• Walter Gasperi

Sundown - Geheimnisse in Acapulco


Nach der schockierenden gesellschaftlichen Dystopie "Nuevo Orden - Die neue Weltordnung" legt der Mexikaner Michel Franco ein existentielles Drama um einen Mann vor, der sich aus unerklärlichen Gründen von seinem bisherigen Leben zurückzieht: Ein geschickt mit Geheimnissen spielender, konzentriert inszenierter und stark gespielter leiser Thriller auf den Spuren von Albert Camus "Der Fremde".


Mit sieben Filmen hat sich der 1979 geborene Mexikaner Michel Franco zu einem viel beachteten Vertreter des aktuellen Weltkinos entwickelt. Schon sein Spielfilmdebüt "Daniel & Ana" (2009) wurde in Cannes in der Sektion Quinzaine des Réalisateurs präsentiert. Drei Jahre später gewann er mit "Después de Lucia" (2012) in Cannes den Hauptpreis in der Sektion Un Certain Regard und 2015 wurde "Chronic" in Hauptbewerb des renommierten Festivals mit dem Drehbuchpreis ausgezeichnet.


Einem breiteren Publikum wurde Franco schließlich 2020 mit der brutalen Dystopie "Nuevo Orden - Die neue Weltordnung" bekannt, die in Venedig mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde. Schon ein Jahr später präsentierte Franco am Lido di Venezia mit "Sundown" seinen nächsten Film. Mit Acapulco wählte er dabei einen Schauplatz, an dem er selbst in der Kindheit seine Ferien verbracht hatte, und die Hauptrolle besetzte er wie schon in "Chronic" mit Tim Roth.


Nichts Gutes verheißt die erste Einstellung, in der man auf dem Deck einer Yacht liegende Fische nach Sauerstoff schnappen sieht. Den Gästen auf dem Schiff geht es aber scheinbar bestens, denn der Brite Neil (Tim Roth) verbringt mit seiner Schwester Alice (Charlotte Gainsbourg) und deren beiden Teenager-Kinder im mexikanischen Badeort in einem Luxusresort den Urlaub.


Neben Trips mit der Yacht liegt man am Pool, spielt Domino, genießt am Abend bei Live-Musik das Dinner und schon am Morgen Cocktails oder schaut den berühmten Klippenspringer zu, für die es dann auch ein Trinkgeld gibt. Hermetisch abgeriegelt scheint diese Welt der Oberschicht, die Einheimischen sind nur als Angestellte oder mit den Klippenspringern oder der Sängerin als Unterhalter präsent.


Mit lichtdurchfluteten Sommerbildern und langen Einstellungen evoziert Franco intensiv die lethargische Urlaubsstimmung, bis ein Anruf aus England Alice erschüttert: Die Mutter wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Wenig später folgt die Nachricht, dass sie verstorben sei. Dem sichtbaren Schock von Alice steht eine überraschende Emotionslosigkeit Neils gegenüber. Für Alice ist aber klar, dass sie alle nun so schnell wie möglich nach London zurückkehren. Doch am Flughafen erklärt Neil, dass er seinen Pass im Hotel vergessen habe und mit dem nächsten Flug nachkommen werde.


Doch Neil kehrt nicht ins Luxushotel zurück, sondern bezieht in einer einfachen Absteige Unterkunft, beginnt mit einer jungen Verkäuferin eine Affäre, verbringt mit ihr mit den einheimischen Massen die Tage an einem Strand. Die Welt scheint ihn nicht mehr zu interessieren. Auch als ein Mann am Strand neben ihm erschossen wird, bleibt er teilnahmslos und auf die Anrufe seiner Schwester, die seine Rückkehr nach England erwartet, reagiert er zunehmend weniger.


Enigmatisch bleibt dieser Mittfünfziger. Einzig, dass er weder Frau noch Kinder hat, erfährt man über ihn. Langsam sickert aber durch, dass seine Familie mit Schweinezucht und Schlachthof in England ein Vermögen gemacht hat, doch für sein Erbe scheint sich Neil nicht zu interessieren.


Mit größter Zurückhaltung und betont ausdruckslos spielt Tim Roth diesen Mann, der aus lange unerklärlichen Gründen mit seinem bisherigen Leben abgeschlossen zu haben scheint. Seine Distanz zum Leben und seine Teilnahmslosigkeit, die auch Assoziationen an Albert Camus „Der Fremde“ weckt, werden dabei durch Francos unaufgeregte Inszenierung meisterhaft verstärkt.


In langen Einstellungen beobachtet er. Statt mit Schuss-Gegenschussstrategie das Publikum in Gespräche zu involvieren und zu emotionalisieren, bleibt die Kamera von Yves Cape mit statischen halbnahen Einstellungen distanzierter und teilnahmsloser Beobachter wie Neil selbst. Immer wieder blickt die Kamera zwar in die gleissende Sonne, doch so hell auch der Tag ist, näher kommt man diesem Mann nicht.


Für Dramatik sorgen einzig einzelne abrupt einbrechende Momente brutaler Gewalt. In diesen, aber auch in der Verlagerung der Handlung vom Luxusresort in die Welt der einfachen Mexikaner weitet sich „Sundown“ vom individuellen Drama zum gesellschaftskritischen Film, der wie schon „Nuevo Orden“ die große Kluft zwischen Ober- und Unterschicht und das daraus resultierendes Aggressions- und Gewaltpotential sichtbar macht.


Spürbar wird diese Kluft auch im Wechsel der Locations, wenn das blitzblanke und kühl designte Luxusresort durch eine heruntergekommene Absteige abgelöst wird und schließlich der Weg auch noch in ein in schmutzige Farben getauchtes, dreckiges Gefängnis führt. Aber auch durch die durchgängige Zweisprachigkeit wird mit Englisch als Sprache der ausländischen Ober- und Spanisch als Sprache der einheimischen Unterschicht dieser Klassengegensatz vermittelt.


Dieser gesellschaftskritische Aspekt bleibt aber im Hintergrund gegenüber dem Schicksal Neils, hinter dessen Verhalten sich schließlich ein existentielles Drama enthüllt. Etwas schal, weil schon oft verwendet und damit klischeehaft mag sein schließlich gelüftetes Geheimnis sein, gleichzeitig kommt man als Zuschauer*in damit diesem Mann aber näher, wird direkt involviert in sein Problem und muss auch für sich selbst darüber reflektieren.


Mag man zunächst irritiert sein und ratlos Neil folgen, so gewinnt dieser nicht zuletzt dank des herausragenden Spiels von Tim Roth dichte und konzentriert inszenierte Mix aus leisem Thriller und Drama durch die Offenbarung im Finale und das abrupte offene Ende Durchschlagskraft und bleibt haften.



Sundown Mexiko / Frankreich / Schweden 2021 Regie: Michel Franco mit: Tim Roth, Charlotte Gainsbourg, Iazua Larios, Henry Goodman, Albertine Kotting McMillan, Samuel Bottomley, Mónica Del Carmen Länge: 83 min.

Läuft derzeit in den deutschen und Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan. - Ab Anfang Juli in den österreichischen Kinos Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Mi 27.7., 20 Uhr


Trailer zu "Sundown"