• Walter Gasperi

"Wichtig ist mir, dass jeder so sein kann, wie er ist": Der Filmemacher Philipp Fussenegger


Philipp Fussenegger

Mit dem mittellangen Spielfilm "Henry" gelang dem 1989 in Dornbirn geborenen Philipp Fussenegger 2016 ein viel beachtetes Debüt. Für Aufsehen sorgte auch die Skilehrer-Comedy "Geld spielt keine Rolex", aber auch mit der Eröffnung des weltweit ersten Cyber-Bordells 2020 in Berlin sorgte Fussenegger für Schlagzeilen. Der Spielboden Dornbirn bietet derzeit mit einer Werkschau Einblick in das vielfältige Schaffen des Filmemachers, mit dem Walter Gasperi für die Juli/August-Ausgabe der Zeitschrift KULTUR folgendes Interview führte.


Walter Gasperi: Du hast zunächst eine Ausbildung für Klassisches Klavier absolviert und dann als Fotograf und Texter in der Werbebranche gearbeitet. Wie bist du dann zum Film gekommen?

Philipp Fussenegger: Bei der Fotografie hat mich immer die Limitierung beim Storytelling gestört, andererseits war das Filmen im analogen Zeitalter sehr aufwändig und schwierig. Mit Einzug digitaler Kameras habe ich mich dann aber dem Film zugewandt. An der Fachhochschule Salzburg habe ich Kenntnisse in den technischen Bereichen erworben und habe dann an die Kölner Kunsthochschule für Medien gewechselt und dort die Praxis gelernt.


Preisgekröntes Debüt: "Henry"

Gasperi: Dein dort entstandener mittellanger Diplomfilm "Henry" stieß auf große Beachtung. Wie bist du auf diese Schulgeschichte und das im Schwarzwald gelegene Kloster St. Blasien als Schauplatz und Drehort gekommen? Fussenegger: Die Themen Leistungsdruck und Mobbing gehen auf eigene Erfahrungen zurück. Schwierig gestaltete sich das Projekt aber durch den Dreh mit Kindern und in einer Kirche. Gleichzeitig ist es für mich aber immer wichtig, eine stimmige Welt zu erschaffen. So baue ich immer entweder auf eigenen Erfahrungen auf oder recherchiere ausführlich über das jeweilige Milieu. Von St. Blasien bekam ich zunächst drei Absagen, ehe ich doch eine Dreherlaubnis erhielt. Wenn das Kloster sowie die Eltern der Kinderschauspieler gewusst hätten, dass die Dreharbeiten nicht wie geplant 12, sondern schließlich 30 Tage in Anspruch nehmen, hätten sie wohl nie zugestimmt. Aber letztlich hat sich der Aufwand gelohnt und "Henry" gewann mit dem First Steps Award den Nachwuchspreis der deutschen Filmakademien. So große Projekte sind als Abschlussfilm an der Kunsthochschule inzwischen aufgrund einer Regeländerung allerdings nicht mehr möglich.

Gasperi: Das Setting und die Kamerafahrten durch die Gänge erinnern an Stanley Kubricks "Shining". Ist das Zufall oder hast du dich von Kubricks Horrorfilm inspirieren lassen?

Fussenegger: "Shining" war hier schon eine Inspiration, an der sich mein Stammkameramann Dino Osmanovic und ich orientierten.


Umstrittene Skilehrer*innen-Comedy


Gasperi: Nach "Henry" hast du den Pilotfilm "Geld spielt keine Rolex" für die Comedy-Serie "Die Skilehrer" gedreht. Das ist doch ein großer Schwenk gegenüber dem ernsten, kühlen und in jeder Einstellung genau geplanten "Henry"? Fussenegger: An der Kunsthochschule musste ich neben dem Diplomfilm auch ein Drehbuch abgeben und so schrieb ich acht Episoden für eine Comedy-Serie. Ich drehte dann den Pilotfilm, da aber keine Produktionsfirma und kein Sender für die weiteren Folgen gefunden werden konnten, blieb es dabei. Gasperi: Die Reaktionen auf diese Skilehrer*innen-Comedy waren dann meines Wissens speziell in Vorarlberg sehr negativ.

Fussenegger: Während der Skilehrerverband die Darstellung der Branche heftig kritisierte, fanden die Skilehrer*innen selbst den Film sehr dokumentarisch. Letzteres liegt sicher auch daran, dass ich wie bei "Henry" auch hier auf meine eigenen Erfahrungen als Skilehrer zurückgreifen konnte. Beim Publikum kommt "Geld spielt keine Rolex" jedenfalls gut an und läuft im bayrischen Hof, wo er an den Filmtagen 2017 seine Premiere feierte, jährlich vor Weihnachten ebenso wie in Berlin im Kino. Comedy sehe ich als große Herausforderung und gewissermaßen als Champions League des Films an, denn es ist eine große Kunst, Leute zum Lachen zu bringen. Ich möchte auch gerne wieder einmal eine schwarze Komödie oder eine Satire machen.


Body-Builderin: „I Am the Tigress”


Gasperi: Du hast dann auch mit Funfairfilms eine eigene Produktionsfirma gegründet.

Fussenegger: Funfairfilms wurde schon in meiner Salzburger Zeit zusammen mit meiner Editorin Judy Lankammer und Dino Osmanovic ins Leben gerufen. Wenn ich auch als Produzent an einem Film beteiligt bin, kann ich viel stärker Form, Inhalt und damit auch die Endfassung mitbestimmen

Gasperi: Bei "Bester Mann", der beim Max Ophüls Preis als bester mittellanger Spielfilm ausgezeichnet wurde, hast du dich dann auf die Rolle als Produzent beschränkt. Regie führte Florian Forsch, der zuvor mehrfach bei dir Regieassistent gewesen war. Wie sah hier die Zusammenarbeit aus?

Fussenegger: Florian hat mir bei "Henry" geholfen, dafür wollte ich ihm etwas zurückgeben. So habe ich ihm bei Drehbuch, Casting und auch am Set bei der Planung der Szenen geholfen.

Gasperi: Danach war die Rede von einem Kinolangspielfilm mit dem Titel "Celine", aber entstanden ist dann der Dokumentarfilm "I Am the Tigress". Worum ging es bei "Celine" und was wurde aus dem Projekt?

Fussenegger: Aus dem geplanten Spielfilm wurde ein Dokumentarfilm, als wir beim Casting von rund 200 Bodybuilderinnen schließlich auf Tischa Thomas stießen. Zuerst bezahlte ich ihr zwar noch ein halbes Jahr Schauspielunterricht, doch dann war für Dino und mich klar, dass diese Frau so stark und ihr Mitteilungsbedürfnis so groß ist, dass wir darüber einen Dokumentarfilm machen müssen.

Gasperi: Und was interessiert dich am Thema Body-Building? Fussenegger: Die stereotypen Bilder dieser Branche störten mich immer. Fasziniert hat mich weibliches Body-Building als starkes Mittel zur persönlichen Entwicklung und zu erkunden, was in Tischa vorgeht.

Gasperi: War Tischa sofort zu diesem sehr persönlichen Film über sie selbst bereit oder musstest du sie lange überreden? Fussenegger: Da sie am Ende ihrer Karriere stand, war sie sofort bereit und wollte alles zeigen, also auch Einblick in die Verwendung von Steroiden oder ihren Job als Sex-Workerin bieten. Gleichzeitig wurde sie damit aus der Szene, die das Bild einer sauberen Branche aufrecht halten will, ausgeschlossen.


Berliner Cyber-Bordell


Gasperi: "I Am the Tigress" ist intensives Körperkino und du selbst arbeitest auch stark mit der Inszenierung deines Körpers. Woher kommt dieses Interesse für den Körper und was fasziniert dich am menschlichen Körper?

Fussenegger: Ich finde, dass die Welt viel zu grau ist und viel bunter sein sollte. Mit Glitter, Schminken, Lackieren der Fingernägel und Klamotten möchte ich diese Buntheit vermitteln und Strukturen aufbrechen. Wichtig ist mir, dass jeder so sein kann, wie er ist, und schön ist es in einer Welt zu leben, in der es so viele Rollenmodelle gibt und queer und LGBTQ+ als normal gilt. Dieses Thema zieht sich mit Protagonisten, die Außenseiter sind, die nach Anerkennung streben, im Grunde auch durch meine Filme.

Gasperi: 2020 hast du in Berlin auch das weltweit erste Cyber-Bordell eröffnet. Was muss man sich darunter vorstellen? Fussenegger: Hier werden Sex-Puppen von Schauspielerinnen gespielt. Diese Puppen empfangen den Gast und man kann mit ihnen reden oder auch Sex haben. Die Männer wiederum interpretieren in die Puppen alles hinein, wonach sie sich sehnen. Ein konkretes Bild davon kann man sich unter https://cybrothel.com/de machen. Ausgangspunkt war mein erster Kurzfilm, in dem ein Mann seiner Mutter im Altersheim erzählen will, dass er mit zwei Sexpuppen lebt. So wuchs mein Interesse an der Frage, was passiert, wenn ein Mensch mit einer Puppe spricht. Während der Corona-Zeit entwickelten wir das Cyber-Bordell mit unterschiedlichen Charakteren wie Kokeshi oder Oxana und unterschiedlichen Rollenspielen. Das Ganze ist sehr futuristisch, aber die Verbindung von Sex und Technologie finde ich faszinierend und wir entwickeln das Konzept sukzessive weiter. Wie im Film kann ich auch bei dieser Spielwiese Welten und Charaktere erschaffen.


Aktuelle Projekte: KitKatClub, Peaches und ein Spielfilm


Gasperi: Gleichzeitig arbeitest du derzeit auch an einem Dokumentarfilm über den legendären Berliner KitKatClub. – Worum geht es hier und wie weit ist dieses Projekt schon fortgeschritten? Fussenegger: Der Film ist finanziert, auch die Kulturabteilung des Landes Vorarlberg leistet einen Beitrag. Gedreht wird im Sommer. Es wird keine Talking Heads geben, sondern ich werde kommentarlos mehrere sowohl heterosexuelle als auch queere Pärchen durch diesen Klub für Individualisten mit der Kamera begleiten. So möchte ich das Publikum in diese Welt eintauchen lassen und sie erfahrbar machen. Gleichzeitig möchte ich dabei aber auch der Frage nachspüren, was eine offene Beziehung ist und welche Absprachen nötig sind, um freie Liebe und Hedonismus zu leben.

Gasperi: Und daneben hast du auch einen dystopischen Science-Fiction-Film mit dem Titel "Kokeshi" in Arbeit. Worum geht es hier?

Fussenegger: Dieses Projekt bin ich am Entwickeln, vor allem aber arbeite ich an einer Romanverfilmung, zu der ich aber noch nicht viel sagen kann. Gedreht wird im Sommer aber auch ein Konzertfilm über die kanadische Electroclash-Sängerin und Musikproduzentin Peaches und ihre Anniversary Tour.


(Zuerst erschienen in der Zeitschrift KULTUR Juli / August 2022)


Spieltermine: Zu schön um wahr zu sein + Henry: 20.10. Die Schilehrer - Geld spielt keine Rolex + Bester Mann: 30.9. (in Anwesenheit des Regisseurs) + 27.10. I am the Tigress: 5.10. (in Anwesenheit des Regisseurs) + 18.10.

jeweils 19.30 Uhr


Weitere Infos unter www.spielboden.at

Trailer zu "Henry"