Nach dem Corona-bedingten Entfall der Diagonale erhält auch der österreichische Film unter dem Titel "Diagonale 2020 – die Unvollendete" einen speziellen Raum. Sechs Lang- und acht Kurzfilme werden in diesem Rahmen gezeigt und auch weitere Österreich-Premieren mit Spannung erwarteter österreichischer Filme stehen beispielsweise mit Tizza Covis und Rainer Frimmels "Aufzeichnungen aus der Unterwelt", Evi Romens Debüt "Hochwald", das gerade beim Zurich Film Festival mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde, oder Hubert Saupers in Kuba gedrehtem Dokumenarfilm "Epicentro" auf dem Programm. Neben diesen brandneuen Produktioen wird unter dem Titel "Austrian Auteurs" mit fünf Filmen aber auch Einblick ins österreichische Filmschaffen der 1970er Jahre geboten.


An den vor zehn Jahren im Alter von 50 Jahren verstorbenen Christoph Schlingensief wird mit einer umfangreichen Werkschau erinnert. Nicht fehlen darf dabei natürlich auch Bettina Böhlers neuer Dokumentarfilm "Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien". Im Gegensatz zu diesem Enfant Terrible der deutschen Film- und Theaterszene gilt es die französische Regisseurin Isabel Pagliai, von der drei Filme gezeigt werden, erst noch zu entdecken.


Filmgeschichte wird aber auch gepflegt mit einer Retrospektive des serbischen Filmemachers Želimir Žilnik sowie des in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Filmmuseum und Sixpack Film organsierten Schwerpunkts "Recycled Cinema", der sich dem Found-Footage Kino widmet.


Weitere Infos unter www.viennale.at


Trailer der Viennale