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  • AutorenbildWalter Gasperi

Tchaikovsky´s Wife


Kirill Serebrennikow fokussiert in seinem Historiendrama auf der Ehefrau des Komponisten Pjotr Iljitsch Tschaikowski (1840 – 1893), die die Zurückweisung durch ihren homosexuellen Mann langsam in den Wahnsinn trieb: In großartigen Plansequenzen gefilmt, fehlt es dem Drama trotz der offensichtlichen Parallelen von Ächtung der Homosexualität im damaligen und im heutigen Russland letztlich doch an Relevanz.


Schon 2013 plante Kirill Serebrennikow einen Kurzfilm über Pjotr Iljitsch Tschaikokwski, der 2015 zum 175. Geburtstag des Komponisten von "Schwanensee" und "Der Nussknacker" veröffentlicht werden sollte. Nach Platzen dieses Projekts konnte Serebrennikov 2016 einen anderen, siebenminütigen Kurzfilm über Tschaikowski fertigstellen.


Den nun vorliegenden Langfilm drehte der Regisseur, der 2017 wegen angeblicher Veruntreuung staatlicher Gelder verhaftet, zunächst zu Hausarrest und 2020 zu einer dreijährigen Bewährungsstrafe verurteilt wurde, im Sommer 2021 in Moskau. Kurz nach Beginn des Ukrainekriegs verließ der heftige Kritiker Putins aber seine Heimat und lebt seither in Berlin. "Tchaikovsky´s Wife" feierte so auch nicht als offizielle russische Produktion, sondern als unabhängiges Projekt 2022 bei den Filmfestspielen von Cannes seine Uraufführung.


Nach dem Blick auf die Leningrader Rockmusik-Szene der frühen 1980er Jahre in "Leto" (2018) und dem alptraumhaften Trip durch das postsowjetische Russland der 1990er Jahre in "Petrov´s Flu" (2021) evoziert Serebrennikov in "Tchaikovsky´s Wife" das zaristische Russland der 1870er bis 1890er Jahre.


Dunklen Straßenszenen mit Bettlern, Obdachlosen und verkrüppelten Schaustellern stehen immer wieder in diffuses Licht und fahle Farben getauchte Innenszenen gegenüber. Beklemmend eng und düster wirkt diese Welt, das Sounddesign mit immer wieder mächtig aufdrehender beunruhigender Musik steigert diese bedrückende Stimmung. Nur einzelne in warme Braun- und Goldtöne getauchte Feste bilden einen Gegenpol dazu.


Im Mittelpunkt steht die ebenso hübsche wie intelligente Aristokratin Antonina Miljukowa (Alyona Mikhailova), die sich in den Kopf gesetzt hat, Tschaikowski, der vom 2016 bis 2022 in Russland lebenden Amerikaner Odin Lund Biron gespielt wird, zu heiraten. Reagiert der Komponist auf die Briefe Miljukowas zunächst abweisend, gibt er ihrem Drängen - vielleicht auch aufgrund ihrer Drohung im Falle einer Absage Selbstmord zu begehen - schließlich doch nach. Von vornherein weist er sie aber darauf hin, dass sie keine Leidenschaft, sondern höchstens eine Beziehung wie zu einem Bruder erwarten dürfe.


In Andeutungen wie dieser schimmert von Anfang an Tschaikowskis Homosexualität durch, über die er in der Öffentlichkeit nicht sprechen darf. In der Heirat sieht er nun auch eine Chance diesbezügliche Gerüchte zum Verstummen zu bringen. In diesem Blick auf eine homophobe Gesellschaft spiegelt Serebrennikow, der selbst auch offen homosexuell ist, die Situation im Russland Putins, in dem Homosexualität gesellschaftlich tabuisiert ist und positive mediale Äußerungen dazu mit Strafe belegt sind.


Doch nicht Tschaikowski, sondern entsprechend dem Titel seine Frau Antonina steht im Zentrum des Films. Akzeptiert sie zuerst die Hinweise des Mannes auf seine Schwächen und seine Einwände gegen die Ehe, so wird sie doch bald fordernder, als er sich ihr zunehmend entzieht.


Getragen von einer starken Alyona Mikhailova in der Hauptrolle gelingt Serebrennikov ein dichtes Psychogramm dieser von ihrer Liebe besessenen und auch Besitz ergreifenden Frau, die mit der Zurückweisung nicht fertig wird, eine Scheidung auf keinen Fall akzeptieren will und zunehmend dem Wahnsinn verfällt.


In großartigen Plansequenzen folgt die bewegliche Kamera von Vladislav Opelyants Antonina durch die Räume oder durch die Straßen zur Kirche, wo sie erfolglos für die Erfüllung ihrer Wünsche betet. Die visuelle Raffinesse und Opulenz, die in einer furiosen Plansequenz eines Tanzes quer durchs Haus gipfelt, ist "Tchaikovsky´s Wife", dessen Bilder teilweise an Gemälde erinnern, nicht abzusprechen, doch der Gegenwartsbezug bleibt insgesamt gering.


In der Vergötterung Tschaikowskis durch seine Gattin eine Spiegelung der Verehrung eines Teils des russischen Volkes für Vladimir Putin zu sehen, wirkt doch reichlich spekulativ und führt auch zu keinem echten Erkenntnisgewinn. Und weil letztlich auch die Protagonistin mit ihrem unerbittlichen Klammern nicht gerade eine Sympathieträgerin ist, deren Schicksal man gefesselt folgen würde, bleiben bei der doch beachtlichen Laufzeit von fast zweieinhalb Stunden auch Längen nicht aus.



Tchaikovsky´s Wife Russland / Frankreich / Schweiz 2022 Regie: Kirill Serebrennikov mit: Alyona Mikhailova, Odin Lund Biron, Miron Fedorow, Yulija Aug, Philipp Awdejew, Ekaterina Ermishina, Andrei Burkowski Länge: 143 min.



Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen


Trailer zu "Tchaikovsky´s Wife"


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