• Walter Gasperi

Wanderer zwischen den Welten: Stephen Frears


Stephen Frears (geb. 20.6. 1941)

Große Vielfalt zeichnet das Werk von Stephen Frears aus. Vom kritischen Blick auf die britische Gesellschaft bis zum opulenten Kostümdrama "Dangerous Liaisons" und vom Film noir "The Grifters" bis zum Post-Western "The Hi-Lo Country" spannt sich der Bogen. Das Kinok in St. Gallen widmet dem Briten, der am 20. Juni seinen 80. Geburtstag feiert, im Juni eine Filmreihe.


Sein Jura-Studium brach der Sohn eines Arztes und einer Sozialarbeiterin nach drei Jahren ab und begann als Assistent bei den Free-Cinema-Regisseuren Karel Reisz und Lindsay Anderson. Geprägt hat ihn diese filmische Richtung, die den Blick auf die Unterschicht und das alltägliche Leben richtete, wohl ebenso wie Ken Loach, den er in den 1970er Jahren kennenlernte, als er beim britischen Fernsehen Regie führte.


Erst ein Jahrzehnt später öffneten sich in England mit Gründung des Fernsehsenders Channel Four für Regisseure neue Möglichkeiten. Peter Greenaway drehte Anfang der 1980er Jahre ebenso seine ersten Filme wie Bill Forsyth, Terence Davies, Derek Jarman oder Neil Jordan. Auch Stephen Frears Karriere startete erst in dieser Zeit richtig, obwohl er seinen ersten Kinofilm schon 1971 mit dem Detektivfilm "Gumshoe" gedreht hatte.


Internationale Beachtung fand sein Roadmovie "The Hit" (1984), in dem er von zwei Killern erzählt, die einen Mann von Spanien nach Paris überführen müssen, wo ein Gangsterboss mit ihm abrechnen will. Wird mit diesem Genrefilm schon der Weg ins amerikanische Filmgeschäft vorgezeichnet, so bewies sich Frears mit seiner so genannten "London-Trilogie" auch als genauer Beobachter der Außenseiter der britischen Gesellschaft.


Nach Hanef Kureishis Drehbuch erzählte er in "My Beautiful Laundrette" (1985) von der homosexuellen Liebe zwischen einem jungen Pakistani und einem arbeitslosen weißen Briten. Auf Tatsachen beruht dagegen "Prick Up Your Ears" (1987), der von der Beziehung zwischen dem Dramatiker Joe Orton und seinem Mentor und Lebensgefährten Kenneth Halliwell handelt. Wiederum mit Kureishi arbeitete Frears bei "Sammie and Rosie Get Laid" (1987) zusammen, in dem wieder ein pakistanisch-britisches Paar im Mittelpunkt steht und es wieder um sexuelle Freiheit und Toleranz geht.


Ein Welterfolg gelang Frears mit der Verfilmung von Choderlos de Laclos Briefroman "Les Liaisons dangereuse", die als Frears erste US-Produktion entstand (1988). Spielt dieser opulent ausgestattete Kostümfilm am Vorabend der Französischen Revolution, so drehte er mit seinem zweiten amerikanischen Film "The Grifters" (1990) einen Film noir, der in den USA der Gegenwart angesiedelt ist. Dass Frears es versteht dem Genrekino neues Leben einzuhauchen, bewies er auch mit dem Post-Western "The Hi-Lo Country" (1998), in dem sich nach Ende des Zweiten Weltkriegs vor dem Hintergrund der grandiosen Western-Kulisse von New Mexico eine Dreiecksgeschichte entwickelt.


Frears ließ sich aber nie vom amerikanischen Filmbusiness vereinnahmen, sondern kehrte auch immer wieder zu seinen britischen Wurzeln zurück. Kleine Filme sind seine Roddy Doyle-Adaptionen "The Snapper" (1993) und "Fish & Chips" (1996), die vom proletarischen Alltag in einem fiktiven Dubliner Vorort handeln. In starkem Kontrast stehen diese Produktionen zu einem amerikanischen Film wie "Mary Reilly" (1996), in dem die Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde aus der Perspektive des Hausmädchens erzählt wird.


So vielfältig freilich Frears Werk ist, so zieht sich doch die Beschäftigung mit der Unsicherheit der Identität durch viele seiner Filme. So reift der Plattenladenbesitzer im US-Film "High Fidelity" (2000), indem er dem Zuschauer von seinen gescheiterten Beziehungen erzählt, mit gegensätzlichen Identitäten und Lebensformen spielt er in "The Queen" (2006), der einen Höhepunkt im Werk des Briten darstellt. Kennzeichnet diesen Blick auf das britische Königshaus und Premierminister Tony Blair feine Ironie, so übt er in "Dirty Pretty Things" (2002) mit den Mitteln des Thrillers Kritik an Organhandel und der Ausbeutung von Einwanderern.


Diese Pendelausschläge zwischen Thriller und Komödie scheint Frears ebenso zu brauchen wie die Abstecher in andere Zeiten, andere Milieus oder in die USA. Auf den nostalgischen Blick auf ein Londoner Theater der 1930er Jahre, dem die vornehme Witwe Mrs. Henderson mit nackten Tänzerinnen wieder Einnahmen bescheren will ("Mrs. Henderson Presents", 2005) ließ er mit der Comic-Verfilmung "Tamara Drewe" (2010) eine in der nur auf den ersten Blick idyllischen Provinz spielende Komödie folgen, um dann wieder in den USA mit Bruce Willis, Rebecca Hall und Catherine Zeta-Jones den im Wettmilieu spielenden "Lady Vegas" (2012) zu drehen.


Wiederkehrendes Element in Frears Schaffen, das von Kurzfilmen und Videoclips über TV-Filme und TV-Serien bis zu seinen Kinofilmen laut IMDB beachtliche 69 Titel umfasst, ist auch die Arbeit mit starken Gegensätzen. Denn wie sich in "The Queen" Königin und Premierminister gegenüberstehen, so in "Philomena" (2013) ein Journalist und die 70-jährige Titelfigur, die sich gemeinsam auf die Suche nach ihrem lange verlorenen Sohn machen, oder in "Florence Foster Jenkins" (2016) eine Millionenerbin, die zwar unbegabt ist, aber als Sängerin auftreten will, und ihr Gesangslehrer.


Gemeinsam ist seinen Filmen auch, dass im Zentrum immer die Geschichte und die Figuren stehen, sich die Inszenierung diesen unterordnet. Aus seinem Interesse für die Schicksale der Protagonisten entwickelt sich auch das Interesse des Publikums, dem Frears mal witzige, mal spannende, aber immer niveauvolle Unterhaltung bieten will.


Bis Ende Juni Filmreihe im Kinok St. Gallen


Trailer zu "Dangerous Liaisons"