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  • AutorenbildWalter Gasperi

Teaches of Peaches

Wie wurde aus der Kanadierin Merrill Beth Nisker die Rocksängerin, Performerin und Feministin Peaches? – Philipp Fussenegger und Judy Landkammer zeichnen in ihrem Dokumentarfilm mit großartiger Montage von Archivmaterial und Aufnahmen der "Anniversary Tour 2022" ein mitreißendes Porträt der charismatischen Künstlerin.


Der menschliche Körper und dessen Inszenierung ist – zumindest derzeit – das zentrale Thema in den Filmen des gebürtigen Dornbirners Philipp Fussenegger. Nachdem er im Dokumentarfilm "I Am the Tigress" ein Porträt der afroamerikanischen Bodybuildern Tisha Thomas zeichnete, widmet er sich nun in "Teaches of Peaches", bei dem seine langjährige Editorin Judy Landkammer erstmals Co-Regie führte, der 1966 in Toronto geborenen Künstlerin Peaches.


Während "I Am the Tigress" aber auf begleitende Beobachtung setzte und ganz auf das Hier und Jetzt fokussierte, arbeiten Fussenegger und Landkammer bei "Teaches of Peaches" ganz entscheidend mit einer ausgefeilten assoziativen Montage.


Kurz, aber prägnant sind die Informationen zu den Wurzeln von Peaches als polnisch-jüdische Kanadierin, eindrücklich das Archivmaterial zu ihren ersten musikalischen Aktivitäten als Kindergärtnerin. In scharfem Kontrast stehen diese Bilder der liebevollen Arbeit mit Kindern zu den exzentrischen Bühnenauftritten. Auch der Weg über das Folk-Trio Mermaid-Café und die Noise-Rock Band "The Shit" sowie ihre Erkrankung an Schilddrüsenkrebs werden nur kurz gestreift.


Der Fokus liegt auf dem Spannungsfeld zwischen dem Jahr 2000, in dem sie mit dem Umzug nach Berlin auch die Kunstfigur Peaches schuf und mit "Teaches of Peaches" ihr zweites Studioalbum herausbrachte, und der Tour 2022. Die Jahre dazwischen werden weitgehend ausgespart. In fließender Montage gehen mit privatem Archivmaterial, zu dem Peaches den Filmemacher:innen erstmals Zutritt gewährte, und Aufnahmen von der "Anniversary Tour 2022" sowie Interviews mit Bandmitgliedern und Wegbegleiter:innen Vergangenheit und Gegenwart ineinander über.


Querverbindungen zwischen den Zeiten stellen Songs wie ihr erster Hit "Fuck the Pain Away" her und gleichbleibende, für Peaches zentrale Themen werden so ebenso sichtbar wie Veränderungen. Denn im Aufeinanderprallen der 20 Jahre auseinanderliegenden Aufnahmen wird unweigerlich auch das Altern der inzwischen 58-jährigen Künstlerin bewusst, das sie auch selbst bei ihren Auftritten thematisiert, wenn sie beispielsweise mit einem Rollator als gebrechliche Frau die Bühne betritt.


In diesem Wechselspiel von einst und jetzt wird aber auch sichtbar, wie weit Peaches mit ihrem sexpositiven Feminismus und ihrem Bruch mit Gender-Klischees zur Jahrtausendwende der Zeit voraus. Vor allem ein Ausschnitt aus einem Auftritt im Musiksender Viva macht bewusst, wie sehr sich die Zeiten hinsichtlich öffentlicher Thematisierung von Sexualität seither geändert haben.


Gleichzeitig machen aber ihre Aussagen und ihr T-Shirt "Thank God for Abortion" auch deutlich, wie wichtig für sie der Kampf um die Freiheit des Individuums immer noch ist und weiterhin gekämpft werden muss. Mit diesem Plädoyer für die Freiheit erweist sie sich ebenso als Seelenverwandte Fusseneggers wie mit ihren körperbetonten, Geschlechtergrenzen sprengenden Auftritten.


Beeindruckend ist dabei, wie Fussenegger und Landkammer Archivmaterial, Interviews und Aufnahmen von der Tour, bei der wie schon bei "I Am the Tigress" Dino Osmanovic die Kamera führte, zu einem bruchlosen Ganzen fügten. Großen Sog entwickelt diese Hommage an diese LGBTQ+-Ikone so durch die Montage, wird aber auch entscheidend getragen von der Präsenz der Protagonistin.


Wie sie das Publikum in den Konzerthallen mitreißt und sich von ihren Fans tragen lässt, so reißt auch "Teaches of Peaches" mit. Gleichzeitig werden in diesem ebenso kraftvollen wie anregenden Dokumentarfilm in den Interviews mit Bandmitgliedern und ihres Freundes sowie vor allem mit ihr selbst auch Einblick in ihre Persönlichkeit geboten und das Bild einer Frau gezeichnet, die im Privatleben wesentlich ruhiger und reflektierter ist als bei ihren Bühnenauftritten.

 

 

Teaches of Peaches Deutschland 2024 Regie: Judy Landkammer, Philipp Fussenegger Dokumentarfilm mit: Peaches, Chilly Gonzales, Shirley Manson, Black Cracker, Leslie Feist, Charlie Le Mindu, Bláthin Eckhart, Tif "Teddy" Lamson Länge: 102 min.


Läuft derzeit in den österreichischen und deutschen Kinos und ab 23.5. in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen.


Trailer zu "Teaches of Peaches"



 

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