• Walter Gasperi

Der Passfälscher


Ein junger Jude lässt sich vom nationalsozialistischen Terror die Lebenslust nicht nehmen und schlägt sich als Passfälscher mit Charme und Chuzpe durch: Solide, aber auch sehr biedere und langatmige Verfilmung von Cioma Schönhaus´ Autobiographie.


2017 zeichnete Claus Räfle im Doku-Drama "Die Unsichtbaren – Wir wollen leben" packend das Schicksal von vier Jüd*innen nach, die sich während des Zweiten Weltkriegs in Berlin im Untergrund durchschlugen. Unter den Porträtierten war auch Cioma Schönhaus, dessen 2004 erschienene Autobiographie Maggie Peren nun adaptierte.


Aufgrund der Vorlage liegt der Fokus ganz auf Schönhaus, jedes Umfeld wird ausgespart. Seine Perspektive dominiert den Film. Auch Vor- und Nachgeschichte bleiben außen vor, ganz auf die Jahre 1942/43 konzentriert sich Peren.


Unmittelbar setzt "Der Passfälscher" mit dem gehetzten Gang Ciomas (Louis Hofmann) durch die Gänge des Berliner Fundbüros ein. Abrupt bricht die Szene mit den Vorspanntiteln aber ab und erst nach einer Stunde wird Peren zu diesem Auftakt zurückkehren. Die Spannung, die solche Einstiegsszenen aufbauen sollen, stellt sich hier allerdings kaum ein, denn zu diffus bleibt diese Szene.


Von diesem Auftakt geht es zurück zu Ciomas Leben in der Wohnung der in die Vernichtungslager deportierten Familie. Cioma selbst entging der Deportation, weil er mit einem Job an der Drehbank einer Rüstungsfirma in "kriegswichtiger Industrie" gebraucht wurde. An diesem Arbeitsplatz erhält er den Tipp für einen Job als Grafiker und beginnt so bald für einen oppositionellen Anwalt (Mark Limpach) Pässe für Menschen zu fälschen, die ins Ausland flüchten wollen.


Vom Terror des NS-Regimes wollen sich Cioma und sein Freund Det (Jonathan Berlin), den Cioma in seiner geräumigen Wohnung aufnimmt, aber weder einschüchtern noch die Lebenslust nehmen lassen. Während Det mit seinem Charme immer wieder Lebensmittel beschafft, erhält Cioma für seine Passfälschungen Lebensmittelkarten. An Regeln hält er sich kaum, benutzt entgegen den Vorschriften die Straßenbahn, nimmt zusammen mit Det, als Marineoffiziere verkleidet, am Nachtleben teil oder diniert immer wieder in einem vornehmen Restaurant inmitten von Nazibonzen.


Immer wieder gelingt es ihm mit Chuzpe, Charme und Einfallsreichtum den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, dennoch wird seine Lage immer bedrohlicher. Abrupt endet so der Film und erst der Nachspann informiert über das weitere Schicksal Ciomas und der anderen Figuren des Films.


Solide ist der geradlinig erzählte Film zwar inszeniert, aber auch sehr bieder und uninspiriert. Mit der Dominanz von dunklen Farben, von Grau- und Blautönen sowie später mit kalter Winterstimmung soll eine bedrückende Atmosphäre evoziert werden, doch diese bleibt mehr Behauptung als wirklich spürbar zu werden.


Das liegt auch an der bescheidenen Ausstattung und der Beschränkung auf wenige Räume. Nicht nur eine Rückprojektion bei einer Busfahrt durch die Stadt wirkt künstlich, sondern gestellt wirkt auch das opportunistische Agieren von Ciomas Vermieterin Frau Peters (Nina Gummich).


Kaum einmal trifft Peren auch den richtigen Ton und auch Cioma bleibt trotz des engagierten Spiels von Louis Hofmann insgesamt eher blass. Leinwandpräsenz kann hier nur Luna Wedler als Gerda entwickeln, deren Liebesbeziehung mit Cioma aber abrupt endet. Trotz des packenden Themas und der im Grunde starken Figur entwickelt "Der Passfälscher" so nur wenig Spannung und zieht sich zäh über fast zwei Stunden dahin.


Peren will zwar von einem frechen, ja tollkühnen Juden in Zeiten brutalster Verfolgung erzählen, doch fehlt ihr leider letztlich der Mut zu diesem Spagat und der radikalen Antithese zum gängigen Bild von ängstlichen und vom Regime eingeschüchterten Juden: Kaum einmal wird so die Lebenslust von Cioma spürbar, Behauptung bleibt seine Chuzpe statt ansteckend-anarchistische Kraft zu entwickeln. - Gerade angesichts der ebenso ungewöhnlichen wie abenteuerlichen Geschichte, die diesem Film zugrunde liegt, ist das bescheidene Ergebnis umso bedauerlicher.

Der Passfälscher Deutschland / Luxemburg 2022 Regie: Maggie Peren mit: Louis Hofmann, Jonathan Berlin, Luna Wedler, Nina Gummich, André Jung, Marc Limpach, Yotam Ishay Länge: 117 min.



Läuft in den deutschen und österreichischen Kinos


Trailer zu "Der Passfälscher"