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  • AutorenbildWalter Gasperi

The Lost King


Stephen Frears zeichnet die Geschichte der Amateurhistorikerin Philippa Langley nach, die 2012 mit ihrem Engagement die Exhumierung der Gebeine des verfemten Königs Richard III. erreichte: Ein starker Stoff, in souveräner Balance von Drama und Witz und mit dem nötigen Human Touch erzählt.


Der Brite Stephen Frears hat das Kino nie revolutioniert, aber er kann souverän Geschichten erzählen und mit dem nötigen Human Touch versehen. Unterstützt wird er dabei freilich auch von seinen Drehbuchautoren Steve Coogan, der auch eine Hauptrolle spielt, und Jeff Pope, die schon für das Drehbuch von "Philomena" (2013) verantwortlich zeichneten.


Wie Coogan / Pope dort den Tatsachenbericht des Journalisten Martin Sixsmith, der sich mit einer 70-Jährigen auf die Suche nach ihrem unehelichen Sohn macht, der ihr als Baby entrissen wurde, adaptierten, so diente ihnen hier Philippa Langleys und Michael Jones´ 2014 erschienenes Buch "The King's Grave: The Search for Richard III." als Vorlage. Beiden Geschichten gemeinsam ist nicht nur, dass sie einen wahren Fall nachzeichnen, sondern auch, dass die Autor:innen jeweils eine Hauptrolle spielen.


Die Kunst Frears und seiner Drehbuchautoren besteht nun darin, nicht nur die Geschichte zu erzählen, sondern sie auch mit starken Figuren zu füllen und beiläufig auch gesellschaftskritische Akzente zu setzen. Ideal besetzt wurde so Philippa Langley mit Sally Hawkins. Mit ihrer hageren Gestalt, dem leicht eingefallenen Gesicht und dem etwas verhuschten Auftreten strahlt sie eine Fragilität aus, sodass man ihr die psychisch angeschlagene, an chronischem Erschöpfungssyndrom leidende Angestellte in jeder Sekunde glaubt.


Mehr angedeutet als ausformuliert werden Scheidung von ihrem Mann (Steve Coogan) und Nichtbeachtung bei einer anstehenden Beförderung in der Firma als Grund für ihre Verfassung. Wenn der Chef der 45-Jährigen eine jüngere und unerfahrene Blondine vorzieht, wird aber schon die Kritik an der Macht der Männergesellschaft spürbar, die sich durch den Film zieht, aber nie aufdringlich präsentiert wird.


Frustriert in Privatleben und Beruf rührt Philippa eine Aufführung von Shakespeares "Richard III.". Mitgefühl entwickelt sie mit dem von Shakespeare als buckeligem und mehrfachem Mörder gezeichneten Usurpator. Als Amateurhistorikerin kauft sie sich Literatur über den letzten König der Plantagenets (1452 - 1485) und beginnt zu recherchieren. Dabei entdeckt sie, dass das auch von der Wissenschaft vertretene einseitig-negative Bild Richards nicht der Wahrheit entspricht, geht doch beispielsweise auch die Verankerung der Unschuldsvermutung als Grundrecht und die Förderung der zur damaligen Zeit verteufelten Druckerpresse auf diesen König zurück.


Immer mehr verbohrt sie sich in den Fall, wohl auch weil sie im verfemten König, der ihr immer wieder persönlich erscheint und mit ihr spricht (Harry Lloyd), auch einen Seelenverwandten sieht. Sie schließt sich der skurrilen "Richard III. Society" an, von der sie wichtige Tipps erhält und macht sich auf die Suche nach dem Grab des Königs, das sie bald unter einem Parkplatz in Leicester vermutet.


Große Verkürzungen nehmen Frears und seine Drehbuchautoren vor, denn die reale Philippa Langley entwickelte schon 1998 ihr Interesse für Richard III. und suchte ab 2004 nach dem Grab des Königs, das dann 2012 gefunden wurde. Erst durch diese Verdichtung des Stoffes gelingt es aber, die unglaubliche und recht schräge Geschichte zu einer runden und geschlossenen Erzählung zu formen und ein Abgleiten in eine anekdotische Szenefolge zu vermeiden.


Gleichzeitig verstehen es Frears, der sich hier nach "The Queen" (2006) zum zweiten Mal mit britischer Königsgeschichte beschäftigt, und Coogan / Pope immer wieder aktuelle Aspekte herauszukitzeln. Wenn Philippa nämlich versucht, die Reputation des Regenten, dessen Image durch Propaganda der feindlichen Tudor-Dynastie über Jahrhunderte diffamiert wurde, zu korrigieren, dann verweist das unübersehbar auch auf die Auswirkungen heutiger Schmutzkübelkampagnen oder Social-Media-Propaganda.


Daneben erzählt "The Lost King" mit Philippa auch die Geschichte eines Underdogs, die gegen eine arrogante Akademiker-Welt ankämpfen muss, schließlich mit Hartnäckigkeit aber ihr Ziel erreicht. Sichtbar wird auf diesem Weg so auch die Macht der männlich dominierten Institutionen und der Opportunismus ihrer Vertreter. Wird die Hobbyhistorikeren zunächst von einem Uni-Professor nur ausgelacht, so will dieser schließlich den Erfolg doch auf seine Fahnen schreiben. Auch ein zunächst skeptischer Archäologe schlägt sich erst auf ihre Seite, als er von offizieller Stelle gekündigt wird und in ihrem Projekt einen Rettungsanker sieht.


Den Vorwurf der Wissenschaftsskepsis kann man "The Lost King" nicht ganz ersparen, wenn Philippas Gefühl und Intuition als zielführender erscheinen als die Ansichten der Experten. Andererseits gewinnt der Film im Finale auch an Biss, wenn der Protagonistin ihr Triumph zumindest teilweise entrissen wird. In ihrem Schicksal spiegelt sich so teilweise die historische Verzerrung Richards III., doch dafür zeichnet sich im Gegenzug in ihrem Privatleben eine positive Entwicklung ab.


Die Kunst dieser Dramödie besteht in Frears leichthändig-souveräner Erzählweiset. Wie aus dem Ärmel geschüttelt wirkt dieser Film, betont nichts besonders, verfügt aber doch über gesellschaftskritischen Biss und hat mit Philippa auch eine Protagonistin, die nicht nur mit ihrer Aufgabe wächst, sondern die man auch zunehmend ins Herz schließt.


The Lost King Großbritannien 2022 Regie: Stephen Frears mit: Sally Hawkins, Steve Coogan, Harry Lloyd, Benjamin Scanlan, Adam Robb, Helen Katamba, Lewis Macleod, Robert Jack, John-Paul Hurley Länge: 108 min.



Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan. - ab 6.10. in den österreichischen und deutschen Kinos.


Trailer zu "The Lost King"


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