• Walter Gasperi

Sing a Bit of Harmony


Coming-of-Age-Geschichte, Musicalelemente und Science-Fiction um künstliche Intelligenz: Nach einem wilden Mix klingt das, doch Yasuhiro Yoshiura gelingt es die gegensätzlichen Elemente in seinem Animé leichthändig zu verbinden und temporeich und bewegend nicht nur von Freundschaft und Glück zu erzählen, sondern auch ein positives Bild einer durchtechnisierten Zukunft zu zeichnen.


Wenn der Teenager Satomi aufwacht und ein intelligenter Assistent im Stil von Alexa oder Siri nicht nur Vorhänge öffnet und die Außentemperatur meldet, sondern auch das Frühstück zubereitet, sind wir in einer nur geringfügig weiter gedachten Zukunft. In die Schule geht es hier dann auch mit einem selbst fahrenden Bus und auf den Feldern arbeiten Roboter statt Menschen.


Während in den meisten Science-Fiction-Filmen und in der Science-Fiction-Literatur solche Bilder einer "Schönen neuen Welt" meist bald in die Dystopie eines diktatorischen Staates, in dem es keine Freiheit des Individuums gibt, kippt, beschwört Yasuhiro Yoshiura eine Utopie, in der die technologischen Entwicklungen das Leben der Menschen durchwegs erleichtert haben.


Wichtigster Arbeitgeber in der fiktiven japanischen Stadt ist folglich auch ein großer Technologie-Konzern, in dem auch Satomis alleinerziehende Mutter arbeitet. Gesellschaftskritik wird spürbar, wenn Yoshiura mehrfach darauf hinweist, dass sie sich in dem von Männern bestimmten Unternehmen mühsam hocharbeiten musste. Ständig droht auch jetzt noch ihre Entlassung. Um ihr Können unter Beweis zu stellen, will sie heimlich einen von ihr entwickelten Teenager-Androiden testen. Fünf Tage soll diese Shion als ganz normale Schülerin unerkannt die Schule ihrer Tochter Satomi besuchen.


Satomi selbst ist trotz der technologischen Entwicklungen nicht wirklich glücklich, sondern gilt als introvertierte Streberin ohne viel Kontakt zu Gleichaltrigen. Dies ändert sich allerdings, als Shion in ihre Klasse kommt, sich sofort um sie kümmert und sie per Song fragt, ob sie denn auch glücklich sei. Während sich im Musical niemand über solche Gesangseinlagen wundert, reagieren hier Satomi und ihre Mitschüler*innen verstört darauf. Humoristisch gebrochen wird somit jeder Anflug von Kitsch.


Wenn Shion Satomi immer wieder nach ihrem Glückszustand befragt, sie selbst aber gar nicht weiß, was Glück überhaupt ist, wird "Sing a Bit of Harmony" zur Reflexion über die Condicio Humana. Zentral wird dabei nicht nur die Frage nach dem Glück, sondern auch nach Freundschaft und Verantwortung, wenn Satomi und vier Mitschüler*innen entdecken, dass es sich bei Shion um eine Androidin handelt.


Um zu verhindern, dass dieses Geheimnis auffliegt, müssen sie zusammenhalten und entwickeln sich zu einer verschworenen Gemeinschaft. Gleichzeitig entwickelt aber auch Shion im Kontakt mit den Teenagern menschliche Eigenschaften. Auch bei Shion steigen so Fragen nach Glück auf und auch die Frage, ob Erinnerungen nicht doch mehr als ein Backup sind, wird aufgeworfen.


Verpackt sind diese existentiellen Themen wie gewohnt in den Animés in eine temporeiche und spannende Erzählung. Ganz auf Augenhöhe mit den Teenagern bleibt Yoshiura dabei, die Erwachsenen spielen nur Nebenrollen. Nicht nur Zusammenhalt und Verantwortung für Shion entwickeln sie, sondern gleichzeitig wird langsam auch klar, wieso Shion so auf Satomi fixiert ist.


Ein so grandioses Feuerwerk wie Mamoru Hosoda zuletzt in "Belle" brennt Yoshiura in "Sing a Bit of Harmony" zwar nicht aber, aber bewegendes und zutiefst humanistisches Kino, das mit seiner positiven Botschaft glücklich macht, wird auch hier geboten.



Sing a Bit of Harmony Japan 2021 Regie: Yasuhiro Yoshiura Animationsfilm Länge: 108 min.

Läuft derzeit in einigen österreichischen, deutschen und Schweizer Kinos, z.B. im Cineplexx Hohenems (nur einzelne Vorstellungen)


Trailer zu "Sing a Bit of Harmony"