• Walter Gasperi

New Order - Nuevo orden


Mit eisiger Kälte erzählt der Mexikaner Michel Franco, wie gesellschaftliche Ungleichheit zu Revolution und Chaos führt, bis eine noch brutalere neue Ordnung installiert wird. – Der beim Filmfestival von Venedig 2020 mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnete Film schockt mit drastischen Gewaltszenen, bleibt in der gesellschaftlichen Analyse aber sehr oberflächlich.


Schon der Einstieg mit einer im strömenden Regen stehenden nackten, mit grüner Farbe übergossenen Frau, Bildern der Zerstörung und sich stapelnden Leichen zielt darauf ab, das Publikum zu schocken. Mit dem Blick in ein Krankenhaus, in dem Patienten aus ihren Betten gerissen werden, weil der Platz für andere benötigt werde, treten an die Stelle der statischen Bilder konkrete gewalttätige Handlungen.


Während hier die Welt aus den Fugen ist, wird in einer Villa die Hochzeit der Politikertochter Marianne mit dem Sohn eines Bankers gefeiert. Der Gewalt und dem Chaos auf den Straßen steht die Festgesellschaft gegenüber, die sich in nobler Kleidung bei Sekt und Häppchen amüsiert. Es wird getanzt, gekokst und Smalltalk geführt, ist man durch eine Mauer doch scheinbar bestens gegen die Außenwelt abgeschottet. Doch die Spaltung der Gesellschaft ist auch hier sichtbar, denn der feiernden europäisch-weißen Oberschicht stehen die indigenen Hausangestellten und Security-Kräfte gegenüber.


Eine erste Irritation und Verunsicherung stellt sich ein, wenn die Hausherrin feststellen muss, dass grünes Wasser aus dem Hahn fließt. Bald treffen auch Hochzeitsgäste ein, deren Auto mit grüner Farbe beworfen wurde, denn draußen toben Unruhen. Starke Farbakzente setzt Michel Franco, wenn er dem giftigen Grün als Farbe der Rebellion das leuchtende Rot des Hosenanzugs von Marianne gegenüberstellt.

Wie die Farbdramaturgie effektvoll sein soll, zielt die gesamte Inszenierung auf Drastik. Zwischentöne haben hier keinen Platz. Mit einem ehemaligen Hausangestellten, der um finanzielle Unterstützung für die Herzoperation seiner Frau bittet, die aufgrund der Unruhen von der staatlichen Klinik in eine teure Privatklinik verlegt werden musste, lässt Franco die Unterschicht auf die Oberschicht treffen. Wenig Mitleid zeigt die Hausherrin mit dem älteren Mann, hält ihn zunächst hin, will ihn dann mit einem kleinen Betrag abspeisen.


Nur die Braut setzt sich für ihn ein, will mit ihm zu seiner Wohnung im Slum fahren, gerät aber in eine Straßensperre, während das Hochzeitsfest von der Unterschicht gestürmt wird. Wie hier nicht lange gefackelt wird und mehrere Gäste erschossen werden, zögert auch das Militär beim Einsatz der Waffen nicht.


Auch die Hausangestellten sehen die Chance zur Rache gekommen und plündern das Haus, während das Militär Kinder der Reichen entführt, um Lösegeld zu erpressen. Auch Massenvergewaltigungen bleiben dabei nicht aus. Die Verbrechen werden aber den Aufständischen in die Schuhe geschoben werden, die dann hingerichtet werden, sodass eine neue – diktatorische – Ordnung installiert werden kann.


Im klinisch kalten Blick auf diese Entwicklungen erinnert "New Order – Nuevo orden" an Pier Paolo Pasolinis "Salo – Die 120 Tage von Sodom". Keine Sympathieträger und keine Identifikationsfiguren gibt es hier. Keine Charaktere werden entwickelt, sondern auf Typen reduziert bleiben die Figuren. Emotionslos schildert Franco die Eskalation der Ereignisse, schaut auch ungerührt hin, wenn Menschen eiskalt erschossen werden. Schwer zu ertragen macht diese Gefühlskälte diese weder zeitlich noch örtlich genauer verankerte Dystopie, zynisch ist das aber wohl kaum, denn man spürt doch Francos Bestreben aufzurütteln und zu einem gesellschaftlichen Umdenken anzuregen, ehe es zu der hier geschilderten Eskalation der Gewalt kommt.


Fragen muss man sich freilich, ob dazu wirklich so drastische Mittel nötig sind, und ob es nicht ergiebiger wäre die gesellschaftlichen Verhältnisse differenzierter auszuleuchten. Hierin bleibt "New Order – Nuevo orden", den man vielfach mit Bong Joon-hos "Parasite" verglichen hat, nämlich äußerst plakativ und oberflächlich, denn Franco beschränkt sich weitgehend darauf weiße Oberschicht und indigene Unterschicht sowie das Militär als dritten und zentralen Player einander gegenüberzustellen. – Der Erkenntnisgewinn bleibt somit insgesamt gering, aufrütteln und erschüttern wird dieser Film aber gerade mit seiner Drastik und Schonungslosigkeit dennoch.


Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino in Schaan TaSKino Feldkirch im Kino Rio: 11.9. - 16.9.

Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Do 28.10., 20 Uhr

Trailer zu "New Order - Nuevo orden"