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  • AutorenbildWalter Gasperi

Shayda

Noora Niasari erzählt in ihrem von autobiographischen Erfahrungen inspirierten Spielfilmdebüt bewegend von einer in Australien lebenden Iranerin, die mit ihrer sechsjährigen Tochter vor ihrem gewalttätigen iranischen Mann in ein Frauenhaus flüchtet.


Die in Teheran geborene Noora Niasari weiß genau, wovon sie in ihrem Spielfilmdebüt erzählt: Als Fünfjährige lebte sie mit ihrer Mutter in einem australischen Frauenhaus. Dort suchten sie Zuflucht und Sicherheit vor ihrem patriarchalen und gewalttätigen Ehemann bzw. Vater. Aber nicht nur ihrer Mutter, sondern insgesamt den Frauen im Iran, die für ihre Freiheit kämpfen, hat die Regisseurin "Shayda" gewidmet.


Die Angst, die Mutter (Zar Amir Ebrahimi) und Tochter (Selina Zahednia) erfüllt, wird schon in den ersten Bildern des auf 1995 datierten Films spürbar. Während sie die Leiterin des Frauenhauses durch den Flughafen führt , wird der kleinen Mona eingebläut, unbedingt die Polizei zu rufen, falls sie ihr Vater (Osamah Sahi) hierher bringt. Groß ist die Angst nämlich, dass er die Tochter zurück in den Iran entführen will.


Zum Medizinstudium des Mannes ist die Familie nach Australien gekommen, doch spätestens hier ist die Ehe zerbrochen. Nur retrospektiv erfährt man in Telefonaten von einer brutalen Vergewaltigung Shaydas durch ihren Ehemann. Durch den Verzicht auf Bebilderung ist diese Szene nicht nur frei von allem Spekulativen, sondern entwickelt auch große Eindringlichkeit.


Aber auch der westliche Lebensstil seiner Ehefrau war und ist Hossein ein Dorn im Auge, sodass sie schließlich mit der gemeinsamen Tochter ins Frauenhaus geflohen ist und die Scheidung eingereicht hat. Dennoch hat die Behörde Hossein nachmittägliche Besuchstermine für Mona zugestanden.


Bei jeder Begegnung im Einkaufszentrum, in dem Shayda ihm Mona übergibt, werden aber wiederum seine Übergriffigkeit, sein Besitzanspruch und seine Eifersucht spürbar. Er fragt Mona nicht nur über Männerbekanntschaften Shaydas aus, sondern stalkt sie auch und zeigt schließlich bei einer persischen Neujahrsfeier, wozu er fähig ist.


Sehr real und beklemmend wirkt vor diesem Hintergrund die Angst von Mutter und Tochter. Im Frauenhaus, in dem die Shayda immer fürchtet von Hossein entdeckt zu werden, ist sie ebenso präsent wie im Supermarkt, den sie nur mit neuem Haarschnitt, Hut und dunkler Sonnenbrille betritt, um unerkannt zu bleiben. Spürbar wird ihr Schock, wenn sie die Kassiererin dennoch sogleich erkennt und auf ihr verändertes Aussehen anspricht.


Die Beklemmung verstärkt Niasari aber auch durch die Inszenierung. Enge erzeugt so schon das schmale 4:3-Format und die Dominanz von Groß- und Detailaufnahmen verstärkt dieses Gefühl noch. Gleichzeitig lässt diese Nähe der Kamera und die Zeit, die sich die Debütantin für die Schilderung des Alltags von Mutter und Tochter lässt, den Schauspielerinnen viel Raum, um ihren Figuren Profil zu verleihen.


Eindrücklich vermittelt so Zar Amir Ebrahimi, die zuletzt als Journalistin in Ali Abassis Serienkiller-Thriller "Holy Spider" brillierte, die Sorge Shaydas um ihre Tochter, der sie ein möglichst normales Leben bieten möchte, die Angst vor der Gewalt ihres Mannes und die Sehnsucht nach einem befreiten Leben.


Aber auch Selina Zahednia berührt zutiefst als sechsjährige Mona. Im einfühlsamen Blick Niasaris spürt man, wie sie hier persönliche Erfahrungen verarbeitet. Zunehmend greifbarer wird ihre Verstörung über den Konflikt der Eltern und ihre wachsende Angst vor ihrem Vater, der auch Versprechen ihr gegenüber wie einen Besuch des Kinofilms "Der König der Löwen" nicht einhält. Verständlich werden so ihre Alpträume und ihr Bettnässen.


Schildert Niasari den Alltag von Mutter und Tochter ruhig und fast dokumentarisch, so versetzt andererseits eine unruhige Handkamera bei den Begegnungen mit Hossein in die Position Shaydas und überträgt ihre Angst und Anspannung direkt auf die Zuschauer:innen. Doch trotz dieser beklemmenden Momente verfällt "Shayda" nicht in Verzweiflung und Pessimismus, sondern beschwört auch Lebensfreude. Denn da werden im Frauenhaus Süßigkeiten für das persische Neujahrsfest Nouruz vorbereitet, da tanzt und singt Shayda mit Mona, geht mit ihrer weltoffenen iranischen Freundin Elly in eine Disco und lernt auch einen feinfühligen Mann kennen.


Mit zwei Stunden Spielzeit ist dieses unspektakuläre, aber sehr sorgfältig geschriebene und inszenierte und beeindruckend gespielte Drama zwar etwas lang geraten, nimmt aber dennoch mit der detailreichen und intensiven Schilderung der Auswirkungen häuslicher Gewalt und der Abrechnung mit patriarchalen Männern für sich ein und wirkt nach.


Shayda

Australien 2023

Regie: Noora Niasari

mit: Zar Amir Ebrahimi, Mojean Aria, Selina Zahednia, Leah Purcell, Jillian Nguyen, Lucinda Armstrong Hall, Liam McCarthy, Eve Morey, Rina Mousavi, Jerome Meyer, Osamah Sami

Länge: 119 min.



Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und demnächst im Skino Schaan.



Trailer zu "Shayda"


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