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  • AutorenbildWalter Gasperi

Stella. Ein Leben

Stella Goldschlag war als Jüdin einerseits Opfer der NS-Herrschaft, andererseits Täterin, indem sie, um sich selbst und ihre Eltern zu retten, zahlreiche Jüd:innen an die Nazis verriet. – Kilian Riedhof zeichnet mit Paula Beer in der Titelrolle das Leben dieser ambivalenten Frau zwar in opulenter Ausstattung, aber auch sehr kurzatmig und glatt nach.


Immer noch gibt es zur NS-Herrschaft Themen zu entdecken, die filmisch noch nicht oder nur wenig aufgearbeitet wurden. Nachdem Maggie Peren mit "Der Passfälscher" die Autobiographie des Juden Cioma Schönhaus verfilmte, fokussiert Kilian Riedhof nun auf der 1922 geborenen Stella Goldschlag (Paula Beer).


Literarisch setzten sich zwar schon Peter Wyden 1992 in der Biographie "Stella" und Takis Würger 2019 in seinem umstrittenen Roman "Stella" mit dieser ambivalenten Frau auseinander und mit "Stella – Das blonde Gespenst vom Kurfürstendamm" (2016) gibt es auch ein Musical dazu. In Filmen kam sie bislang aber nur am Rande in Claus Räfles Doku-Drama "Die Unsichtbaren – Wir wollen leben" (2017) und fiktionialisiert in Steven Soderberghs "The Good German" (2006) vor.


Riedhof, der im Vorspann die eigene Sicht auf die Ereignisse betont, spannt nun in einem Prolog, einem Hauptteil und zwei Epilogen den Bogen vom Sommer 1940 über 1943 bis 1957 und 1984. Während im Prolog noch in hellen Bildern und jazziger Musik die trotz der NS-Herrschaft nahezu ungebrochene Lebensfreude junger Jüd:innen gefeiert wird und Stella in einer Band singt und von einer Karriere als Jazz-Sängerin am Broadway träumt, wechselt die Atmosphäre mit einem Schnitt und einem Sprung ins Jahr 1943 abrupt.


Kaltes Blaugrau dominiert die Szenen in der Rüstungsfabrik, in der Stella nun arbeiten muss. Dennoch lässt sie sich nicht einschränken, sondern will trotz allem Spaß und ihr Leben genießen. So entfernt sie am Abend immer wieder den Judenstern, schminkt sich, kleidet sich elegant und geht anonym in einen Tanzsaal oder auch mit einem Nazi in ein Konzert. - Mit ihren blonden Haaren geht sie problemlos als Deutsche durch, doch der Druck auf die Jüd:innen wird zunehmend größer.


Einer Razzia in der Fabrik kann sie gerade noch entkommen und taucht mit ihren Eltern unter. Trotz der Gefahr bewegt sie sich weiterhin in der Öffentlichkeit. Immer wieder gelingt es Riedhof hier Suspense aufzubauen, wenn sie entdeckt und verhaftet zu werden droht, die Szenen dann aber doch noch eine positive Wende nehmen.


Schließlich wird sie aber doch von der Gestapo gefasst, brutal verhört und gefoltert. Um ihre eigene Deportation und die ihrer Eltern nach Auschwitz zu verhindern, erklärt sie sich bereit, gemeinsam mit dem mit ihr befreundeten Passfälscher Rolf als sogenannte "Greiferin" in Berlin untergetauchte Jüd:innen aufzuspüren und an die Nazis zu verraten. Mitschuldig an der Verhaftung, Deportation und Ermordung von 600 bis 3000 Jüd:innen hat sie sich damit gemacht.


Ganz auf Paula Beer hat Riedhof sein Biopic zugeschnitten. Vom Beginn an ist sie praktisch in jeder Szene präsent und trägt den Film mit ihrer Leinwandpräsenz. Zentral ist hier immer wieder ihr Blick in den Spiegel, mit dem die Frage nach der Bewertung dieser Frau und ihrer Taten ans Publikum weitergeleitet wird. Aber auch der sich leitmotivisch durch den Film ziehende Song "Let´s Misbehave" wirft die Frage nach dem Fehlverhalten dieser Jüdin auf, die nach dem Krieg zum Christentum konvertierte und bekennende Antisemitin wurde.


Riedhof selbst bleibt seiner Protagonistin ambivalent gegenüber. Er zeichnet sie einerseits als Frau, die um ihr Überleben kämpft, andererseits aber auch als Verräterin, die zunächst noch Gewissensbisse an den Tag legt, dann aber zunehmend eiskalt agiert. Auch nach dem Krieg scheint jedes Schuldbewusstsein ihr fern zu sein, gleichzeitig gelingt es hier dem Film aber auch ein eindrückliches Bild der Verhöhnung der Opfer in der BRD der 1950er Jahre zu zeichnen. Andererseits lässt die letzte Szene aber wieder die Vermutung zu, dass tief im Innersten Goldschlag doch Schuldgefühle schwer belasteten.


Solide erzählt Riedhof zwar diese Geschichte, erzeugt mit beweglicher Kamera und dynamischem Schnitt Tempo und zieht das Publikum immer wieder ins Geschehen hinein. Dennoch hat er sich insgesamt mit dem großen Stoff übernommen. Trotz aufwändiger Ausstattung will nämlich kaum richtige Zeitstimmung aufkommen, wirken die Bilder doch zu aufgeräumt und kulissenhaft.


Zudem gelingt es dem 52-Jährigen nicht einen echten Erzählfluss zu entwickeln. Vor allem am Beginn ist die Erzählweise sehr kurzatmig. Szenen werden zwar brav aneinandergereiht, doch wirkliche Verdichtung und durchgängiger Spannungsaufbau gelingen kaum, vielmehr zerfällt der Film in einzelne, durchaus auch starke Momente.


Gerade zwei ziemlich surreale und irrlichterne Szene machen deutlich, dass "Stella. Ein Leben" insgesamt doch zu brav ausgefallen ist. Haften bleibt aber, wie Stella und ihr Freund Rolf während eines Luftangriffs in einen Saal mit festlicher Tafel vordringen, in dem sie alleine feiern, während von einer Schallplatte Wagners "Walkürenritt" ertönt. Und noch einprägsamer ist wohl die Szene, in der ein Nazi Stella umarmt und ihr von den Vergasungen in Auschwitz berichtet, während im Hintergrund ein geschmückter Weihnachtsbaum steht und von der Schallplatte "Oh, du fröhliche" den Raum erfüllt. – Mehr solche eigenwilligen und kühnen Szenen hätten diesem Biopic sehr gut getan.  

 

Stela. Ein Leben Deutschland 2023 Regie: Kilian Riedhof mit: Paula Beer, Jannis Niewöhner, Joel Basman, Katja Riemann, Lukas Miko, Bekim Latifi, Damian Hardung, Maeve Metelka, Julia Anna Grob, Rony Herman Länge: 120 min.


Läuft jetzt in den österreichischen Kinos. - Weiterhin auch in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und den deutschen Kinos.


Trailer zu "Stella. Ein Leben"



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